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Bundestagsgebäude
Das steckt hinter den Namen

12.04.2017 |

Der Bundestag hat zwei seiner Gebäude nach Matthias Erzberger und Otto Wels benannt. Was hat es mit diesen beiden Abgeordneten aus der Zeit der Weimarer Republik auf sich? Wir haben nachgeschaut.

Erzberger und Wels

Kämpften für die parlamentarische Demokratie: Matthias Erzberger und Otto Wels – © dpa - Bildarchiv / picture-alliance / akg-images

Der Bundestag, das ist nicht nur das Reichstagsgebäude mit seiner markanten Kuppel. Die Büros der Abgeordneten, Sitzungs- und Arbeitsräume, Verwaltung und so weiter würden dort gar nicht alle reinpassen. Das meiste ist in den Gebäuden des Parlamentsviertels untergebracht. Aber auch Unter den Linden, und damit strenggenommen außerhalb des besagten Parlamentsviertels, gibt es noch zwei Bundestagsgebäude. Die haben jetzt neue Namen bekommen: Otto-Wels-Haus und Matthias-Erzberger-Haus. Aber wer waren diese Leute eigentlich? Dazu unternehmen wir einen kleinen Ausflug in die Geschichte. Zuerst ins Jahr 1918.

Undankbarer Job

Der Job, den der Abgeordnete der Zentrumspartei Matthias Erzberger am 11. November 1918 im Wald von Compiègne zu erledigen hatte, war extrem undankbar. Der Erste Weltkrieg war nach vier grausamen Jahren zu Ende, Deutschland hatte ihn verloren, aber seine wichtigsten Generäle wollten mit dem Waffenstillstand, der nun unterzeichnet werden musste, nichts zu tun haben. Also sollte ein einfacher Abgeordneter der gerade erst ausgerufenen Republik ran: Erzberger.

Viele Deutsche empfanden den verlorenen Krieg und den Friedensvertrag von Versailles als persönliche Schmach. Als derjenige, der das alles mit seiner Unterschrift zu verantworten hatte, wurde er schnell zum "Ziel übelster Schmähungen und Verleumdungen", wie es Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert anlässlich der Benennung des Gebäudes Unter den Linden 71 nach Erzberger am 23. März ausdrückte.

Hass und Mord

Aber das war noch nicht alles. Wer in Deutschland den Hass rechtsextremer Nationalisten auf sich zieht, überlebt mitunter nicht lange. Einen ersten Mordanschlag überstand Erzberger 1920 noch leicht verletzt, einen zweiten ein Jahr später nicht mehr.

"Dass wir Persönlichkeiten ehren, die in ihrem Kampf um Demokratie und Parlamentarismus scheiterten und dafür sogar mit dem Leben bezahlten, ist keine deutsche Besonderheit – der Schleier des Vergessens aber, der vielfach über den Wegbereitern unserer Demokratie liegt, schon. So gibt es in Berlin einen Hindenburgdamm, aber bis heute keine Straße und keinen Platz, der an Matthias Erzberger erinnert", sagte der Bundestagspräsident.

Das Parlament entmachtet sich

Paul von Hindenburg war einer der führenden Generäle im Ersten Weltkrieg und half später mit, die Weimarer Republik ins Jenseits zu befördern. Am 23. März 1933 gewährte Hindenburg, mittlerweile Reichspräsident, mit einer Verordnung "für Straftaten, die im Kampfe für die nationale Erhebung des Deutschen Volkes, zu ihrer Vorbereitung oder im Kampfe für die deutsche Scholle begangen sind" Straffreiheit. Zu den Begnadigten gehörten auch die Mörder Erzbergers.

Einen Tag später besiegelte das sogenannte Ermächtigungsgesetz das Ende der Weimarer Republik: Das Parlament stimmte seiner eigenen Entmachtung zu. Das Ermächtigungsgesetz hieß offiziell "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" und stattete den Regierungschef – Adolf Hitler – mit weitreichenden Machtbefugnissen aus. Zwei Drittel der Abgeordneten stimmten unter Druck von SA und SS für das Gesetz, nur die Sozialdemokraten blieben standhaft.

Letzte Worte gegen die Diktatur

Die kommunistischen Abgeordneten waren zu diesem Zeitpunkt schon alle im Gefängnis. Der SPD-Abgeordnete Otto Wels war der letzte, der sich im Reichstag für die Demokratie aussprach. Das Ermächtigungsgesetz trat dennoch in Kraft, Hitlers Diktatur war damit endgültig etabliert. Wels ging nach Prag und später nach Paris, wo er bis zu seinem Tod 1939 einer der führenden Köpfe der Exilorganisation seiner Partei blieb. Nun ist das Gebäude Unter den Linden 50 nach ihm benannt.

Wels' letzte Rede im Reichstag, so Bundestagspräsident Lammert, sei ein Symbol dafür gewesen, "dass – auch unter dem eskalierenden Terror – Widerstand möglich und nötig war". "Wir erinnern an die Lebensleistung zweier herausragender Parlamentarier, die beispielgebend moralische Größe und demokratische Haltung bewiesen – zu einer Zeit, als es auch in Deutschland tatsächlich Mut brauchte, um für seine Überzeugungen einzutreten. Ihr Vermächtnis ist und bleibt uns anvertraut", so der Bundestagspräsident.

(DBT/ah)

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