Die "leo. Level-One Studie" hatte 2010 das Bildungsministerium in Auftrag gegeben. Das schockierende Ergebnis: In Deutschland leben rund 7,5 Millionen Analphabeten zwischen 18 und 65 Jahren. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, aber keine Texte.
Rund vier Prozent der Bevölkerung sind laut "leo" Analphabeten im engeren Sinne: Sie können einzelne Wörter lesen und schreiben, allerdings keine ganzen Sätze. Etwa 57 Prozent von ihnen sind erwerbstätig. Prof. Dr. Anke Grotlüschen von der Uni Hamburg, die die Studie geleitet hat, erklärte dem Bildungsausschuss in der Sitzung am 8. Februar 2012, dass dabei vor allem an- und ungelernte Arbeitnehmer betroffen sind.
"Jeder fünfte 15-Jährigen versteht Texte nicht richtig"
Dennoch gebe es auch unter den Auszubildenden funktionale Analphabeten, betonte Dr. Günter Lambertz vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Ein Großteil von ihnen bestehe jedoch die Prüfung am Ende der Ausbildung. Hilfe und Druck durch Unternehmen könnten also durchaus Erfolg haben. Allerdings stoße Analphabetismus im eigenen Betrieb bei vielen Unternehmen auf Unverständnis.
Laut Dr. Jörg Maas von der Stiftung Lesen hat jeder fünfte 15-Jährige ein defizitäres Textverständnis. Diese Jugendlichen liefen Gefahr, irgendwann als Analphabeten in der Statistik aufzutauchen. Die Alphabetisierung müsse bereits bei der frühkindlichen Bildung anfangen und nicht nur die 18- bis 65-Jährigen im Blick haben.
"Es geht nicht nur ums Lesen und Schreiben"
"Das Problem trifft die Mitte der Gesellschaft", sagte Matthias Anbuhl vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Von dem Ziel der sogenannten Weltalphabetisierungsdekade von 2003 bis 2012, die Zahl der Analphabeten zu halbieren, sei Deutschland weit entfernt. Vor allem fehlten eigene Ansätze der Bundesländer. Außerdem sei die Bundesagentur für Arbeit in der Pflicht, die derzeit vor allem kurzfristige Hilfen finanziere: "Die Maßnahmen greifen ins Leere, wenn die betreffende Person nicht anständig lesen und schreiben kann."
Bei der Strategie dürfe es nicht allein um das Lernen von Lesen und Schreiben gehen, betonte Ulrich Aengenvoort vom Deutschen Volkshochschul-Verband. Ziel müsse sein, die volle berufliche, gesellschaftliche und ökonomische Teilhabe der Betroffenen zu gewährleisten. Ein flächendeckendes, wohnortnahes Grundbildungsangebot sei notwendig, das alle Lebensbereiche umfasse. Dazu seien unter anderem neue Kursleiter, ein gemeinsames Curriculum und Schwerpunkteinrichtungen nötig.
Die SPD-Fraktion hatte die Regierung schon im Frühjahr in einem Antrag aufgefordert, 20 Millionen Euro für einen Grundbildungspakt von Bund, Ländern und Kommunen zur Verfügung zu stellen.
4,4 Millionen Analphabeten deutsche Muttersprachler
Die Länder müssten bundesweit rund 100.000 Kursplätze zur Verfügung zu stellen, sagte Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung. Wichtig sei zudem die Einrichtung von Clearingstellen, die die Aktivitäten von Bund und Ländern zusammenführen. Daneben forderte auch er eine "verlässliche Grundbildungsinfrastruktur": Bislang seien die Fördermaßnahmen vom Bund vor allem projektbezogen.
Auf die Alphabetisierungsarbeit bei Migranten machte Carola Cichos vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aufmerksam. Laut der "leo"-Studie haben 4,4 Millionen Analphabeten Deutsch als Muttersprache, 3,1 Millionen eine andere Sprache. Doch nur 12.000 von ihnen besuchten pro Jahr einen Alphabetisierungskurs.








