Wenn Nora in der Küche des Restaurants in Berlin-Mitte steht, Béchamelsoße anrührt, Filets zart anbrät und Desserts zaubert, ist die 24-jährige ganz in ihrem Element. Die Rezepte hat sie alle im Kopf. Müsste sie die Anleitungen erst lesen, würden die Gäste lange auf ihre Bestellung warten. Denn Nora ist eine sogenannte funktionale Analphabetin.
Nach einer aktuellen Studie im Auftrag des Bildungsministeriums können 7,5 Millionen Menschen in Deutschland nicht lesen und schreiben – etwa jeder siebte Erwerbsfähige. Funktionale Analphabeten wie Nora erkennen zwar Buchstaben und sind durchaus in der Lage, einzelne Sätze zu schreiben und zu lesen. Doch zusammenhängende Texte können sie nicht verstehen. Weitere 2,3 Millionen Menschen scheitern hierzulande bereits an ganzen Sätzen, sie können nur einzelne Wörter lesen und schreiben.
Irgendwie durchgemogelt
Nora spricht mit kräftiger Stimme und gibt sich selbstsicher und offen. In ihr sah es oft anders aus: "Mir ging es lange Zeit schlecht." Die Angst – ausgelacht, für dumm gehalten oder ausgeschlossen zu werden – ist typisch für Analphabeten.
Die Schwierigkeiten begannen mit der Einschulung. Beim ABC kam Nora noch mit, dann waren ihre Mitschüler schneller. Die erste Klasse musste Nora wiederholen, in der zweiten war klar, dass sie nicht mehr mitkommt. "Auch meine Mama merkte, dass mit mir was nicht stimmt", erzählt die Tochter einer Deutschen und eines Libanesen. Ihre Mutter habe oft das Gespräch mit ihren Lehrern gesucht. Doch Antworten blieben aus, niemand zog Analphabetismus als Ursache in Erwägung.
Bei der Bewerbung halfen Freunde
Ab der dritten Stufe wurde sie auf eine Sonderschule geschickt. Dort boxte sich Nora all die Jahre ehrgeizig durch. Bei den Hausaufgaben ließ sich die Schülerin von Freunden helfen, ihre Noten verbesserte sie durch Referate. Die Lehrer kamen ihr entgegen und unterstützten sie. So schaffte Nora sogar den Hauptschulabschluss. Damit gehört sie zu den rund 48 Prozent der funktionalen Analphabeten, die einen unteren Bildungsabschluss haben. Etwa 19 Prozent können dagegen keinen Schulabschluss vorweisen.
Insgesamt elf Jahre Schulzeit lagen schließlich hinter Nora, trotzdem konnte sie weder lesen noch schreiben. Diese Situation machte der Berlinerin zu schaffen – erst recht, als sie in die erste eigene Wohnung zog. Die neue Selbständigkeit forderte sie heraus: "Plötzlich musste ich amtliche Briefe beantworten, Miete zahlen. Ich wollte endlich auch normal sein." Dazu kam das schriftliche Bewerben um einen Ausbildungsplatz: Ihre Freunde verbesserten jene Wörter, die das Rechtschreibprogramm rot unterstrich. Nora bekam die Ausbildungsstelle als Köchin – auch weil ihre Ausbilder "zum Glück mehr Wert auf Inhalt und Wissen legten als auf eine perfekte Rechtschreibung".
Die Diagnose: eine Erleichterung
Analphabetismus ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden: 13 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland sind funktionale Analphabeten, 15 Prozent der 30- bis 49-Jährigen. Von den 50- bis 64-Jährigen sind 16 Prozent betroffen. Mit 19 raffte sich Nora auf und begann, richtig lesen und schreiben zu lernen – ihre Berufsschullehrerin ermutigte sie zu diesem Schritt. Sie gab ihr Privatunterricht und ging mit ihr zu einem Arzt, der anhand vieler Tests den Analphabetismus belegte. Für Nora war das Ergebnis eine Erleichterung: "Da wurde mir klar, dass ich kein dummes Mädchen bin."
Gemeinsam mit ihrer engagierten Lehrerin suchte sie nach Hilfskursen für erwachsene Analphabeten. Zwei Mal in der Woche besuchte sie einen Lese- und Schreibkurs; dort lernte sie, Worte zu Sätzen zu formen und daraus ganze Texte zu machen. Schnell zeigten sich erste Erfolge: "Klar kostete das Überwindung. Aber ich konnte immer besser, immer fließender lesen. Das war ein gutes Gefühl – man geht ganz anders durchs Leben."
Improvisieren, um nicht aufzufallen
Alphabetisierung nennt sich dieser Prozess der Vermittlung von Lese- und Schreibfähigkeit. Betroffene, die sich entschließen einen Kurs zu besuchen, wollen unabhängig werden und die Scham, Angst und Unsicherheit überwinden. In ihrer Lerngruppe lernte Nora andere Betroffene kennen. Man verstand sich gut, sprach sich aus, stellte Gemeinsamkeiten fest: Analphabeten sind gut im Improvisieren und Meister im Finden von Ausreden: Wenn der Fahrplan der neuen Buslinie nicht verständlich ist, kaschiert das eben die "vergessene" Brille. Und beim Schnellimbiss heißt es oft: "Für mich bitte dasselbe".
Analphabetismus ist keine Krankheit, die Ursachen liegen im Zusammenspiel von individuellen, schulischen, familiären und gesellschaftlichen Faktoren. Wie Erfahrungsberichte von Betroffenen zeigen, können zum Beispiel oft auch die Eltern nicht gut lesen und schreiben. Viele erzählen, dass in ihrer Familie kein Wert auf Bücher und Geschichten gelegt wurde. Auch Noras Eltern hatten mit Büchern und Zeitungen nicht viel am Hut.
Noras erstes Buch
An ihr erstes Buch kann sich Nora gut erinnern: "Nomadentochter" von Waris Dirie. "Ich habe es auf einer Bank gefunden und mitgenommen." Wort für Wort, Zeile um Zeile: Mit Disziplin und Ehrgeiz hielt sie bis zur Mitte des Buchs durch – den Rest will sie auch noch bewältigen.
Inzwischen träumt Nora von der eigenen Gaststätte. Und auch der eigenen kleinen Familie. Denn die 24-Jährige ist im neunten Monat schwanger – für Nora ein weiterer Grund, das Lesen und Schreiben zu vertiefen. Schließlich will sie ihrem Kind später Gute-Nacht-Geschichten vorlesen.









