"Chris war fröhlich, lebhaft, hat immer nach vorne geschaut." Wenn Karin Gueffroy ihren Sohn beschreibt, bleibt ihr Gesicht regungslos, nur ihre Stimme bricht ein wenig. An diesem Abend stellt ihr Dr. Maria Nooke von der Stiftung Berliner Mauer die Frage, was ihr Sohn für ein Mensch gewesen sei.
Es war Februar 1989 als schon einmal jemand von Karin Gueffroy wissen wollte, wie sie ihren Sohn beschreiben würde. Damals, im Ostberliner Polizeipräsidium Keibelstraße, hatte sie geantwortet: "Der ist wie ein kleines, wildes Pferd, den kann man nicht in einen Käfig sperren." Kurz darauf erhält sie auf jener Wache die Nachricht, dass ihr Sohn tot ist. Gestorben bei dem Vorhaben "ein Attentat auf eine militärische Einheit zu begehen", wie es der Mann mit der blauen Uniform und den goldenen Abzeichen formuliert, an den sich Karin Gueffroy noch sehr genau erinnert.
Chris Gueffroy wurde im Alter von 20 Jahren erschossen, bei seinem Versuch, mit einem Freund in den Westen zu flüchten – das weiß seine Mutter heute. Er war der Letzte, der beim Versuch die Mauer zu überwinden erschossen wurde.
"Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Schicksal"
Er ist einer der 136 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer umgekommen sind. Um an sie zu erinnern, hat der Deutsche Bundestag am 9. November 2011 in seinem Mauermahnmal ein Buch eingeweiht. In dem Gedenkbuch sind Kurzbiografien und Fotos der oft sehr jungen Männer und Frauen gesammelt. "Wir wollen diesen Menschen ihre Geschichten zurückgeben", sagt Bundestagsvizepräsident Dr. Wolfgang Thierse 22 Jahre nach dem Fall der Mauer.
Diese Geschichten kann nun jeder Ausstellungsbesucher nachlesen, in dem in Leinen gebundenen, großen Buch, das auf einem grauen Sockel liegt. Reste der Mauer erinnern hier im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus daran, dass an dieser Stelle einmal eine graue Wand verlaufen ist. Auf den Beton hat der Künstler Ben Wagin Ziffern geschrieben. Bei der Jahreszahl 1989 steht eine 19 für die Zahl der Opfer. "Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Schicksal. Und daran soll dieses Buch erinnern", sagt Thierse.
Die Todesfälle wurden verschleiert
Mit einem Team von Forschern hat der Historiker Dr. Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam jede einzelne dieser Geschichten ausfindig gemacht, im Auftrag des Kunstbeirates des Bundestages. Die wahre Begebenheit um die Todesfälle zu verschleiern, das war damals das übliche Vorgehen der Staatssicherheit: "An der Mauer Verletzte wurden heimlich auf der Ladefläche von Armeelastwagen abtransportiert, Angehörige wurden belogen, die Toten als Lumpen und Verbrecher bezeichnet", sagt Hertle.
Diese Erfahrung musste auch Karin Gueffroy machen. Das erste Verhör auf dem Polizeipräsidium sollte nicht ihr letztes bleiben. Über Wochen hinweg musste sie aus dem Leben ihres Sohnes erzählen, der seine Ausbildung in einem Sport-Internat abgebrochen hatte und lieber Kellner im Restaurant des Flughafens Berlin-Schönefeld werden wollte. "Sich unterzuordnen, das war nichts für ihn. Immer wieder ist er mit dem Trainer aneinandergeraten", erinnert sich seine Mutter. Auf dem Flughafen, da hatte er mit Gästen aus aller Welt zu tun. "Das hat sein Fernweh, seinen Entdeckerdrang genährt." Schon als kleiner Junge habe er von Reisen geträumt, die er unternehmen wollte, wenn er erst erwachsen wäre.
"So weit ist es nie gekommen", sagt Karin Gueffroy, die 1990 zu den ersten gehörte, die Anzeige gegen Grenzwachen erstattet haben. "Der Schütze hat nur eine Bewährungsstrafe bekommen. Aber es hat ein Prozess stattgefunden", und das sei ihr wichtig gewesen. Wie viele Hinterbliebene kämpft sie dagegen, dass die Geschichten der Mauertoten in Vergessenheit geraten. Über ihren Sohn Chris gibt es inzwischen einen Dokumentarfilm ("Das kurze Leben des Chris Gueffroy"). An der Stelle, an der er gestorben ist, steht ein Denkmal. Das Gedenkbuch im Bundestag ist nun ein weiteres Puzzleteil in der Erinnerung an Chris und die 135 weiteren Opfer.
Das Mauer-Mahnmal
Die Ausstellung im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus am Schiffbauerdamm, ist öffentlich zugänglich und dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Rein kommt ihr am Ufer der Spree, gegenüber vom Reichstagsgebäude.







