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"In mir treffen sich zwei Identitäten"

Agnieszka Brugger (Bündnis 90/Die Grünen) ist in Polen geboren und heute mit 27 Jahren die jüngste Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Mit mitmischen-Autorin Anna hat sie sich über die Hürden auf dem Weg dorthin unterhalten. Ob sie sich als integriert wahrnimmt und wo sie ihre Heimat sieht, konnte die Parlamentarierin zügig beantworten. Aber würde sie selbst mit ihrer Familie auswandern?

Agnieszka Brugger (Bündnis 90/Die Grünen) im Interview

Agnieszka Brugger ist in Polen geboren und in Dortmund aufgewachsen. – © Michael Kuchinke-Hofer


Sie sind in Polen geboren und mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Sind Sie "gut integriert", wie es so schön heißt?

Ich lebe ja schon sehr lange hier. Natürlich hat mich mein Geburtsland auch geprägt. Ich würde sagen, in mir treffen sich zwei kulturelle Identitäten. Ich fühle mich vor allem als Europäerin, so wie es vielen Menschen in meinem Alter geht. Insofern, denke ich, bin ich sehr gut integriert.

Sie sind Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Dort sind Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert. Was glauben Sie, woran das liegt – und ist das ein Problem?

Das ist tatsächlich so. Ich habe den Anspruch, dass der Bundestag ein Spiegel der Gesellschaft sein soll. Das betrifft nicht nur die Herkunft der ParlamentarierInnen. Es gibt auch zu wenig junge Abgeordnete, zu wenig Frauen, zu wenig Menschen ohne akademischen Abschuss. So wird nicht die Vielfalt Deutschlands abgebildet. Das liegt auch an den vielen Hürden auf dem Weg in die Politik, zum Beispiel der Sprache. Ich finde, da muss auch ein politisches Zeichen kommen, das zeigt, dass diese Vielfalt gewünscht ist. Hier sind vor allem auch die Parteien gefragt, stärker darum zu werben, dass Menschen mit Migrationshintergrund bei Ihnen ausdrücklich erwünscht sind und dort auch Unterstützung erfahren.

Welche Hürden hatten Sie denn zu meistern?

Mein Vorteil war, dass ich schnell in den Kindergarten gekommen bin und die Sprache schnell gelernt habe. Man hört und sieht es mir nicht an, wo ich geboren bin. Trotzdem hatte ich natürlich vor allem als Kind auch einige, wenn auch wenige negative Erlebnisse. Das hat zum Beispiel im Sandkasten angefangen, wo man mich auf meine Herkunft reduziert hat.

Sie sagen, dass Sie gerade aus der Benachteiligung in Ihrer Kindheit Ihren Ansporn gezogen haben, es allen zu beweisen. Was raten Sie Jugendlichen, die nicht dieses Selbstbewusstsein haben?

Sie müssen an sich selbst glauben. Gerade wenn man sich ungerecht behandelt fühlt, sollte man sich nicht ins stille Kämmerlein zurückziehen, sondern aufstehen und auf sich aufmerksam machen. Manchmal geht das ja durchaus auch auf humorvolle Art und Weise. Denn nicht immer sind sich Menschen dessen bewusst, was sie da sagen oder tun. Es ist auch wichtig, sich gemeinsam mit anderen, denen es genauso geht, auszutauschen, gemeinsam etwas anzustoßen oder Kritik zu formulieren.

Haben es Migranten heute leichter sich zu integrieren, als das zum Beispiel bei Ihren Eltern vor 20 Jahren der Fall war?

Man sieht, dass sich in der Integrationsdebatte in der letzten Zeit viel bewegt hat. Dass ein Bundespräsident sagt "Der Islam gehört zu Deutschland", wie Wulff das getan hat, wäre vor ein paar Jahren unvorstellbar gewesen. Andererseits gibt das Schüren ausländerfeindlicher Vorurteile wie in dem skandalösen Hetz-Buch von Thilo Sarazzin immer noch Grund zur Sorge. Wenn ich an die vielen jungen Menschen mit Migrationshintergrund denke, die hier zu Hause sind und denen dann solche uralten Stammtischklischees vorgetragen werden, ärgert mich das sehr. Wir dürfen nicht müde werden, der Verbreitung solcher Ressentiments mit aller Kraft und selbstbewusst entgegen zu treten, gerade in einer Zeit, in der das Vertrauen vieler Menschen mit anderer Herkunft aufgrund der gravierenden Fehler der Behörden im Umgang mit der NSU-Mordserie erschüttert ist.

Eine große Schwachstelle ist nach wie vor die Ausbildung: Nur ein Drittel der ausländischen Jugendlichen kann einen Ausbildungsvertrag abschließen – bei den deutschen sind es rund zwei Drittel. Wo sehen Sie Ansatzpunkte, das zu ändern?

Was die Punkte Ausbildung, Arbeitsmarkt, Armutsrisiko angeht, gibt es immer noch ein Gefälle zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das hat auch der Bericht der Bundesregierung über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland gezeigt. Das ist nicht hinnehmbar. Man muss diese Zahlen aber auch einordnen – viele relativieren sich, wenn man sich zum Beispiel die einzelnen sozialen Schichten genauer anschaut. Und es gibt auch positive Entwicklungen, zum Beispiel bezüglich der Anerkennung von Abschlüssen oder ein zunehmender Erfolg junger MigrantInnen im Bildungssystem. Bildung bleibt natürlich die Stellschraube, an der wir drehen müssen. Durch individuelle Förderung zum Beispiel oder längeres gemeinsames Lernen. Natürlich geht es auch um interkulturelle Kompetenz. Man sollte zum Beispiel auch anerkennen, dass es etwas Positives ist, wenn jemand noch eine andere Sprache spricht, weil er eine andere Herkunft hat.

Sie sind im polnischen Legnica geboren, in Dortmund aufgewachsen, Ihr Wahlkreis ist in Ravensburg und Sie sind berufsbedingt oft in Berlin. Wo fühlen Sie sich denn zu Hause?

Es gibt viele Orte, wo ich mich zuhause fühle. Für mich bedeutet Heimat vielmehr eine Verbindung zu Freunden und Familie. Das ist weniger ein territorialer Heimatbegriff als vielmehr über Erinnerungen. Das hilft mir auch, mich nicht als entwurzelt zu verstehen.

Käme es für Sie denn in Frage, mit Ihrer Familie in ein anderes Land zu ziehen?

Das ist eine schwierige Frage. Genau wie ich meine politische Karriere nicht geplant habe, kann ich jetzt noch nicht sagen, ob es sich vielleicht in ein paar Jahren richtig anfühlen wird, für eine gewisse Zeit in ein anderes Land auszuwandern. Als jemand, der sich viel mit internationalen Themen beschäftigt, könnte ich mir das aber auf jeden Fall auch vorstellen.


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