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Gar nicht so einfach!

Ein junger Mann mit dunklem lockigen Haar lächelt in die Kamera


Alexander, 18: "Ich bin ein Kulturchamäleon"

"Woher kommst du denn?" Diese Frage begegnet uns, wenn wir an einem Ort fern der Heimat sind. Meistens in Gesellschaft eines Menschen, den wir nicht so gut kennen.

Eine klare Antwort kann ich nicht geben. Wo verläuft die Grenze zwischen Familie, Herkunft und Heimat? Dass auf meinem deutschen Personalausweis steht, dass ich in Odessa geboren bin, fasst meine Lage formal zusammen. Meine Eltern prägten mich mit der ukrainischen Kultur, meine Freunde, mein Umfeld mit der deutschen. Zu Hause spreche ich Russisch, esse Borschtsch – eine Suppe mit Roter Beete – und Oliven, kenne die Eigenheiten meiner Familie. Sobald ich das Haus verlasse, werde ich deutsch. Ich bin ein Kulturchamäleon. Sofort ändert sich meine Sprechweise, mein Verhalten, meine gesamte Ausstrahlung. Viele Menschen erkennen höchstens an meinem Aussehen, dass ich woanders herkomme – und tippen dabei häufig auf südliche Länder: Griechenland, Italien, die Türkei. Noch nie lag jemand richtig.

Auch wenn mich die meisten hier als integrierten Jugendlichen anerkennen, mich nicht als Migranten "entlarven" können, bleibt meine innere Zerrissenheit. Es fällt mir nicht leicht festzulegen, was meine "wahre" kulturelle Identität ist. Manchmal bin ich immer noch irritiert darüber, dass viele Deutsche die Pünktlichkeit so hochhalten. Und oft so wenig Temperament besitzen. Dann wiederum komme ich nach Hause und verstehe nicht, warum meine Eltern so ein Theater machen, wenn ich im Haus pfeife. "Du pfeifst uns das Geld aus dem Fenster raus", sagen sie.

Um die Frage oben ehrlich zu beantworten: Ich sitze zwischen den Stühlen. Vielleicht sollten wir uns langsam von der Idee lösen, einer bestimmten Kultur angehören zu müssen. Denn ein Wort, um meine Heimat zu beschreiben, gibt es nicht.




Alexander, 18: "Ich bin ein Kulturchamäleon"

"Woher kommst du denn?" Diese Frage begegnet uns, wenn wir an einem Ort fern der Heimat sind. Meistens in Gesellschaft eines Menschen, den wir nicht so gut kennen.

Eine klare Antwort kann ich nicht geben. Wo verläuft die Grenze zwischen Familie, Herkunft und Heimat? Dass auf meinem deutschen Personalausweis steht, dass ich in Odessa geboren bin, fasst meine Lage formal zusammen. Meine Eltern prägten mich mit der ukrainischen Kultur, meine Freunde, mein Umfeld mit der deutschen. Zu Hause spreche ich Russisch, esse Borschtsch – eine Suppe mit Roter Beete – und Oliven, kenne die Eigenheiten meiner Familie. Sobald ich das Haus verlasse, werde ich deutsch. Ich bin ein Kulturchamäleon. Sofort ändert sich meine Sprechweise, mein Verhalten, meine gesamte Ausstrahlung. Viele Menschen erkennen höchstens an meinem Aussehen, dass ich woanders herkomme – und tippen dabei häufig auf südliche Länder: Griechenland, Italien, die Türkei. Noch nie lag jemand richtig.

Auch wenn mich die meisten hier als integrierten Jugendlichen anerkennen, mich nicht als Migranten "entlarven" können, bleibt meine innere Zerrissenheit. Es fällt mir nicht leicht festzulegen, was meine "wahre" kulturelle Identität ist. Manchmal bin ich immer noch irritiert darüber, dass viele Deutsche die Pünktlichkeit so hochhalten. Und oft so wenig Temperament besitzen. Dann wiederum komme ich nach Hause und verstehe nicht, warum meine Eltern so ein Theater machen, wenn ich im Haus pfeife. "Du pfeifst uns das Geld aus dem Fenster raus", sagen sie.

Um die Frage oben ehrlich zu beantworten: Ich sitze zwischen den Stühlen. Vielleicht sollten wir uns langsam von der Idee lösen, einer bestimmten Kultur angehören zu müssen. Denn ein Wort, um meine Heimat zu beschreiben, gibt es nicht.

Özge, 18: "Die Vorurteile stimmen nicht!"

Nicht selten kommt es vor, dass ich meine Freunde in Sachen Grammatik korrigiere. Mittlerweile höre ich dann zum Glück immer seltener, warum gerade ich als Türkin das machen müsse.

Ich werde 2013 mein Abitur machen und anschließend Medizin studieren. Mein Vater hat als einfacher Fabrikarbeiter begonnen und ist heute Abteilungsleiter in einer großen Firma. Meine Eltern kommen aus der Türkei und sind nach Deutschland eingewandert, als sie noch ganz jung waren.

Oft bekomme ich mit, wie sich Leute über dieses Thema unterhalten. Dann heißt es leider häufig: "Die Ausländer kommen nach Deutschland, um sich von Vater Staat zu ernähren." Dabei stimmt das gar nicht! Ich habe viele ausländische Freunde und Bekannte. Keiner von ihnen hockt den ganzen Tag vorm Fernseher und bezieht Hartz IV. Leider wird das aber in den Medien oft so dargestellt – kein Wunder, dass diese Vorurteile überleben.

Sicher gibt es Menschen mit Migrationshintergrund, die eine Integration ablehnen. Trotzdem dürfen die Leute, die für ihre Ziele kämpfen und diese auch erreichen, nicht einfach mit ihnen in einen Topf geworfen werden. Dafür gibt es mittlerweile übrigens genug Ausländer, die diesem Klischee widersprechen.

Ich finde, Integration sollte ohne Vorurteile ablaufen! Mensch ist Mensch – und wer als solcher akzeptiert wird, dem fällt die Integration viel leichter.

Seyil, 19: "Ich bin keine Ausländerin"

In meinem vierzehnten Lebensjahr hat sich mein Leben komplett geändert. Meine Familie und ich sind aus dem zentralasiatischen Kirgistan ins abendländische Deutschland ausgewandert. Denn meine Mutter hat sich in einen deutschen Mann verliebt.

Mir gefällt meine neue Heimat. Meine Freunde sind hier, meine zukünftige Uni. Es fühlt sich an, als ob ich schon immer dazugehört hätte. Doch wenn ich zurückblicke, war das nicht immer so. Am Anfang war es schwer mit der Sprache. Deutsch hatte ich nie zuvor gesprochen, alles musste ich von null an lernen. Dass sich zum Beispiel Kassierer oder Leute auf der Straße über meine Fehler lustig gemacht haben, hat es mir nicht leichter gemacht. Ein paar Mal durfte ich mir auf der Straße auch Sprüche wie "Chinakopf" oder "Schlitzauge" anhören.

Als wir in der neunten Klasse ein Buch über den Nationalsozialismus und Ausländerfeindlichkeit lasen, fragte mich unsere Lehrerin unter den neugierigen Blicken meiner Mitschüler, ob ich schon mal von Rechtsradikalen bedroht wurde. In diesem Moment habe ich mich zum ersten Mal als Ausländerin gefühlt.

Heute sehe ich das anders. Für mich ist jemand ein Ausländer, der sich nicht in die Kultur des Landes integrieren will. Also bin ich keine Ausländerin. Denn seit wir eingewandert sind, feiert meine Familie die christlichen Feiertage Weihnachten und Ostern. Ich habe mein Abitur gemacht und mache inzwischen einen deutsch-französischen Freiwilligendienst.

Wenn ich darüber nachdenke, bin ich ein echter Glückspilz, dass ich in Deutschland lebe. Und sicher werde ich sehr stolz sein, wenn ich mich eines Tages als rechtsmäßige Staatsbürgerin bezeichnen kann.

Okan, 20: "Vorwürfe, dass ich meine Herkunft leugne"


Eins vorneweg: Ich habe und hatte nie Probleme bei der Integration. Ich musste mich ja auch nicht integrieren – ich bin schließlich Deutscher. Nur mein Name klingt nicht so deutsch und meine Eltern kommen aus der Türkei. Aber ich bin im schönen Baden geboren und aufgewachsen und fühle mich zu hundert Prozent deutsch. Dass ich "südländisch" aussehe, hat damit meiner Meinung nach nichts zu tun. Zur Türkei habe ich keinen wirklichen Bezug, von türkischer Kultur und den dortigen Bräuchen nicht viel Ahnung. Ich kann locker Goethe zitieren, aber kenne keinen einzigen türkischen Autor. Bis auf Orhan Pamuk – aber auch nur, weil der den Literaturnobelpreis bekommen hat.

Man muss nicht Goethe zitieren können, um sich als Deutscher bezeichnen zu dürfen. Aber vielleicht veranschaulicht das, wie es mir geht. Türkisch kann ich auch nicht besonders gut, mein Französisch-Wortschatz dürfte größer sein. Manche andere Jugendliche mit Migrationshintergrund können das nicht nachvollziehen. Von denen bekomme ich zu hören, dass ich meine Herkunft leugne, keinen Respekte vor ihr habe und so weiter. Ich finde, das ist Schwachsinn. Meine emotionalen Wurzeln sind hier und das werden sie auch immer bleiben.

Ich finde es schade, dass ich, wenn ich zum Beispiel "Türkenwitze" mache, von meinen Freunden ohne Migrationshintergrund höre, nur ich dürfe das. Integration würde hier für mich heißen, dass jeder Witze über jeden machen darf, egal woher er kommt. Die Mutter einer Freundin hat mich mal als Edelmigranten bezeichnet. Das fand ich witzig.

Vanessa, 20: "Nicht wir müssen uns integrieren, sondern die weißen Deutschen uns akzeptieren"

Ich weiß ziemlich genau, was ich tun muss, damit mich Leute für meine Integration loben. Ich habe fast nur Einsen in Deutsch geschrieben und war immer eine der Jahrgangsbesten. Würde ich auch noch mit stolz geschwellter Brust im Dirndl aufs Oktoberfest gehen, zu Blasmusik schunkeln und immer überpünktlich sein, würde so mancher Politiker vermutlich in Freudentränen ausbrechen. Die Frage ist nur: Will ich das? Was ist mit den drei Vierteln der Deutschen, die das nicht tun? Was ist zum Beispiel mit Leuten, die nur Dialekt sprechen – sind sie schlecht integriert? Müssen sie sich integrieren? Nein. Weiße Deutsche sind, egal, was sie Sonderbares tun, automatisch vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Das finde ich falsch und rassistisch. Integrieren müssen sich nur Menschen mit „anderer“ Hautfarbe. Eltern, die mit ihren Kindern Englisch sprechen, werden bewundert. Ich dagegen werde schief angesehen, wenn ich mit meinen Eltern Vietnamesisch spreche oder mit Stäbchen esse.

Ich glaube nicht, dass sich die Menschen ändern müssen, die strukturell benachteiligt werden – egal, wie viel sie leisten und wie sehr sie dazugehören wollen. Nicht wir müssen uns integrieren, sondern die weißen Deutschen müssen uns akzeptieren und uns die gleichen Chancen geben wie ihren Kindern. Es darf keinen Unterschied machen, ob eine Lisa oder eine Leyla eine Prüfung abgibt, oder ob ein Alf oder ein Ali einen Job sucht. Erst wenn die weißen Deutschen aufhören, Andersaussehende sofort als kriminell oder zurückgeblieben einzustufen, funktioniert ein gutes Miteinander. Und nicht, wenn wir Linhs und Ahmeds noch mehr Einser in Deutsch schreiben als ihr Heidis und Peters.

Kommentare

 

Christian Thelen schrieb am 15.08.2012 20:18

"Vielleicht sollten wir uns langsam von der Idee lösen, einer bestimmten Kultur angehören zu müssen." Die Frage "Woher kommst du denn?" lässt sich nur mit Planet Erde beantworten ;)

 

 

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