Während der Zeit des Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg starben nicht nur unzählige Menschen, sondern wurden auch ganze Familien auseinandergerissen. Eltern wurden von ihren Kindern getrennt. Bis heute kümmert sich der Internationale Suchdienst (ISD) im hessischen Bad Arolsen um die Schicksale und Spurensuche der Überlebenden.
Von London nach Nordhessen
Alles begann bereits zu Kriegszeiten in Großbritannien: Die alliierten Streitkräfte gründeten 1943 ein Suchbüro, das sich zunächst auf die Spuren von Verschollenen des Zweiten Weltkriegs begeben und diese auch registrieren sollte. Je weiter sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende näherte, desto mehr rückte die Situation der Zwangsarbeiter, Inhaftierten und Flüchtlinge im Kriegsgebiet in den Mittelpunkt der Sucharbeit.
Ab 1944 übernahm das Hauptquartier der alliierten Streitkräfte (SHAEF) die Arbeit des Suchbüros. Mit den von Westen her immer weiter nach Deutschland vorrückenden Alliierten und der veränderten Frontlinie wechselte auch das Suchbüro seinen Sitz. Von London über Versailles ging es zunächst nach Frankfurt am Main.
Erst nach Kriegsende, 1946, gelangte es an seinen heutigen Sitz: die nordhessische Kleinstadt Bad Arolsen. Sie lag geografisch gesehen im Mittelpunkt der vier Besatzungszonen und war infrastrukturell vom Krieg weitgehend verschont geblieben. Dort versorgte dann die Hilfs- und Wiederaufbauorganisation der Vereinten Nationen (UNRRA) nicht-deutsche Flüchtlinge und brachte sie anschließend in ihre Heimat zurück.
Heute kontrolliert ein internationaler Ausschuss von neun europäischen Ländern sowie Israel und die USA die Arbeit des Suchdienstes. Für seine Tätigkeiten stehen ihm jährlich 14 Millionen Euro aus dem deutschen Haushalt zur Verfügung. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) verwaltet und leitet derzeit noch den Suchdienst. Da sich aber das IKRK Ende 2012 aus der Leitung zurückziehen will, ist eine Umstrukturierung geplant: Im vergangenen Dezember unterzeichneten die elf Mitgliedsstaaten ein Übereinkommen, nachdem Schritt für Schritt aus dem internationalen Suchdienst ein Zentrum für Forschung, Dokumentation und Information entstehen soll. Der neue Partner des ISD soll das deutsche Bundesarchiv werden.
26 Kilometer Dokumentarchiv
Noch heute, über 60 Jahre nach Kriegsende, gehen monatlich 1.000 Suchanfragen beim ISD ein. Die Suche nach Überlebenden der NS-Zeit und ihren Familienangehörigen macht allerdings gerade mal drei Prozent der Arbeit des Suchdienstes aus. Vielmehr kümmert er sich heute darum, Dokumente über Schicksale der Verfolgten aufzubewahren und zu archivieren. Über 26 Kilometer an Originalschriftstücken umfasst mittlerweile das Archiv des ISD. Das sind 30 Millionen Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus, die das Schicksal verfolgter, geflohener, ausgewanderter oder zu Zwangsarbeit verdammter Menschen festhalten.
Vom Suchen und Finden
Wenn eine Suchanfrage eingeht, durchsuchen die Mitarbeiter zunächst die zentrale Namenskartei und das Archiv nach Hinweisen. Wenn es noch nicht genug Indizien gibt, recherchieren sie im In- und Ausland weiter. Dabei arbeiten sie eng mit Dritten, wie den weltweit vertretenen nationalen Rotes-Kreuz-Gesellschaften, zusammen. Wie lange der Suchdienst an einer Suchanfrage arbeitet, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich.
Mittlerweile gehört es aber zur Hauptaufgabe des ISD, das Archiv zu digitalisieren, um leichter mit den Dokumenten arbeiten zu können. Außerdem versucht der Suchdienst die Schicksale der Verfolgten nachzuzeichnen, Familien Auskunft über den Verbleib ihres Angehörigen zu geben und Fragen der finanziellen Entschädigungen zu klären.
Die gesammelten und archivierten Dokumente stellt der ISD auch Museen und anderen Archiven zur Verfügung. So kann man einzelne Schriftstücke im amerikanischen United States Holocaust Memorial Museum in Washington oder in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besichtigen.








