Berlin-Mitte, Humboldt-Uni, es ist kurz vor 10 Uhr. Trotz vorlesungsfreier Zeit drängen junge Menschen durch die offenen Türen des internationalen Clubs "Orbis Humboldtianus". Sie hieven schwere Taschen die Stufen hinauf oder ziehen große Koffer hinter sich her.
Andrea aus Ungarn nimmt für sich und ihr Gepäck lieber den Aufzug. Fast 700 Kilometer trennen die Stipendiatin nun von ihrer Heimat. "Kleidung, Laptop, Schuhe und natürlich Erinnerungsfotos von Freunden und Familie – eben das Wichtigste für die kommenden fünf Monate", zählt Andrea ihren Kofferinhalt auf. So lange werden die insgesamt 115 Stipendiaten ein Praktikum im Büro von Bundestagsabgeordneten machen.
Fremde Sprachen, bunte Pässe
Vor 26 Jahren startete das IPS mit elf Stipendiaten, die alle aus den USA kamen. Heute hat sich die Anzahl der Teilnehmer verzehnfacht. Amerikaner sind zwar immer noch in großer Anzahl vertreten, doch das Programm ist im Laufe der Zeit viel internationaler geworden: Junge Akademiker aus 27 weiteren Ländern können sich bewerben.
"Dieses Jahr haben wir erstmals auch geeignete Stipendiaten aus Montenegro dabei", berichtet Sabine Holthusen vom Referat Internationale Austauschprogramme des Bundestages. Dass die Gruppe multikulturell ist, hört man sofort: Lautes Gemurmel in den verschiedensten Sprachen und Akzenten erfüllt den Raum. Die Reisepässe, die viele Stipendiaten in den Händen halten, haben verschiedene Farben. Einzelne Teilnehmer werden zum Organisationsteam bestellt. Warmen Begrüßungsworten folgen Zeiten, Abläufe, Namen. So viele junge Leute müssen schließlich koordiniert werden: Wer ist schon da? Wer kommt wahrscheinlich später?
Praktikum plus Uni
Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU) ist der Schirmherr des IPS und wird sich Ende Juni mit den Stipendiaten treffen. In den nächsten Wochen werden sie erst mal von Abgeordneten und Vertretern drei Berliner Unis begrüßt. Denn die IPSler können neben ihrem Praktikum Vorlesungen besuchen: an der HU sowie an der Freien und Technischen Universität Berlin.
Hanna, 26, aus Weißrussland ist froh, zu den "Auserwählten" zu gehören. Sie ist schon vor zwei Wochen angereist und hat bis jetzt bei einer Freundin gewohnt. Die Politmetropole Berlin gefällt ihr schon jetzt – auch weil die ehemalige Linguistikstudentin hier ihre Deutschkenntnisse endlich richtig anwenden kann. Vom IPS hat sie durch eine Bekannte erfahren, die vor Jahren Stipendiatin war und Hanna mit ihren Erzählungen begeisterte.
Einmal die Bundeskanzlerin sehen
Die erste Gruppe von Stipendiaten wird nun mit dem Bus in ihr Wohnheim chauffiert. Die Fahrzeit nutzen alle für ein erstes Kennenlernen: Wie heißt du, wo kommst du her? Bryce, 22, kommt aus dem Bundesstaat New York. In Freiburg hat der Amerikaner bereits ein Auslandssemester gemacht. Nun will er Praxiserfahrung in Berlin sammeln. Von Angela Merkel (CDU) "als erste Bundeskanzlerin" sei er sehr beeindruckt. Wegen der Griechenland-Krise tauche sie oft in amerikanischen Medien auf. Vielleicht, so hofft Bryce, sieht er sie im Bundestagsplenum einmal live.
Die Chancen stehen gar nicht schlecht, denn in den nächsten Monaten wird er oft im Parlament sein. Bryce wird wie alle Stipendiaten einen Bundestagsabgeordneten bei dessen Arbeit unterstützen. Er wird nicht nur im Berliner Büro mithelfen und an Fraktions- und Ausschusssitzungen teilnehmen, sondern auch den Wahlkreisarbeit "seines" MdBs kennenlernen.
Schon fast wie zu Hause
Doch erst einmal werden nun die Unterkünfte inspiziert. Einige IPSler zücken schon jetzt die Kameras, um ihre Ankunft im fremden Land, aber auch in der neuen Wohnung festzuhalten. In voll ausgestatteten Drei-Zimmer-Wohnungen sind jeweils zwei Stipendiaten untergebracht, manche haben eine Einraumwohnung. Fernseher, einen Waschkeller und sogar Bettwäsche – es dürfte ihnen an nichts fehlen. "Da fühlt man sich doch schon angekommen. Jetzt bin ich nur noch auf meinen Mitbewohner gespannt ", raunt Bryce einem anderen Stipendiaten zu.







