Manuel Minks Highlight: der Austausch mit anderen Engagierten
Fünf Tage Berlin: Das mag zunächst einmal nach einer angenehmen, längeren Städtetour klingen.
Allerdings standen statt Brandenburger Tor, Unter den Linden, Gendarmenmarkt und KaDeWe für die rund 80 Teilnehmer der diesjährigen Jugendbegegnung Orte der deutschen Erinnerungs- und Gedenkkultur auf dem Programm. Der einzige Schnittpunkt mit einem klassischen Touristen-Programm dürften wohl das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Deutsche Bundestag gewesen sein.
Unser Programm zum Thema "Berlin im Nationalsozialismus: Stadt der Opfer - Stadt der Täter" hatte es wirklich in sich. Es war vielseitig und sehr intensiv, denn zwischen Besuchen des Jüdischen Museums und der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Zeitzeugengesprächen, Interviews mit Politikern und Filmemachern sowie der thematischen Beschäftigung in Arbeitsgruppen blieb uns kaum Zeit zum Verschnaufen. Dennoch hatte das Fragen-, Gesprächs- und Vortragsniveau während der fünf Tage ein wirklich hohes Level - wohl auch ein Verdienst des rundum sehr interessanten Programms.
Mir fällt es aus diesem Grund auch gar nicht leicht, echte Höhepunkte auszumachen. Was sich neben dem Programm aber als besonders spannend für mich gestaltete, war der Austausch mit den anderen Teilnehmern. Die meisten von ihnen hatten eine eigene, interessante Geschichte zum Nationalsozialismus zu erzählen bzw. einen eigenen Zugang. Viele von uns arbeiten zum Beispiel zur Zeit im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in verschiedenen Gedenkstätten. Das Kennenlernen dieser internationalen jungen und engagierten Menschen war wahrscheinlich mein persönliches Highlight. So diskutierte ich beispielsweise mit Justin aus New York über Identitätsfragen der jüdischen Menschen in Israel, unterhielt mich mit Vojtech aus Prag über die hohe Atheismus-Quote in der Tschechischen Republik und lernte von Ansgar aus Hildesheim die Spezifität des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora kennen.
Viele solcher Unterredungen und Gedanken habe ich für mich aus Berlin mitgenommen, ich werde sie vermutlich nie vergessen. Genauso wenig das Gefühl, das die Jugendbegegnung erneut in mir erweckte. Es ist das sehr wertvolle Gefühl, dass sich Engagement letztlich immer bezahlt macht und wie wichtig der persönliche Einsatz für die Dinge ist, die einem wichtig erscheinen. Auch war es sehr schön zu spüren, dass wir von allen, die wir trafen, ernst genommen wurden, seien es Betreuer, Historiker oder auch wichtige Politiker wie Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert.
Es fällt mir nicht ganz leicht, dieses Gefühl in Worte zu fassen, aber zu meinem großen Glück hat Anne Frank genau das schon getan. Mit gerade einmal 14 Jahren schrieb sie diesen wundervollen Satz in ihr Tagebuch: "Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern." Was kann es Schöneres geben, als mit diesem Gefühl wieder aus Berlin abzureisen.
Laura Fröhlich: "Alle hatten großen Respekt"
Unter dem Titel "Berlin im Nationalsozialismus: Stadt der Täter – Stadt der Opfer" erkundeten etwa 80 Jugendliche aus Frankreich, Irland, Weißrussland, den USA, Israel, Großbritannien, Tschechien, Polen und Deutschland die deutsche Hauptstadt. Wir besuchten viele historische Orte aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch Denkmäler, die zur Erinnerung an die Opfer errichtet wurden, und setzen uns mit den persönlichen Geschichten der Opfer auseinander. Vor allem die Frage, welche Rolle Berlin während des Naziregimes spielte, beschäftigte uns dabei sehr.
Nach einer Einführung in das Thema Nationalsozialismus am ersten Tag war der zweite Tag geprägt durch die Besichtigung jüdischer Orte in Berlin. Unser Ziel am Vormittag war das Jüdische Museum, in dem wir in verschiedenen Workshops Einblicke in das Leben jüdischer Mitbürger vor der Machtergreifung Hitlers 1933 bekamen und auch viel über die Frühphase des Nationalsozialismus erfuhren. Am Nachmittag besuchten wir die Synagoge in der Rykestraße. Alle hatten großen Respekt vor diesem – sowohl von außen als auch von innen – schönen Gebäude. Wir lauschten wortlos den Erzählungen eines jüdischen Gelehrten und hatten sogar das ehrenvolle Privileg, einen Blick auf die Tora, die Heilige Schrift der Juden, werfen zu dürfen.
Im Laufe der Woche besichtigten wir auch die Gedenkstätte "Stille Helden" und die ehemalige Blindenwerkstatt von Otto Weidt. Die Gedenkstätte erinnert an jene mutigen Menschen, die während der nationalsozialistischen Diktatur verfolgten Juden beistanden. Otto Weidt war einer dieser "stillen Helden". Verschiedene Lebensgeschichten berichten von Weidts Bemühungen, seine jüdischen Arbeiter vor Verfolgung und Deportation zu schützen. Als die Bedrohung immer größer wurde, suchte er für einige von ihnen Verstecke. Eines davon befand sich in den Räumen des heutigen Museums: ein kleiner Raum ohne Fenster, dessen Eingang hinter einem Schrank versteckt lag. Dort zu stehen fühlte sich sehr bedrückend an und man konnte die Gefühle der Verfolgten lebhaft nachvollziehen.
In den Tagen der Jugendbegegnung begegneten wir sogar einer Frau, die selbst einmal von hilfsbereiten Menschen versteckt wurde und so überlebt hat. Margot Friedländer war 21 Jahre alt, als ihre Mutter und ihr kleiner Bruder Ralph von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) festgenommen und nach Auschwitz deportiert wurden. An jenem Tag war das Einzige, was sie von ihrer Mutter vorfand, ihre Handtasche, ihr Adressbuch und eine Nachricht: "Ich habe mich entschlossen, zur Polizei zu gehen. Ich gehe mit Ralph, wohin auch immer das sein mag. Versuche, dein Leben zu machen." Diese Wörter veränderten das Leben der damals jungen Frau von Grund auf und veranlassten sie zur Flucht in den Untergrund. Ihre Geschichte schilderte sie uns so lebhaft, dass mitfühlende Stille entstand.
Viele der jüdischen Einwohner Berlins, die nicht die Möglichkeit hatten sich zu verstecken und von der Gestapo festgenommen wurden, kamen in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Es war ein grauer, kalter Tag, an dem wir die heutige Gedenkstätte und das Museum besuchten, wodurch die allgemein düstere und nachdenkliche Stimmung noch verstärkt wurde. Wir hatten die Chance, mit einem ehemaligen Gefangenen des Lagers, Dr. Adam König, zu sprechen. Er berichtete uns von den Qualen durch Hunger, Krankheit, Zwangsarbeit, Misshandlungen und den systematischen Vernichtungsaktionen. Diese Erzählungen ließen uns verstummen, da sich niemand vorstellen konnte, wie Menschen einander so etwas antun konnten.
Auch die eindrücklichen Worte des diesjährigen Gastredners der Gedenkstunde im Bundestag stimmten uns nachdenklich: Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki las uns als Überlebender der Warschauer Ghettos einen Auszug aus seiner Biografie vor, in der er von den menschenunwürdigen Zuständen im Ghetto berichtete und von seiner grauenvolle Aufgabe, Todesurteile in die polnische Sprache zu übersetzen. Erst nach einer schweigsamen Minute stand der ganze Saal auf und applaudierte. Die Atmosphäre im Plenarsaal zeigte, wie wichtig es ist, an die Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern und die Geschichten als Zeugen der Zeitzeugen weiterzutragen.
Berlin ist die Stadt, in der das Verbrechen seinen Anfang nahm, aber sie gehört genauso zu Deutschland wie unsere Geschichte. Eine Teilnehmerin aus Israel fasste diesen Gedanken sehr treffend in Worte: "Berlin spricht mit der Vergangenheit, deswegen mag ich Berlin."
Clara Easthill: "Geschichten, die uns nie mehr loslassen"
"Eine Geschichte, die nie mehr loslässt": Das sagte Britta Wauer, die Regisseurin des Films "Gerdas Schweigen" über dessen Geschichte. Aber für uns Teilnehmer der Jugendbegegnung 2012 beinhaltet dieser Kommentar noch viel mehr: Ob in Zeitzeugengesprächen oder anderen Erzählungen - immer wieder tauchten diese Geschichten auf. Geschichten, die uns nie mehr loslassen.
Dieser Film war für viele der Teilnehmer ein sehr bewegender Augenblick. Er zeigt die Problematik des Schweigens der Protagonistin, die nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familie beeinflusste. Eine sehr familiäre Geschichte, die uns allen vor Augen hielt, dass nicht nur das Erzählen das eigene Leben beeinflussen kann, sondern dass auch gerade das Schweigen eine zentrale Rolle einnehmen kann. Nach der Vorführung hatten wir die Möglichkeit, uns mit Britta Wauer und dem Autor Knut Elstermann, dem Verfasser der gleichnamigen Buchvorlage, zu unterhalten.
Das Zentrum der Hauptstadt verließen wir am Dienstag, um uns mit der Geschichte der Gedenkstätte Sachsenhausen auseinanderzusetzen. Die Teilnehmer hatten sich vorher alle engagiert, viele in Gedenkstätten. Mit diesem Vorwissen erhielten wir in vier Kleingruppen Führungen, die sich mit Einzelaspekten der Geschichte des Konzentrationslagers beschäftigten: "Medizin und Verbrechen im KZ", "Häftlinge und Sondergefangene im Zellenbau am Beispiel von Georg Elser", "Jüdische Häftlinge im KZ Sachsenhausen" und "Station Z - Der Ort des Mordes und des Massenmordes am Beispiel der sowjetischen Kriegsgefangenen".
Im Anschluss folgte ein sehr intensives Zeitzeugengespräch mit einem Überlebenden des Konzentrationslagers, Dr. Adam König. Er hat es sich zur Mission gemacht, über den Nationalsozialismus und die Konzentrationslager aufzuklären. In Frankfurt am Main geboren, wurde er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als "staatenloser Jude" verhaftet und in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Auschwitz, Mittelbau-Dora und schließlich Bergen-Belsen deportiert. Dort erlebte er am 15. April 1945 die Befreiung.
Danach diskutierten wir mit Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen. Er beschrieb uns, dass das Ziel der Gedenkstätte unter anderem sei, verschiedene "Erinnerungskulturen miteinander in den Dialog zu bringen" - was wohl auch die diesjährige Jugendbegegnung sehr treffend beschreibt. Daneben trat die Forderung nach Demokratieerziehung und Menschenrechtsbildung in den Vordergrund, ein Plädoyer, das wir alle voll unterstützten. Dies stellt natürlich auch eine Begründung für das Gedenken dar: Gedenken, indem wir aus der Geschichte lernen. Gedenken, indem wir gegenüber antidemokratischen Strömungen aufmerksam sind.
Ein Hauptpunkt der Jugendbegegnung war die Arbeit in Workshops. Hier arbeiteten wir an verschiedenen Themen, zum Beispiel "die Polizei und NS-Verbrechen", die Frage nach Erinnerungskultur oder auch "Überleben im Versteck". In letzterem Workshop fand ein Zeitzeugengespräch mit Margot Friedländer statt, Autorin des autobiografischen Romans "Versuche, dein Leben zu machen". In diesem schildert die 1921 geborene jüdische Deutsche sehr beeindruckend ihr Leben im Untergrund und ihre Inhaftierung in Theresienstadt. Margot Friedländer verbrachte 15 Monate im Untergrund, bevor auch sie verhaftet wurde.
Bei allen Gesprächen war der Diskussionsbedarf bei uns spürbar. In der Diskussion mit dem Bundestagsabgeordneten Sönke Rix, Sprecher der SPD-Arbeitsgruppe "Strategien gegen Rechtsextremismus" spielte die Frage nach modernem Rechtsextremismus und Antisemitismus eine Rolle. Die Frage, ob Rechtsextremismus überhaupt auslöschbar sei, verneinte Rix. Seine Erklärung war, dass es wohl immer "wieder kranke Köpfe (...), die braunen Sumpf in sich tragen" geben werde.
Im Laufe der Jugendbegegnung wurde ersichtlich, dass für uns alle auch die Generationsfrage im Vordergrund steht: Haben die Deutschen noch Schuld und sind sie sich dieser genug oder gar zu viel bewusst? Wie muss sich das Gedenken verändern, um den bevorstehenden Verlust der Zeitzeugen zu kompensieren? Was muss gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus unternommen werden? Und inwiefern muss sich Deutschland als Land dieser Verantwortung stellen? Auch wenn auf diese Fragen eine eindeutige Antwort zweifelsohne schwierig werden könnte, brachten uns die vielfältigen Gespräche und Programmpunkte Lösungen zumindest etwas näher.
Die Gedenkstunde des Bundestages am 27. Januar gehörte zweifelsohne zu jenen Programmpunkten, auf die wir uns alle gefreut hatten. Schon die ganze Woche wurde uns angekündigt, dass wir die Möglichkeit haben würden, auf den "blauen Stühlen" des Bundestages zu sitzen. Besonders interessant war auch, dass die Politiker, deren Gesichter man lediglich aus der Tagesschau kennt, das Gespräch mit uns suchten.
Die Reden riefen heftige Emotionen hervor, so applaudierte wohl der gesamte Saal bei den Worten von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert, dass 20 Prozent antisemitische Neigungen der Bevölkerung "für Deutschland 20 Prozent zu viel" seien. Die Rede von Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki war ebenfalls sehr bewegend, auch wenn es viele mitnahm, wie geschwächt er wirkte. Aus diesem Grund entfiel schließlich auch unser Gespräch mit ihm. Doch wir hatten die Chance, uns mit Bundestagspräsident Lammert und der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch, auszutauschen.
Mit dieser Diskussion endete die Jugendbegegnung. Wir alle nahmen etwas mit: seien es die gewonnenen Freundschaften, über Ländergrenzen hinweg, ein bisschen mehr Wissen, die Ambition sich weiter zu engagieren, um das Gedenken am Leben zu erhalten, oder die Geschichten, die wir gehört hatten. Geschichten, die uns nie mehr loslassen.
Christian Gerl: "Ich werde mich weiter engagieren"
Es war ein bewegender Moment, als einer der letzten und zugleich bedeutendsten Zeitzeugen Deutschlands den Plenarsaal des Bundestags betrat. Gestützt von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert wurde Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki zu seinem Platz geleitet. In einer spannenden Rede schilderte er sein Leben im Warschauer Ghetto, seine damalige Arbeit für den Judenrat und schließlich seine Flucht vor dem vermeintlich sicheren Tod, welcher viele seiner Freunde und Bekannten damals ereilte. Wir, die rund 80 Teilnehmer der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestags, waren uns der Ehre bewusst, die uns hier zuteil wurde. Auch die Rede des Bundestagspräsidenten widmete sich der Erinnerung an die Verbrechen und Morde des NS-Regimes. Gleichzeitig rief sie alle Menschen dazu auf, nicht wegzusehen, sich zu engagieren und Mut in der Bekämpfung des Rechtsextremismus zu zeigen.
In dem anschließenden Gespräch hatten wir die Gelegenheit, mit dem Bundestagspräsidenten offen gebliebene Fragen zu diskutieren. Marcel Reich-Ranicki konnte an diesem Gespräch aus gesundheitlichen Gründen leider nicht teilnehmen, weshalb kurzfristig Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, für ihn einsprang und geduldig unsere bohrenden Fragen beantwortete. Zur Sprache kamen Punkte wie: "Hat Deutschland aus seiner Geschichte gelernt?", "Ist in Deutschland das Thema Erinnern und Gedenken vielleicht sogar zu präsent?" oder auch "Welche Maßnahmen kann man im Kampf gegen den Antisemitismus ergreifen?"
Am meisten haben wir in der Woche aus den zahlreichen Diskussionen mit Zeitzeugen sowie Personen aus dem öffentlichen Leben und der Wissenschaft gelernt. Einen sehr bewegenden Moment erlebten viele bei der Vorführung des Films "Gerdas Schweigen". Er handelt von der knapp 90-jährigen Gerda, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat und 70 Jahre danach zum ersten Mal darüber redet. Man merkte: Sie hegt keinen Groll mehr gegenüber den Deutschen. Nach dem Film standen uns die Regisseurin Britta Wauer und der Autor der Buchvorlage, Knut Elstermann, für Fragen zur Verfügung. Diese beantworteten sie sehr detailliert und einfühlsam. Besonders Knut Elstermann hat ein sehr enges Verhältnis zu Gerda, wodurch wir einen noch tieferen Einblick in ihr Leben bekamen. Und wir sahen, dass Zeitzeugen auch ein Recht auf Schweigen haben und dieses manchmal mehr sagen kann als tausend Worte.
Bereits im Vorfeld der Jugendbegegnung hatten wir uns für Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen entscheiden können: Einblick in die NS-Geschichte; Zwangsarbeit; Polizei und NS-Verbrechen; Der Mord an den europäischen Juden; Überleben im Versteck; Mahnen, erinnern, dokumentieren; Euthanasie. Jede Arbeitsgruppe hatte am Mittwoch die Möglichkeit, sich intensiv mit dem jeweiligen Thema auseinanderzusetzen. Neben Diskussionen standen auch verschiedene Führungen und Besichtigungen auf dem Programm. Meine Gruppe setzte sich zum einen mit der NS-Vergangenheit auseinander, zum anderen mit der Gedenkkultur und ihrer Etablierung im Berliner Stadtbild. Außerdem gelang es ihr, auch konkrete Probleme und Hürden in der heutigen Gedenkkultur zu benennen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Die dabei aufgetauchten Fragen konnten wir beim Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen mit dem Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Prof. Dr. Günther Morsch, und am Freitag mit dem Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert diskutieren.
Bei der Abreise gab es wohl niemanden unter uns, der nicht mit dem Gedanken nach Hause ging: Ich habe etwas gelernt, ich werde mich weiter engagieren und die Erinnerung an die Vergangenheit muss für eine bessere Zukunft erhalten bleiben.
Hannah Philine Weyer: "Als Multiplikator gegen das Vergessen"
"Mut und Verpflichtung“ – mit der Rede des Reichstagsabgeordneten Otto Wels vom 23. März 1933 in der Berliner Kroll-Oper wurde der thematische Einstieg für die folgenden fünf Tage geschaffen. Der Sozialdemokrat begründete damals die ablehnende Haltung seiner Partei zum Ermächtigungsgesetz und sagte "nein zur Nazidiktatur“.
Am ersten Tag der Jugendbegegnung erhielten wir Einblick in das jüdische Leben von Berlin. Und wo könnte dies besser geschehen als im Jüdischen Museum und in einer Synagoge? Den Vormittag verbrachten wir im Museum, wo wir uns in vier Untergruppen aufteilten. Die einen von uns setzten sich im Archiv mit dem Leben der Juden vor 1933 auseinander, andere sprachen über die Judenemanzipation nach der 1848er Revolution, wieder andere spannten einen weiten Bogen vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik und die vierte Gruppe durfte das Museum anhand von Moses Mendelssohn und Nathan dem Weisen entdecken. Am Nachmittag besuchten wir die Synagoge Rykestraße im ehemaligen Ostteil der Stadt.
Am späten Nachmittag trafen wir zur Vorführung des Films "Gerdas Schweigen" wieder im Bundestag ein. Der Dokumentarfilm erzählt von einer Holocaustüberlebenden, die es erst 60 Jahre später schafft, ihr Schweigen zu brechen und über die Gräuel zu berichten, die sie in Auschwitz erlebt hat. Der Film bewertet dieses Schweigen nicht: Jeder Zuschauer kann für sich entscheiden, ob Schweigen gut oder schlecht ist. Am Ende war die Reaktion bei vielen von uns ähnlich: Es herrschte Stille, ein paar Gespräche mit dem Sitznachbarn wurden geführt, vereinzelt Tränen vergossen. Doch viel Zeit hierfür hatten wir nicht. Denn die Regisseurin Britta Wauer und der Autor der Buchvorlage, Knut Elstermann, waren zu Gast. So konnten wir alle offen gebliebenen Fragen zum Film und zu Gerdas Geschichte stellen.
Den nächsten Tag verbrachten wir in einem ehemaligen Konzentrationslager: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Dort wurden während des NS-Regimes unter anderem mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene mit einer Massenerschießungsanlage ermordet. Einer der Überlebenden des Konzentrationslagers ist Dr. Adam König, der uns im Anschluss an die Besichtigung seine Erlebnisse schilderte.
Am Donnerstag diskutierten wir mit Sönke Rix, dem Sprecher der SPD-Arbeitsgruppe Strategien gegen Rechtsextremismus, den wir zum Beispiel nach Lösungsansätzen gegen rechtsextreme Strömungen fragten. Gemeinsam überlegten wir, welche Aufgabe wir als deutsche Bürger wahrnehmen können, um gegen Rechtsextremismus anzugehen. Es entstand eine lebhafte Diskussion.
Der Freitag war der Höhepunkt der Jugendbegegnung, auf den wir die ganze Woche hingearbeitet hatten. Um neun Uhr begann die feierliche Gedenkstunde des Deutschen Bundestages zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert alle begrüßte alle Teilnehmer der Gedenkstunde, besonders aber den Gastredner Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki. Dieser las mit leiser, zitternder Stimme aus seiner Autobiografie "Mein Leben" vor, einer tiefgehenden und bewegenden Schilderung des Lebens im Warschauer Ghetto.
Es war aufregend, selbst an einer sonst nur aus dem Fernsehen bekannten Zeremonie im Plenarsaal des Bundestages teilzunehmen. Von Fotografen und Kameraleuten begleitet, wechselten wir im Anschluss die Räumlichkeit. Prof. Dr. Lammert hatte uns zu einem Gespräch eingeladen. Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki musste bedauerlicherweise seine Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen absagen. Doch an seiner Stelle erklärte sich Frau Dr. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, zum Gespräch bereit. Ich denke, dass allen von uns spätestens jetzt klar wurde, dass es nicht nur beim Gedenken an Tagen wie diesem bleiben darf, sondern dass wir, die junge "Enkelgeneration", die Aufgabe und die Verantwortung für das Wissen tragen, auch wenn man selber nicht Schuld trägt. Der Jugend sollte bewusst werden, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, die von ihren Erlebnissen berichten können und dass auch unsere Generation Verantwortung dafür trägt, dass es zu einer solchen Grausamkeit und Unmenschlichkeit nicht noch einmal kommt.
Ich bin davon überzeugt - und ich denke, dass ich hier im Namen aller Teilnehmer sprechen kann -, dass jeder Einzelne von uns in der Jugendbegegnung viele interessante Einblicke gewinnen konnte, die uns in dieser Hinsicht bestärkt haben, dass wir neue, zum Teil auch internationale Kontakte knüpfen konnten, auf die wir in Zukunft zurückgreifen werden, und dass wir uns als Multiplikatoren gegen das Vergessen einsetzen wollen. Ich hoffe, dass wir stets genug Mut haben werden, dieser uns so eindrücklich bewusst gewordenen Verpflichtung nachzukommen.