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Gedenkstunde: Reich-Ranicki bewegt den Bundestag

Der Opfer des Nationalsozialismus gedachten Abgeordnete sowie Vertreter der Verfassungsorgane am 27. Januar 2012 in einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU) warnte die Zuhörer vor Antisemitismus. Auf seine Einladung hin sprach der Literaturkritiker Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki als Zeitzeuge und brachte Deutschlands dunkle Vergangenheit unter die gläserne Kuppel. Auf der Presse-Tribüne hat mitmischen-Autorin Anne zugehört – und vor allem mitgefühlt.

Marcel Reich-Ranicki hält eine Rede im Deutschen Bundestag

Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki berichtete von seinen Erfahrungen während der NS-Zeit. – © DBT/Melde


"Nach dem Papst ist vor dem Literaturpapst", raunt mir mein Sitznachbar respektlos zu. Die Zuschauerplätze sind gefüllt, ein Großaufgebot an Journalisten drängelt sich auf den Pressetribünen. Das Klicken der Fotokameras kündigt Prof. Dr. Marcel Reich-Ranicki an. Gestützt von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU), flankiert von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU/CSU) und Bundespräsident Christian Wulff (CDU), betritt er langsam den Plenarsaal. Auch Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Andreas Voßkuhle, nehmen an der Gedenkstunde teil.

20 Prozent der Deutschen "latent antisemitisch"

In einleitenden Worten erinnert Lammert (CDU/CSU) an die vor Kurzem aufgedeckte Neonazi-Mordserie. Dieser Hass sei nicht zu akzeptieren, betont er. Das Beispiel zeige, dass noch nicht alle Menschen in Deutschland "frei und gleich und ohne Angst" leben könnten.

Der Bundestagspräsident weist darauf hin, dass laut dem aktuellen Antisemitismusbericht 20 Prozent der Bundesbürger latent antisemitisch eingestellt seien. "Das ist für Deutschland genau 20 Prozent zu viel", betonte er – unter großem Beifall der Abgeordneten und Gäste.

Umso wichtiger sei es, dass sich Bürger "mutig und engagiert gegen jegliche Form von Rechtsextremismus" stellen. Marcel Reich-Ranickis Schicksal stehe "stellvertretend für das von Millionen Menschen, die verfolgt, vertrieben, gefoltert und ermordet wurden". Dann überlässt Lammert Reich-Ranicki den Platz am Rednerpult.

"Ich spreche als Überlebender"

Man muss genau hinhören: Reich-Ranicki spricht langsam, mit brüchiger Stimme – und doch bestimmt. Bereits im Vorfeld hat der 91-Jährige gesagt, dass diese Rede eine "schwere Aufgabe" für ihn sei. Er wisse nicht, ob es ihm gelingen werde – und trotzdem wagt der einflussreiche Literaturkritiker jetzt den Versuch: "Ich spreche heute nicht als Historiker, sondern als Zeitzeuge, genauer als Überlebender." Er beschreibt die Deportation der Bewohner des Warschauer Ghettos in das Vernichtungslager Treblinka im Jahr 1942.

So frei konnte Reich-Ranicki nicht immer sprechen. Dass er heute hier im Plenum steht, hat viel mit Glück und Mut zu tun. Denn bevor sich der Literaturkritiker den Büchern, Epochen und Schriftstellern widmen konnte, durchlebte Reich-Ranicki während der Herrschaft der Nationalsozialisten grauenvolle Jahre der Flucht und Vertreibung. Seine Eltern starben in Gaskammern, sein Bruder wurde von SS-Einheiten erschossen.

Protokollant des Todesurteils

Reich-Ranicki zeichnet ein beklemmendes Bild der Gräueltaten im Nationalsozialismus: Als Übersetzer im Warschauer Ghetto musste er selbst das Todesurteil protokollieren, "das die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte". Derweil sangen SS-Offiziere unbeschwerte Lieder. Reich-Ranicki erinnert sich genau, was er damals dachte: "Das Leben geht weiter. Das Leben der Nichtjuden."

Noch am selben Tag heiratete er seine Frau Teofila. Er hatte beim Protokollieren mitbekommen, dass die Ehefrauen der beim "Judenrat" beschäftigten Personen von der "Umsiedlung" ausgenommen waren. Während seiner Rede nennt er sie mehrfach liebevoll "Tosia". Gemeinsam flohen sie dann aus dem Ghetto und lebten bis Kriegsende im Untergrund. Später wurde Marcel Reich-Ranicki Lektor für deutsche Literatur, schrieb für Zeitungen und textete für den Hörfunk. "Die Zeit", FAZ, ZDF und das Bundesverdienstkreuz sind nur vier der zahlreichen Stationen auf Reich-Ranickis Weg zum berühmten "Literaturpapst".

Nach seiner Rede erntet Reich-Ranicki Standing Ovations. Er hat die "schwere Aufgabe" gemeistert.

80 junge Zuhörer aus der ganzen Welt

Neben den Politikern sitzen an diesem Tag rund 80 junge Menschen aus Deutschland, Frankreich, Polen und anderen Ländern im Plenarsaal, die sich in ihrem Alltag für die Aufarbeitung der NS-Zeit engagieren. Es sind die Teilnehmer der jährlichen Jugendbegegnung des Bundestags zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Anschluss an die Gedenkstunde werden sie sich mit Bundestagspräsident Lammert zusammensetzen, um über das Erinnern zu diskutieren.

Mein Sitznachbar ist nachdenklich geworden. Er würde Reich-Ranicki gern fragen, ob es auch Tage gebe, an denen er "einfach mal vergessen" kann. Dies wünsche er ihm von Herzen, bilanziert mein Sitznachbar.


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