David (Name von der Redaktion geändert) aus Sierra Leone in Westafrika war elf, als ihn die Rebellen rekrutierten, also zum Kriegsdienst eingezogen. Statt in die Schule zu gehen, zu spielen und aufzuwachsen wie ein normales Kind, lernte er, mit Waffen umzugehen – und gebrauchte sie auch: Er war ein Kindersoldat. Nach vier Jahren schloss er sich Regierungstruppen an und war anschließend bei der Polizei. Traumatisiert und verzweifelt flüchtete er schließlich nach Deutschland.
David ist mit diesem Schicksal nicht allein. Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) zufolge sind derzeit 250.000 Kindersoldaten in mindestens 22 Ländern im Einsatz – 100.000 davon allein in Afrika. Die meisten von ihnen sind zwischen 15 und 18 Jahren alt, manchmal werden aber auch schon Neunjährige eingezogen. Sie kämpfen in bewaffneten Gruppen oder sogar Regierungsarmeen, wie etwa in Birma. Als Soldaten sind Kinder deshalb begehrt, weil sie leichter zu manipulieren und anspruchsloser sind als Erwachsene; außerdem kosten sie weniger.
Zum Dienst an der Waffe gezwungen
Ein Teil von ihnen wird entführt oder mit Gewalt zwangsverpflichtet. Andere schließen sich freiwillig Armeen oder bewaffneten Gruppen an. Doch kein Kind wird aus freien Stücken zu einem Soldaten: Nachweislich sind es Kinder aus armen Verhältnissen, die in den Krieg ziehen. Oft sehen sie keine andere Perspektive in ihrem Leben, erhoffen sich in der Armee regelmäßige Nahrung, Kleidung sowie medizinische Versorgung. Manche arme Familien verkaufen aus Geldnöten ihre Kinder an bewaffnete Organisationen.
Die Kinder beginnen meist mit Hilfsdiensten: Oft werden sie als Träger eingesetzt, verrichten Haushaltsarbeiten oder dienen als Boten und Späher. Doch schon nach kurzer Zeit nehmen sie an Kämpfen teil. Sie können die Gefahren häufig nicht richtig einschätzen und vergessen vor Aufregung, sich selbst zu schützen. In vielen Fällen werden sie absichtlich Gewaltszenen ausgesetzt, um sie abzustumpfen, sodass sie weniger Hemmungen haben, selbst Grausamkeiten zu verüben.
Lebenslanges Trauma
Schätzungen zufolge sind ein Drittel der Kindersoldaten Mädchen. Viele von ihnen werden sexuell missbraucht und zur Ehe mit Kämpfern gezwungen. Nach dem Kriegsdienst sind die Jungen und Mädchen oft schwer traumatisiert. Die meisten leiden ein Leben lang unter seelischen und körperlichen Problemen. Ihre gesellschaftliche Wiedereingliederung ist schwer. Sie kennen nur Gewalt als Mittel, um Konflikte zu lösen. Zudem ist es für ehemalige Kindersoldaten oft unmöglich, in ihre Heimatorte zurückzukehren, da sie als Täter, nicht als Opfer angesehen werden. Diese Abweisung treibt viele zurück in die Armee oder zu bewaffneten Gruppen und Kriminellen.
David floh nach seinen Kriegserlebnissen nach Deutschland. Hier kümmert sich die Kinderhilfsorganisation "terre des hommes" um ihn. "Für ehemalige Kindersoldaten, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, gibt es sogenannte Clearing Häuser", erklärt Ralf Willinger, Experte für Kinderrechte bei "terre des hommes". In den Einrichtungen stehen die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund: "Braucht das Kind psychologische Hilfe? Kann man die Familie auf irgendeinem Weg eventuell wieder zusammenführen? Das alles wird dort geklärt".
Einsatz für die Rechte der Kindersoldaten
Um Kinder vor Krieg, Gewalt und Ausbeutung zu schützen, haben Deutschland und 192 andere Staaten die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 unterschrieben und ratifiziert. 2002 trat ein Zusatzprotokoll in Kraft, das den Kriegseinsatz von Mädchen und Jungen unter 18 Jahren verbietet. In der UN-Kinderrechtskonvention selbst war das Alter auf unter 15 Jahre beschränkt.
Seit Januar 2011 hat Deutschland den Vorsitz der Arbeitsgruppe "Kinder und bewaffnete Konflikte" des UN-Sicherheitsrates. In einem jährlichen Bericht werden Konfliktparteien in eine "Liste der Schande" aufgenommen, die Kindersoldaten einsetzen. Gemeinsam mit diesen werden Aktionsprogramme entwickelt, um Kindersoldaten zu entwaffnen und wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Sind diese erfolgreich, wird die Konfliktpartei von der Liste entfernt.
Mehr Schutz für ehemalige Kindersoldaten, die nach Deutschland geflüchtet sind, fordert derzeit die Linksfraktion in einem Antrag. So solle die erfolgte oder mögliche Rekrutierung als Kindersoldat als Asylgrund anerkannt werden. Auch David aus Sierra Leone wartet auf die Bearbeitung seines Asylantrags.








