Schon 1933 wurden Juden in Deutschland aus allen öffentlichen Institutionen verbannt: Sie durften nicht mehr in Beamtenberufen, als Ärzte oder Anwälte arbeiten. Auch aus den Universitäten verdrängten sie die Nationalsozialisten systematisch. Jüdische Geschäfte wurden boykottiert, sogenannte Mischehen – zwischen Nichtjuden und Juden – verboten. Um sie äußerlich kenntlich zu machen, mussten Juden ab 1939 eine weiße Armbinde mit einem blauen Davidstern tragen. Der gelbe "Judenstern", der auf der linken Brustseite der Kleidung getragen werden musste, löste diese 1941 ab.
Der Abend des 9. November 1938 bildete den vorläufige Höhepunkt der Judenverfolgung in der Vorkriegszeit: In der "Reichskristallnacht" brannten SA-Trupps mehrere hundert Synagogen nieder. Mindestens 8.000 jüdische Geschäfte wurden zerstört, zahllose Wohnungen verwüstet. Fast 100 Juden wurden erschlagen, niedergestochen oder zu Tode geprügelt.
Einreise für 10.000 Kinder erlaubt
Nach dieser Nacht erlaubte die britische Regierung 10.000 jüdischen Kindern die Einreise nach Großbritannien. Bereits im Juli war auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Roosevelt in Frankreich die Konferenz von Evian einberufen worden, bei der Vertreter aus 32 Ländern über die Aufnahme von Juden aus Deutschland debattierten. Doch keine der beteiligten Nationen war bereit, ihre Einwanderungsbestimmungen zu lockern.
Erst als das britische "Council for German Jewry" – eine jüdische Organisation, die 1936 gegründet wurde, um deutschen Juden bei der Ausreise zu helfen – den britischen Premierminister Neville Chamberlain aufforderte, jüdischen Kindern die Einreise zu erlauben, stimmte dieser zu. Entscheidend für seine Zustimmung war jedoch, dass die Kinder keine öffentlichen Gelder in Anspruch nehmen würden und die Versicherung, dass sie nicht in Großbritannien bleiben, sondern in andere Länder weiterreisen würden.
Nach einer Aussprache mit Chamberlain beschloss das britische Parlament, allein reisenden Kindern aus Deutschland, für deren Unterhalt Privatpersonen oder Hilfsorganisationen sorgen würden, die Einreise zu gestatten. Auf britischer Seite kümmerte sich das "Movement for the Care of Children from Germany" – später "Refugee Children's Movement (RCM)" – um die Organisation der Transporte und deren Finanzierung durch Spenden.
Stiller Abschied
In Berlin organisierte die Abteilung Kinderauswanderung der Reichsvertretung – ab Juli 1939 Reichsvereinigung – der Juden in Deutschland die Transporte, in Wien die Israelitische Kultusgemeinde (IKG). Zuständig waren beide Einrichtungen aber nur dann, wenn die Kinder der jüdischen Gemeinde angehörten. Allerdings wurden nach den sogenannten Nürnberger Gesetzen – in denen Juden zu Bürgern ohne politische Rechte gemacht und "Mischehen" verboten wurden – auch christliche oder konfessionslose Menschen als jüdisch eingestuft, wenn sie "mindestens drei der Rasse nach volljüdische Großeltern" hatten. Für diese rund 2.000 Kinder übernahmen die Hilfsstellen der Kirchen die Organisation.
Bis zum Alter von 17 durften jüdische Kinder einreisen, für die ein Förderer gefunden wurde. Mit dem Zug fuhren sie aus Deutschland, Österreich und Danzig meist ins niederländische Hoek van Holland und von dort aus mit dem Schiff nach Harwich. Andere Schiffe fuhren von Hamburg nach London oder Southampton.
Als erstes traten Kinder die Reise an, die besonders von den Verfolgungen bedroht waren: aus Waisenhäusern, Kinder, deren Eltern bereits in Konzentrationslagern waren sowie staatenlose und ältere Kinder. Der erste Transport erreichte Großbritannien am 2. Dezember 1938, der letzte am 2. September 1939. Insgesamt schafften 9.354 Kinder aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen die Ausreise. Ihre Familien durften sich nicht auf den Bahnsteigen von ihnen verabschieden, um kein Aufsehen zu erregen.
Totgeschwiegen
Die Kontakte der Kinder zu ihren Familien wurden immer spärlicher. Spätestens zu Beginn der Deportationen 1941 riss er ganz ab. Ein Vormundschaftsgesetz erklärte 1944 das RCM für die Kinder verantwortlich, die unter der Obhut der Hilfsorganisation standen. Als nach dem Krieg klar wurde, dass die meisten Kinder ihre Eltern verloren hatten, ermöglichte ihnen das britische Innenministerium, in einem vereinfachten Verfahren die britische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Viele der "Kinder", die in Großbritannien geblieben waren, nutzten das Angebot.
Viele Betroffene sprachen jahrzehntelang nicht über die Transporte. Sie fühlten sich schuldig, den Holocaust überlebt zu haben – im Gegensatz zu ihren Familien. Erst 1989 organisierte Bertha Leverton ein erstes Treffen von rund 1.000 "Kindern". So nennen sie sich noch heute.









