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"Es gab Menschen, die haben nicht weggeschaut“

1938 und 39 wurden fast 10.000 jüdische Kinder vor den Nazis gerettet. In Zügen fuhren sie durch halb Europa und dann mit dem Schiff bis nach England, wo hilfsbereite Familien sie aufnahmen. Ihre eigenen Eltern sahen viele nie wieder. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) enthüllte nun ein Denkmal in Rotterdam, das an die "Kindertransporte" erinnert. Im Interview erklärt sie, warum das Erinnern so wichtig ist – und mit welchem Gegenmittel sich das "Gift der Fremdenfeindlichkeit" bekämpfen lässt.

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) im Interview

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) im Gespräch mit Francesco. Links auf dem Stuhl: Max Matze. – © Timo Schmidt


Frau Pau, ich muss Ihnen gestehen, ich bin etwas aufgewühlt. Ich habe auf dem Weg hierher ein Denkmal am Bahnhof Friedrichstraße besucht, das mir bis jetzt nie aufgefallen ist.

Ein aus meiner Sicht sehr wichtiges Denkmal, das eine kaum bekannte Geschichte betrifft: In den Jahren 1938/39, nach der Reichspogromnacht, hat das englische Parlament auf Drängen von Hilfsorganisationen beschlossen, rund 10.000 jüdischen Kindern ein Entkommen aus Nazi-Deutschland zu ermöglichen. Heute wissen wir, dass sie vor dem Holocaust gerettet wurden. Die schweren Entscheidungen von damals kann man an diesem Denkmal nachempfinden: Schicke ich mein Kind in ein unbekanntes Land oder behalte ich es hier und gehe einer ungewissen Zukunft entgegen? Sehe ich mein Kind überhaupt wieder? Dies alles spiegelt sich in dem Denkmal von Frank Meisler, selbst ein gerettetes "Kind", wider.

Weitere Denkmäler stehen in London, Wien und in Danzig. Welche Bedeutung haben diese Orte?

Eben auch aus diesen Orten sind jüdische Kinder nach England gerettet worden. In Wien und Danzig sammelten sich die deutschen bzw. österreichischen jüdischen Kinder und wurden dann mit dem Zug über mehrere Stationen nach Rotterdam gebracht. Von dort wurden sie mit Schiffen nach England übergesetzt, wo sie in London schließlich ankamen.

In Rotterdam haben Sie vor wenigen Tagen ein weiteres Denkmal enthüllt. Erzählen Sie davon.

Mein Eindruck war, dass die Enthüllung in Rotterdam für die angereisten "Kinder" eine Art Schlussstein war. Ein Schlussstein in der Erzählung ihrer eigenen Geschichte. Die Denkmäler sind alle ein wenig verschieden, aber alle anderen – außer das in London und jetzt dieses in Rotterdam – zeigen diese zerrissene Situation: Einige Kinder können fliehen, andere bleiben eben da. Und wir wissen, was mit den Dagebliebenen passiert ist. Die meisten sind in Auschwitz und den anderen Lagern ermordet worden. Auf dem Denkmal in Rotterdam bleibt kein Kind zurück. Alle schauen in Richtung England, über das Meer. Verängstigt und durchgefroren – aber mit einer Zukunft. Das ist der Schlussstein ihrer Erzählung.

1,6 Millionen jüdische Kinder wurden im Holocaust ermordet. Warum ist die Erinnerung an diese 10.000 geretteten Kinder so wichtig?

Es zeigt, dass es möglich war, etwas zu tun. Es gab eben auch Menschen, die haben nicht weggeschaut, sondern das, was sie tun konnten, getan. Sowohl hier in Berlin als auch in Holland, Österreich und Großbritannien. Auch an die muss erinnert werden.

Sie haben einige der überlebenden "Kinder" bereits 2008 im Bundestag empfangen. Wie fühlte sich diese Begegnung an?

Das ist eine sehr bewegende Erinnerung. Ich hatte mich gefragt, wie trete ich, auch als Repräsentantin des deutschen Parlaments, diesen "Kindern" entgegen? Wie werden sie, von denen ja viele seit den Kindertransporten zum ersten Mal wieder in Deutschland waren, auf mich reagieren? Und dann war das eine so herzliche Begegnung. Sie waren nicht mit Gram und Vorwürfen gekommen, sondern mit ausgesprochener Neugier auf die neue Bundesrepublik.

Wo haben Sie auf Ihrer Reise in die Niederlande noch Halt gemacht?

Ich engagiere mich nicht nur für das Gedenken – Gedenken ist kein Selbstzweck –, sondern bin seit Langem auf der Suche nach neuen Formen des Erinnerns, des Gedenkens und vor allem des Immunisierens gegen das Gift der Fremdenfeindlichkeit. Deswegen habe ich auch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam besucht, wo ich in der pädagogischen Abteilung darüber diskutiert habe, wie wir heute Kindern Geschichte zeitgemäß beibringen können.

Ist Bildung das Gegenmittel zum Gift der Fremdenfeindlichkeit?

Bildung und Aufklärung. Da habe ich im Übrigen in Amsterdam ein schönes Beispiel gefunden. Aus dem jüdischen Kindermuseum habe ich Max Matze mitgebracht. Matze ist das Brot, das zu Feiertagen in jüdischen Familien gegessen wird. Er und seine Familienmitglieder führen die jugendlichen Besucher des Museums durch das alltägliche Leben einer jüdischen Familie.

Denkmäler vermitteln oft das Gefühl, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland der Vergangenheit angehören. Stimmt das?

Das stimmt gar nicht! Ich empfehle allen, die das denken, einen gerade an den Bundestag übergebenen Bericht zum Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft. Ich denke, der Deutsche Bundestag ist gut beraten, wenn wir ihn im nächsten Jahr sehr ernsthaft diskutieren.


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