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Kiffen gegen die Schmerzen

Andreas studiert Soziologie, jobbt nebenbei – und kifft. Allerdings nicht, um gut drauf zu kommen, sondern um seine Schmerzen zu lindern. Der 24-Jährige aus Mainz hat Morbus Crohn, eine dauerhafte Entzündung des Darms, die in unregelmäßigen Schüben verläuft.

Cannabiskonsument

Andreas, 24, raucht Cannabis - aus medizinischen Gründen. – © picture alliance/ maxppp


Auf den ersten Blick wirkt Andreas gesund: Bei einer Körpergröße von 1,85 Meter wiegt der 24-Jährige heute 77 Kilo, damit hat er Normalgewicht. Denn Andreas geht es zurzeit "sehr gut". Das war nicht immer so: Es gab Tage, da war er so kraftlos, dass er kaum die Treppe zu seiner Wohnung hoch schaffte. Auch nachts fand er keine Erholung, da raubten ihm Krämpfe den Schlaf.

Andreas hat eine chronische Darmentzündung, die nicht heilbar ist: Morbus Crohn. Rund 320.000 Menschen in Deutschland leiden daran. Die meisten Patienten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, wenn sich die Krankheit mit Bauchschmerzen und Durchfall zum ersten Mal bemerkbar macht. Aber auch Kinder und Jugendliche sind betroffen.

"Der Körper streikt und nichts hilft"

Andreas war 14, als sein Darm erstmals rebellierte – dann immer öfter und mit immer heftigeren Schmerzen verbunden. Appetitlosigkeit und starker Gewichtsverlust machten ihm zusätzlich zu schaffen. "Erst drei Jahre später erhielt ich dann die Diagnose Morbus Crohn. Dadurch entstehen im gesamten Verdauungsapparat Entzündungsherde, die sämtliche Gewebeschichten angreifen und zerstören können."

"Die Gewissheit darüber zu haben, was mit mir los ist, tat gut. Denn die Zeit davor war der blanke Horror. Der Körper streikt und nichts hilft." Der Internist, den Andreas aufsuchte, stellte zuerst eine Weizenunverträglichkeit fest – ein Irrtum. "Diese Fehldiagnose kostete mich Kraft und Kilos, denn die Behandlung brachte nichts. Im Gegenteil: Meine Symptome verschlechterten sich. Irgendwann konnte ich die Schule ein halbes Jahr lang nicht besuchen. Während eines heftigen Schubes – und mit nur noch 46 Kilo auf den Rippen – brachten mich meine Eltern ins Krankenhaus. Dort behandelte man mich direkt mit Kortison." Damit ging es ihm schnell besser – der erste Hoffnungsschimmer nach einem Jahr.

Abhängig vom Kortison

Doch nach seiner Entlassung aus der Klinik meldete sich die Krankheit zurück, die Schübe wurden schlimmer. Mal dauerte es Monate, mal nur einige Wochen – wieder und wieder kamen die Krämpfe. Die vom Internisten verschriebenen Medikamente brachten zwar Linderung, hatten aber starke Nebenwirkungen: Erschöpfungszustände, Depressionen, ständige Gewichtsschwankungen. Bei besonders starken Schüben erhöhte der Arzt die Kortisondosis. Andreas wurde abhängig: "Mein Körper benötigte immer mehr, um ruhig gestellt zu werden. Alles war taub, meine Lebensqualität total am Boden."

Unter Menschen traute er sich kaum noch: "Mir war das alles unangenehm." Für Andreas konnte es so nicht weiter gehen. Bei der Internetrecherche stieß er auf die Leidensgeschichte eines anderen Morbus Crohn-Patienten, der Cannabis gegen seine Symptome einsetzte. Andreas beschloss, ebenfalls die entzündungshemmende Wirkung der Cannabinoide zu nutzen – besorgte und rauchte den Stoff. Er hatte die Droge schon vor seiner Diagnose ausprobiert.

Die Symptome lösten sich in Rauch auf

Nach diesem Joint blieb Andreas völlig schmerzfrei: "Die kompletten Symptome waren weg – ein Befreiungsschlag!" Mittlerweile hat er viel Fachliteratur zu Morbus Crohn und Cannabis durchstöbert. Offenbar wirkt sich vor allem die Verlangsamung der Darmbewegung positiv aus. In einen Rausch gelange er durch den Stoff aber nicht – dafür sei die Dosis zu gering.

Rund 60 Patienten in Deutschland haben mittlerweile eine Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle, über Apotheken Cannabis zum Rauchen zu beziehen. Auch Andreas hat seinen Arzt gebeten, ihm Cannabis zu verschreiben. Der Mediziner willigte ein – und machte doch in letzter Sekunde einen Rückzieher: Andreas ging es "zu gut". Er sucht nun nach einem anderen Arzt, der ihm die Droge auf Rezept gibt. Bis dahin will der Student seine Cannabis-Behandlung – wenn nötig – selbstständig fortsetzen. Illegal.

"Ich wurde schon öfter erwischt"

Ein paar Mal ist Andreas schon erwischt und angezeigt worden, auch Sozialstunden musste er bereits ableisten. Deshalb kifft er heimlich. Seine Eltern erfuhren erst durch einen Gerichtsprozess vom Cannabiskonsum ihres Sohnes. "Mittlerweile wissen sie aber Bescheid und stehen voll hinter mir."

Eine vollständige Legalisierung hält Andreas für keine gute Idee. Aber die Bedingungen für eine Ausnahmegenehmigung müssten seiner Meinung nach gelockert werden: "Auch bei einem vergleichsweise seichten Krankheitsverlauf muss es die Möglichkeit geben, Cannabis als Medizin einzusetzen." Dass in Deutschland inzwischen sogenannte Fertigarzneimittel mit Extrakten des Cannabis-Wirkstoffs delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) hergestellt werden dürfen, macht ihm Hoffnung. Eine weitere Möglichkeit wäre in seinen Augen der Eigenanbau durch die Patienten selbst oder eine staatliche Stelle.

Die Kosten sollten seiner Meinung nach die Krankenkassen tragen. Denn Cannabis ist auf Dauer auch teuer. Andreas arbeitet neben dem Studium in einem Burgerladen, auch um sich seine "Medizin" zu finanzieren: 170 bis 340 Euro gibt er pro Monat dafür aus. Viel Geld für einen Studenten – wenig für einen Alltag ohne chronische Schmerzen.


Kommentare

 

Axel Junker schrieb am 18.01.2012 17:32

Seit gut 40 Jahren wird versucht dem Cannabisgebrauch mit dem BtM-Gesetz beizukommen. Vergeblich. Die (Google) "Prohibitionsuhr" zeigt deutlich wie sehr sich die Verbotspolitik quasi ins eigene Bein schießt, indem reihenweise Existenzen mit Strafverfahren, Hausdurchsuchungen, Verurteilungen und sozialer Ausgrenzung überzogen werden. Die jährlichen Berichte der Drogenbeauftragten sprechen eine deutliche Sprache dahingehend, dass Verfolgung und Strafe NICHTS POSITIVES bewirken. Es ist an der Zeit das Betäubungsmittels-Gesetz einer gründlichen Revision zu unterziehen und dabei auch seriöse Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung zum Thema einfließen zu lassen. Selbst wenn Cannabis nicht völlig unbedenklich ist und missbraucht werden KANN...Wie die Todesfall-Statistiken der legal erhältlichen Gifte Alkokol und Nikotin - oder auch die nüchterne Teilnahme am Straßenverkehr zeigen: Cannabis ist bei Weitem unbedenklicher.

 

Lexa Reknuj schrieb am 18.01.2012 17:48

Schön wäre gewesen, wenn die Redaktion von "mitmischen" sich dazu hätte durchringen können zu erwähnen, dass Andreas - der Protagonist des Artikels "Kiffen gegen die Schmerzen" - Mitglied der "Arbeitsgemeinschaft Cannabinoide in der Medizin" (ACM) und des "Selbsthilfenetzwerk Cannabis als Medizin" (SCM) ist. Aufklärung und Information von Patienten in ähnlicher Lage sind erforderlich, damit diese auch künftig mitmischen können.

 

dennise schrieb am 18.01.2012 20:44

Jetzt steht es ja da - dank Lexa. Ich als Betroffener kenne die Adressen sowieso. Und ich schließe mich Axel an: Liebe Politik, die Zeit ist reif für 'ne Überarbeitung eurer Gesetze. Es kann nicht angehen, dass jemand erst "todkrank" sein muss, um endlich "legal" Medikamente zu beziehen. Wo bleibt unsere Lebensqualität? Euer Gesicht sieht nicht aus ... wie ein Kreis, euer Gewicht bleibt stabil. Doch ich spreche nicht nur für uns MC'ler... Öffnet doch die bitte Augen und Herz und erkennt, dass Betäubungsmittel-Gesetze einer gründlichen Untersuchung und kritischen Auseinandersetzung unterzogen werden müssen!

 

Benjamin schrieb am 19.01.2012 10:04

Bei Temperaturschwankungen/Wetterwechsel hab ich,ab und an, mit Migräne zu k(r)ämpfen ! -Lichtempfindlichkeit -Geräuschempfindlichkeit (Schräge Verzerrungen besonders,harmonische leise Klänge gehen so) -Übelkeit mit wiederholtem Erbrechen Wenige Züge am Joint und ich kann wieder essen ohne mich übergeben zu müssen ! Jedoch teile ich Andreas´s Meinung:Vollständige Legalisierung bitte nicht !

 

Cannarules schrieb am 19.01.2012 10:32

Liebe Politik, die Zeit ist reif für 'ne Überarbeitung eurer Gesetze. Liebe Justiz ...... usw.! Mensch Dennise so kann man mit der Korrupption doch nicht reden...... Liebe Gemeinde.......lach.....

 

cynthia schrieb am 19.01.2012 10:34

Am Thema Interessierte sollten die Gerichtsprozesse um Michael Grosse verfolgen/ nachlesen, der quasi "Vorkämpfer" ist und schon so einige Interviews zu den Aspekten "Legalisierung" und "Eigenanbau" gab. Guter Mann!

 

Ralf H. schrieb am 19.01.2012 11:31

Als chronisch abgestempelter Mensch bekommt man hier sehr wenig Beistand und ausreichend Hilfe. Die Politik weigert sich und hat die Befürchtung, dass wir uns nur vergiften mit Cannabis. Dabei ist es für die meisten Betroffenen die einzige Alternative mit Cannabis deren Krankheiten zu lindern wo die Schulmedizin keine Lösung findet. Es gibt ausreichend Wissentschaftliche Studien die das auch belegen das Cannabis Medizin ist. Und die Menschen leben noch und haben nur mit den Nebenwirkungen vom Staat zu kämpfen.

 

Ichbinmalonline schrieb am 20.01.2012 12:36

Leide auch unter Morbus Crohn. Mir ging es ähnlich. Auch mein Arzt ist der Meinung mir geht es noch zu gut. Ich hoffe es ändert sich bald etwas...

 

ThaBrotha schrieb am 20.01.2012 12:56

Den negativ besetzen Terminus "kiffen", sollte man eventuell bei medizinischer Anwendung unterlassen, da hier keine Unterscheidung zwischen Kiffern und Patienten für Außenstehende vorliegt. Medizin bleibt Medizin und nicht "Medizin". Nur mal von meiner Seite als Patient mit chronischen Magen- und Darmproblemen.

 

Andreas (Artikel) schrieb am 20.01.2012 15:11

Also ich wollte nochmal auf die Arbeit des ACM bzw. SCM hinweisen. Betroffene Patienten können dort Infomaterial und Hilfestellung bei den Anträgen erhalten. ACM: cannabis-med.org SCM: selbsthilfenetzwerk-cannabis-medizin.de Ich hoffe, es tut sich langsam mal was, damit ich nicht mehr in die Illegalität gedrängt werde!

 

H.Strawberry schrieb am 22.01.2012 21:02

Ich habe chronische Schmerzen. Opioide vom Schmerztherapeuten haben mir nicht geholfen, sondern mich abhängig gemacht. Der Hausarzt verschreibt mir kein Cannabis, weil das doch eine Droge ist. Ein anderer Arzt will erst noch mal schnell irgendwelche Psychopharmaka an mir ausprobieren, bevor er mir mit einer relativ harmlosen, dafür aber wirksamen Naturmedizin hilft. Ich war doch schon tablettenabhängig von eurem Dreck!! Als mein Vater Krebs bekam hat ihm keiner der Ärzte gegen die Übelkeit und Kotzkrämpfe, verursacht von der Chemotherapie, geholfen. Erst als ich ihm einen Joint drehte, weil ich davon mal in der Grow gelesen hatte, vergingen die Krämpfe und er begann, wieder zu essen. Deutschlands Ärzte! Wie lange wollt ihr euren Patienten noch die Hilfe verweigern???

 

H.Strawberry schrieb am 22.01.2012 21:14

Ich führe hier noch mal die Liste der Medikamente an, die ich vom Schmerztherapeuten bekam, gegen meine chronischen Muskel- und Gelenkschmerzen: Tilidin, Oxycodon, Tetrazepam, Mydocalm, Voltaren, Ibuprophen, Paracetamol, Lyrica, Cymbalta, Imipramin, Metamizol, Targin, Katadolon, Novaminsulfon. Dies innerhalb von einem Jahr. Jeder normale Mensch mit ein bisschen Ahnung von suchterzeugenden und bewusstseinsverändernden Substanzen merkt hier, dass da etwas nicht richtig laufen kann, wenn gleichzeitig Cannabis mit vergleichsweise geringen Nebenwirkungen als grausame Superdroge abgestempelt wird.

 

H.Strawberry schrieb am 22.01.2012 21:24

Nebenwirkungen der vom Arzt verschriebenen Schmerzmittel: Körperliche Abhängigkeit mit starken Entzugssymptomen bei verspäteter Einnahme wie Frieren, Schwitzen, totaler körperlicher Schwäche, Depressionen, Selbstmordgedanken, Krämpfe und Schmerzen. Desweiteren: Schwindel, Bewegungsunfähigkeit, Benommenheit, Gedächtnisverlust, Angstzustände, Überdosierungen mit Herzrasen, Atemlähmung, Panik und Kreislaufzusammenbruch. Dies nehmen unsere Ärzte in Kauf.

 

Jeffrey mc schrieb am 23.01.2012 18:36

Es gibt ein Sprichtwort, das da heißt "Haschisch macht gleichgültig - ist mir doch egal". --> Haschisch/Canabis wird gerne schlecht gemacht. Doch wenn man mal ehrlich ist, dann wird man zugeben müssen, dass es Alkoholkonsumenten gibt, die ziemlich gleichgültig deren sozialen Umfeld und deren Arbeit sind, eben weil sie vom Alkohol die Finger nicht gezielt lassen können. Doch Canabis bekommt eine über den Deckel. Ich wage zu behaupten, dass es Canabiskonsumenten gibt, die Canabis konsumieren und ein normales Leben leben, ohne unter den Punkten zu fallen, die Canabisgegener nutzen, um ein Verbot am Laufen zu halten. Und wer sagt, dass Canabis ein Entwicklungsblocker sei, der redet davon, was wohl die Ärzte aufzeigen, denn die bekommen, hauptsächlich in Deutschland, nur die Kranken zu Gesicht... Nur mal so: Fehrnsehkonsum am Laufenden Band, Alkohol in Massen, etc: das sollen keine Entwicklungsblocker sein? Aber über Canabis den Schirm des Verbotes spannen oder erhalten wollen, ohne zu berücksichtigen, dass Canabis, Alkohl, Essen, Alkohol, Rumgammeln, etc in dem Maßen wohl kaum Schaden anrichten wird, wo man sein Leben mit allem lebt, was dazugehört (arbeiten/Schule, sich Problemen stellen, mit Freunden und so etwas unternehmen, etc (schlichtweg, das Leben in ausgewogener Form zu leben)), denn man wird dann nicht monoton und verliert nicht das, was das Leben ausmacht. Und wer an dieser Stelle nur von denen redet, die die monotone Spur fahren, ist ein Canabisgegner, der einen Tunnelblick hat: Als ob es in Holland keine Menschen gäbe, die mit Canabis ein ausgewogenes Leben führen... Wer Canabis verboten haben will, der konzentriert sich nur auf Fälle, die schlecht sind. Wenn diese Person nicht gleichzeitig davon redet, wie gefährlich Alkohol ist, ist diese Person aus meiner Sicht nicht glaubwürdig, denn sonst müßte man auch bei Canabis von posetiven Fällen reden. P.S.: Alkohol ist eine Droge, denn sie kann einen Rauschzustand mit sich bringen und birgt ein Abhängigkeitspotential in sich. Doch wie verharmlost Alkohol wird, kann man ja sehen, an den Entzugskliniken, die voll von denen sind, die vom Alkohol nicht loskommen, und wovon keiner redet, während Canabis die Prügel bekommt, die diese nicht immer, wie bei Alkohol auch, verdient hat. Frage: Wer ist schon von Canabis gestorben, wie beim Alkohol? Wer lebt ein geregeltes Leben mit Alkohol bzw. mit Canabis (echt nur mit Alkohol möglich? Bestimmt nicht!)?

 

anonym schrieb am 25.01.2012 09:48

Hanf ist eine uralte Heilpflanze, was leider aufgrund der Prohibition komplett aus dem medizinischen Bewusstsein verloren gegangen ist. Lesenwert dazu auch zwei TAZ - Artikel vom 12.01.("Besser Atmen mit Cannabis" von Mattias Bröckers) und 13.01. ("Die verbotene Medizin" von R. Rosig und H.Gerhold)diesen Jahres, in denen es zum einen um eine Langzeitstudie zur Lungenschädigung und zum anderen um die medizinische Verwendung von Hanf geht. Zu finden in der Suche mit dem Schlagwort "Cannabis" unter taz.de

 

sensiseeds schrieb am 12.02.2012 22:17

Deutschland ist einfach noch nicht weit genug um mit dem Thema drogen umzugehen.!

 

 

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Die Autorin

Anne-Juliane-Wirth_68x68px

Anne Juliane Wirth (20)
studiert in Berlin Politikwissenschaft