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Azubi 4.0
Grips statt dicke Oberarme

07.04.2017 |

Ein Bäckerjob bedeutet mehr als Teig kneten. Der Einzug der Digitalisierung macht im Handwerk vieles möglich. Holger Schwannecke vom Zentralverband des Deutschen Handwerks berichtet, was sich ändert.

Frau verziert Marzipan-Deko.

Als Bäcker aufs Kreuzfahrtschiff, als Konditorin einen Online-Shop eröffnen - wer Handwerksberufe kreativ angeht, hat viele Möglichkeiten. – © dpa/picture alliance

Die Arbeitswelt wandelt sich – und die Ausbildungen wandeln sich mit. Eine Bäckerlehre oder die Ausbildung zum Automechaniker sind heute anders als noch vor zehn oder 15 Jahren. Dieser Übergang ins digitale Zeitalter könnte noch besser laufen, meinen die Grünen in ihrem Antrag "Arbeit 4.0 – Arbeitswelt von morgen gestalten", den der Bundestag am 23. März diskutiert hat. Sie fordern, die Ausbildungsordnungen, also quasi die Lehrpläne, mit Blick auf die Digitalisierung zu überprüfen und Betriebe dabei zu beraten, wie sie ihre Ausbilder besser zu digitalen Themen schulen können.

Ein Teil der Kette

Beispiel Handwerk: Handwerksbetriebe haben einen wichtigen Platz in der Wertschöpfungskette. Sei es, dass sie BMW oder Airbus beliefern, als Feinwerkmechaniker mit der NASA zusammenarbeiten oder als Orthopädietechnikermeister die beste High-Tech-Lösung für Menschen mit körperlichen Einschränkungen entwickeln. Auch überall dort spielt der Einsatz von cyber-physischen Systemen, also künstlicher Intelligenz, Computer und Co., eine immer größere Rolle. Die Arbeitswelt 4.0 lässt grüßen.

Ab aufs Kreuzfahrtschiff

Moderne Handwerksberufe müssen dem Wandel gerecht werden. "Gerne greife ich da den Bäckerberuf beispielhaft heraus: Erfindungsgeist ist heute sicher wichtiger als kräftige Oberarme, denn viele Aufgaben werden von Maschinen übernommen", sagt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Wenn es aber darum geht, Produkte am Markt zu etablieren, sei Kreativität gefragt.

Auch die Karrieremöglichkeiten hätten sich mit den Jahren stark gewandelt. "Nach der Lehre eröffnen sich Aufstiegsoptionen über den Verkaufsleiter im Lebensmittelhandwerk oder den Meister", sagt Schwannecke. Zudem besteht die Möglichkeit, auch ohne Abitur mit dem Meisterabschluss Lebensmitteltechnik zu studieren. Oder man geht ins Ausland und lernt fremde Kulturen und Rezepte kennen. Ob auf einem Kreuzfahrtschiff, in angesehenen internationalen Hotels, in renommierten ausländischen Bäckereien oder über den eigenen Onlineshop – deutsche Bäcker seien weltweit gefragt, so der Handwerksexperte. Für den Schritt ins Ausland bieten die Mobilitätsberater an den Handwerkskammern Auszubildenden und jungen Fachkräften wichtige Beratungs- und Unterstützungsdienstleistungen an.

#einfachmachen

Schwannecke: "Das Handwerk bietet viel Raum für persönliche Entfaltung und ist auch finanziell eine echte Alternative." Bachelorabsolventen und Handwerksmeister verdienen in ihrem Berufsleben auf Augenhöhe. Zu diesem Schluss kommt zum Beispiel das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln in einer Studie aus dem Jahr 2015. 28 Prozent der Meister und Techniker haben sogar einen höheren Stundenlohn als ein Durchschnittsakademiker. Das Handwerk motiviert Jugendliche mit einer Kampagne unter dem Motto #einfachmachen, herauszufinden, wofür ihr Herz schlägt.

Fachkräfte von morgen

Die Chancen, einen interessanten Ausbildungsplatz zu finden, sind gut. Insbesondere Klein- und Kleinstausbildungsbetriebe suchen in einigen Regionen händeringend Bewerber. "Die Folgen des demografischen Wandels, die sinkende Zahl an Schulabgängern und der Trend zum Hochschulstudium, das sind gegenwärtig unsere großen Herausforderungen in der Fachkräftesicherung", berichtet Schwannecke. Von knapp 35 Prozent im Jahr 2006 ist die Studierendenquote in zehn Jahren auf über 58 Prozent angewachsen.

"Mit dem Werbefeldzug der Politik für Abitur und Studium in den vergangenen 20 Jahren hat sich leider die einst positive Sicht auf die duale Ausbildung gewandelt", urteilt der Experte. Dahinter stecke der Irrglaube, dass nur mit einem abgeschlossenen Studium ein sorgenfreies Leben mit angesehener gesellschaftlicher Stellung möglich sei. "Doch das stimmt nicht", so Schwannecke. Eine fundierte Ausbildung im Handwerk biete große Entwicklungsmöglichkeiten und Karrierechancen.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks hat sich viel vorgenommen. Aus-, Fort- und Weiterbildung sollen eine höhere Berufsbildung ermöglichen, diese soll der akademischen Bildung gleichwertig sein. Das wäre dann so etwas wie die Handwerkswelt 4.0.

(red/af)

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