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Leonard Wolf 68x68

Leonard Wolf (18)
macht Bundesfreiwlligendienst bei der Open Knowledge Foundation Deutschland

Grünen-Abgeordnete
"Das Neue passt nicht ins Alte"

07.04.2017 |

Der rasante technische Fortschritt krempelt die Arbeitswelt um. Leonard hat dazu die Grünen-Abgeordnete Kerstin Andreae befragt. Ein Gespräch über das Recht auf Homeoffice, das papierlose Büro – und müde Müllmänner.

Bundestagsabgeordnete Kesrtin Andreae von Bündnis 90/Die Grünen

Qualifikation und Weiterbildung - das sind die Knackpunkte für Kerstin Andreae, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht. – © DBT_Inga Haar

Was verstehen Sie unter "Arbeit 4.0" – wo sehen Sie die Chancen, wo Risiken?

Ich verstehe darunter die Veränderung der Arbeitswelt und auch der Arbeitsplätze im Einzelnen. Wie arbeiten wir in Zukunft angesichts neuer Bedingungen? Die Chancen sind, dass sich schwere Arbeit durch Automatisierung zurückdrängen lässt, dass Arbeit sauberer und Arbeitsplätze angenehmer werden können. Die Risiken liegen darin, dass an manchen Stellen Arbeitsplätze wegfallen könnten, was manchen Menschen Angst macht.

Ihre Fraktion will mit dem Antrag "Arbeit 4.0 – Arbeitswelt von morgen gestalten" neue rechtliche Rahmenbedingungen schaffen. Weshalb sind Sie der Meinung, dass überhaupt neue Regelungen notwendig sind?

Neue Regelungen sind notwendig, weil das Neue nicht mehr in das Alte passt. Unsere rechtlichen Rahmenbedingungen sind der bereits veränderten Arbeitswelt noch nicht angepasst. Viel wird sich um Fragen wie Weiterbildung und Qualifizierung drehen. Das gilt gerade auch für Geringqualifizierte, aber auch für ältere Menschen, die vielleicht noch ein bisschen mit dem Internet fremdeln.

Auch im Bereich der sozialen Sicherung müssen sich Strukturen verändern: Viele der Selbstständigen sind gegen Krankheit oder Arbeitslosigkeit gar nicht abgesichert. Wir wollen die sozialen Sicherungssysteme so verändern, dass sie diese Menschen miteinschließen.

Ein weiterer Punkt ist das Recht auf Homeoffice. Natürlich kann kein solcher Anspruch bestehen, wenn sie in einer Fabrik arbeiten, wo Autos zusammengebaut werden. Aber es gibt in vielen Bereichen nicht nur einen großen gesellschaftlichen Wunsch nach flexibleren Arbeitsplätzen, sondern auch die Möglichkeiten dazu. Wir glauben außerdem, dass das wirtschaftlich vernünftig ist.

Sie sprachen in Ihrer Rede im Bundestag davon, dass wir alle Menschen mitnehmen müssen. Auch die, die Angst davor haben, dass die Digitalisierung ihren Arbeitsplatz gefährdet. Wie sieht Ihre Lösung für diese Menschen aus?

Ein ganz wichtiger Teil der Lösung liegt in der Weiterbildung und der Qualifizierung. Wir wissen, dass einige Arbeitsfelder verschwinden werden – aber es werden sich auch neue Tätigkeiten entwickeln. Früher gab es zum Beispiel in der Abfallwirtschaft so schwere Mülleimer. Die Müllentsorgung lief so, dass das Müllauto vorgefahren ist und die Müllmänner die Eimer in den Müllcontainer des Fahrzeugs geschmissen und dann wieder zurückgestellt haben. Nach acht Stunden waren auch noch so starke Männer wirklich fertig. Inzwischen gibt es Systeme mit Hebetechniken, wodurch vieles automatisiert wurde. Jetzt könnte man ja sagen, dass das Arbeitsfeld dieses Müllmanns weggefallen ist. Aber was ist? In der Entsorgungswirtschaft haben wir heute mehr Beschäftigte als früher: Die ganzen Fragen der Kreislaufwirtschaft und des Recyclings haben ganz neue Geschäftsmodelle eröffnet.

Das wird man in vielen Bereichen erleben. Ich bin froh, wenn immer weniger Menschen acht Stunden am Tag so hart arbeiten müssen, dass sie abends einfach kaputt sind. Aber um diese Veränderung sinnvoll zu gestalten, müssen wir unser Augenmerk auf Qualifikation und Weiterbildung legen. Dabei darf keine Rolle spielen, ob ich es mir leisten kann, oder ob ich die Zeit dafür habe – die Rahmenbedingungen müssen es jedem möglich machen.

Betrifft "Arbeit 4.0" auch Berufe, die auf den ersten Blick gar nichts mit Digitalisierung zu tun haben? Ich denke da zum Beispiel an Berufsfelder des Handwerks.

Das zieht sich durch sämtliche Tätigkeitsfelder. Arbeit als solche verändert sich. Ursprünglich hat es damit angefangen, dass eine Form der Automatisierung dafür gesorgt hat, dass in Fabriken heute an vielen Stellen keine Menschen mehr am Fließband stehen, sondern Roboter. Nehmen Sie den Bereich der Mobilität: Angenommen, autonomes Fahren kommt tatsächlich mehr in den Fokus, dann spielt Digitalisierung da eine große Rolle. In Tokio sitzt in einer U-Bahn kein Fahrer mehr, sondern da fährt im Untergrund alles automatisiert.

Wovor aber die Digitalisierung Halt macht, ist vor den ganzen menschennahen Dienstleistungen: Im Bereich der Erziehung, der Pflege, der Krankenversorgung. Das ist auch gut so. Wir können und wollen menschennahe Dienstleistungen nicht ersetzen. Das Gegenteil ist der Fall, wir wollen, dass die Menschen mehr Zeit füreinander haben.

Sie wollen Schulen mit "besseren Lehrmaterialien und Ausstattung" auf die digitalisierte Welt vorbereiten und Lehrer besser auf das Thema vorbereiten. Aber wie sieht die Lösung für Schüler von heute aus, sind diese dann eine verlorene Generation?

Mein großer Sohn wird jetzt 17 Jahre alt und wenn ich merke, wie er mit Internet, IT und Digitalisierung umgeht, würde ich ihn nicht als verlorene Generation bezeichnen. Die Schüler von heute können aus sich heraus schon sehr viel mehr als wir früher. Aber natürlich brauchen Veränderungsprozesse Zeit.

Wenn Schulen auch heute schon gutes Lehrmaterial haben, ist das klar von Vorteil. Das heißt aber nur, dass wir an den Orten, wo dieses eben noch nicht so umgesetzt ist, tatsächlich noch mal mehr investieren müssen.

Welchen Wunsch haben Sie persönlich, wie sich die Arbeitswelt verändern könnte?

Mich erstaunt ja nach wie vor, dass dieses papierlose Büro sich überhaupt nicht durchsetzt. Welche Möglichkeiten anders zu arbeiten wir tatsächlich mit digitalem Zugriff auf Unterlagen hätten. Gerade wenn es ans Ressourcen-Sparen geht, also an ganz einfache ökologische Fragestellungen, könnte sich etwas verändern.

Wir können auch viel mehr bei der digitalen Vernetzung im Kontext von Besprechungen machen: Es wird immer noch zu viel gereist. Wenn ich sehe, dass teilweise Beamte in die Ausschusssitzungen gefahren oder geflogen werden, weil ihr Tagesordnungspunkt nur eventuell zur Sprache kommt. Dabei könnte man ihn auch digital zuschalten. Wir müssen uns fragen, wie wir Vernetzung tatsächlich so organisieren können, dass wir auch ohne uns gegenüberzusitzen arbeiten können.

Über Kerstin Andreae:

Kerstin Andreae wurde 1968 im baden-württembergischen Schramberg geboren und machte 1996 ihren Abschluss als Diplom-Volkswirtin. Seit 1990 ist sie Mitglied in der Partei "Bündnis 90/Die Grünen" und zog 2002 als Abgeordnete für den Wahlkreis Freiburg in den Bundestag ein. Sie ist die Koordinatorin des Fraktions-Arbeitskreises Wirtschaft, Finanzen und Soziales und seit 2012 auch stellvertretende Vorsitzende ihrer Fraktion.

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