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Arbeitsmarkt
Zwei Meinungen

Prof. Dr. Matthias Zimmer trägt einen Anzug und eine dunkelrote Krawatte.

Vor zehn Jahren hätte keiner damit gerechnet, heute eine so niedrige Arbeitslosenzahl zu haben, meint Prof. Dr. Matthias Zimmer (CDU/CSU). – © Büro Zimmer

Wie wichtig ist Ihnen persönlich Arbeit?

Arbeit ist ein ganz normaler Bestandteil unseres Lebens. Wir verbringen häufig mehr Zeit mit der Arbeit als mit Freunden oder der Familie. Sie hat also einen ganz großen Stellenwert. Für mich als Bundestagsabgeordneter ist die Arbeit immer befristet auf vier Jahre. Ich darf nicht davon ausgehen, dass ich immer diese Arbeit habe, denn das entscheiden nur die Wähler. Trotzdem habe ich Spaß dabei.

Am 1. Mai wird jedes Jahr der Tag der Arbeit gefeiert – feiern Sie auch oder halten Sie das für altmodisch?

Ich bin selbst Gewerkschaftsmitglied und in der Regel am 1. Mai auf dem Römerberg in Frankfurt am Main. Dort rede ich mit verschiedenen Gruppen auf der Maikundgebung, sehe mir Präsentationen an und treffe viele Freunde. Es ist ein für mich wichtiger Tag. Er zeigt, dass wir unseren Wohlstand der Arbeit verdanken und dass gute Arbeit auch eine Form des Wohlstands ist.

Sie sind seit Jahren politisch sehr aktiv, haben verschiedenste Posten in Wissenschaft und Politik innegehabt – klingt nach einer Menge Arbeit. Würden Sie sich selbst als Workaholic bezeichnen?

Ich selbst bin kein Workaholic. Meine Aufgabe als Abgeordneter ist es auch, gute Ideen zu entwickeln. Dazu muss man sich hin und wieder auch zurückziehen. Wer nur arbeitet, bei dem bleiben viele Dinge unter der Oberfläche. Deshalb ist es wichtig, eine gute Balance von Arbeit und Freizeit zu haben. Man muss Ideen Zeit geben, sich zu entwickeln. Das geht nicht, wenn man wie ein Workaholic dauernd unter Anspannung steht. Zu viel Arbeit kann durchaus ungesund sein. Und: Kein Mensch hat auf dem Totenbett je bereut, nicht mehr Zeit in der Arbeit verbracht zu haben.

Welchen Wert sollte Arbeit für die Menschen haben? Wie sollten wir arbeiten?

Die Arbeit gehört zum Menschen dazu. Er ist, wie es ein Philosoph einmal gesagt hat, ein arbeitendes Tier. Ohne Arbeit fehlt ihm etwas. Wir definieren uns ja auch sehr häufig über unsere Arbeit: Wir sind Handwerker, Rechtsanwälte, Journalisten, Lehrer, und so weiter. Die Arbeit und der Beruf werden ein Teil von uns, auf den wir mitunter auch stolz sind. Auf der anderen Seite kann zu viel Arbeit und eine, die nicht erfüllend ist, dazu führen, dass Arbeit etwas Fremdes wird, als Belastung empfunden wird.

Sie sind für einen Mindestlohn – und zwar für mindestens 8,50 Euro pro Stunde. Wie kann Ihrer Meinung nach ein Mindestlohn den Wert der Arbeit steigern? Und gehen durch den Mindestlohn nicht auch Jobs verloren?

Wenn Arbeit einen Wert hat, muss sie auch einen bestimmten Preis haben. Ein guter Anhaltspunkt dafür ist: Ein Mensch, der fast 40 Stunden in der Woche arbeitet, muss so gut bezahlt werden, dass er von seinem Lohn auch leben können muss.

Ich kenne die Befürchtung, dass durch den Mindestlohn Jobs verloren gehen. Wir haben uns im Vorfeld viele wissenschaftliche Studien angeschaut, wie der Mindestlohn in anderen Ländern funktioniert. Am Ende haben wir keinen starken Beleg dafür gefunden, dass Arbeitsplätze durch einen Mindestlohn verloren gehen. Im Gegenteil: Einige behaupten, dass dadurch sogar mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. In drei, vier Jahren wissen wir, ob und welche Konsequenzen der Mindestlohn für den Arbeitsmarkt in Deutschland bringt.

Zurzeit sind die Arbeitslosenzahlen niedrig wie lange nicht mehr und die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs so hoch wie noch nie. Geht es dem deutschen Arbeitsmarkt also gut?

Ja. Vor zehn Jahren hätten wir mit solch tollen Zahlen nicht gerechnet. Damals spielte auch das Thema Jugendarbeitslosigkeit eine große Rolle. Dass wir davon heute kaum mehr reden müssen, ist ein großer Erfolg.

Wo hat der Arbeitsmarkt in Deutschland weiteres Potenzial und woran mangelt es derzeit?

Es gibt zwei große Herausforderungen: Zum einen müssen wir uns den Langzeitarbeitslosen widmen. Es darf heutzutage nicht mehr sein, dass Menschen über Jahre arbeitslos sind und auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben. Das zweite Problem ist, dass wir mehr Facharbeiter brauchen, auch über Zuwanderung aus dem Ausland. Dafür haben wir die ersten Weichen gestellt.

Was sind in Ihren Augen die Zukunftsbranchen, wo sollten junge Leute hinsteuern?

Jugendliche müssen nicht immer das Abitur machen und studieren. Wir brauchen auch viele Handwerker und gut ausgebildete Facharbeiter. Ich persönlich glaube, dass in Zukunft auch im Bereich der Pflege sichere Arbeitsplätze entstehen.

Sie sind stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss für Arbeit und Soziales – welche Trends in Sachen Arbeitsmoral beobachten Sie in den Gesprächen und Diskussionen der Ausschussmitglieder?

Auf unseren Ausschuss selbst bezogen: Da wird viel gearbeitet und sehr ernsthaft diskutiert. Die Politiker in diesem Ausschuss sind schon etwas Besonderes. In der Arbeitswelt selbst macht uns zunehmend Sorge, dass immer mehr Arbeitnehmer unter großem Zeitdruck arbeiten und viele unter psychischen Erkrankungen leiden. Unser Ziel ist, dass die Menschen auch bis 67 arbeiten können, ohne vorher psychisch zu erkranken und arbeitsunfähig zu werden.

Wie wichtig ist Ihnen die Balance zwischen Arbeit und Ihrer Freizeit?

Wer sich nur allein über Arbeit definiert, ist ein armer Tropf. Man muss einen Ausgleich haben und sich zurückziehen können. Ich selbst habe eine Reihe von Hobbys. Ich mache gerne Musik oder lese gern schöne Bücher. Wer einen gesunden Ausgleich hat, kann die Arbeit ganz anders wertschätzen.


Über Prof. Dr. Matthias Zimmer:

Aufgewachsen an der Mosel entdeckte Prof. Dr. Matthias Zimmer (CDU/CSU), Jahrgang 1961, schnell sein Faible fürs Lesen. Nachdem er in Trier Politikwissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht studierte, gipfelte seine akademische Karriere 2013, als er Honorarprofessor an der Universität zu Köln wurde. In der CDU ist er schon seit 1979 Mitglied und im Bundestag sitzt er seit 2009, derzeit im Ausschuss für Arbeit und Soziales als stellvertretender Vorsitzender. Er ist auch Mitglied im Ältestenrat.

Matthias W. Birkwald sitzt auf einer Bank in der Reichstagskuppel und gestikuliert.

Das Potenzial des deutschen Arbeitsmarktes liege bei den Frauen und den älteren Arbeitnehmern, sagt Matthias W. Birkwald (Die Linke). – © Büro Birkwald

Wie wichtig ist Ihnen persönlich Arbeit?

Meine Arbeit ist mir sehr wichtig und hat einen zentralen Stellenwert in meinem Leben, manchmal mehr, als mir lieb ist. Es macht zwar nicht immer Spaß, so viel zu arbeiten, und natürlich hätte ich lieber mehr Zeit für Freunde und Familie, aber ich freue mich, etwas bewegen zu können.

Am 1. Mai wird jedes Jahr der Tag der Arbeit gefeiert – feiern Sie auch oder halten Sie das für altmodisch?

Ganz im Gegenteil. Wie jedes Jahr seit über 30 Jahren nehme ich am 1. Mai an einer Demo durch Köln teil. Nach der Demo gehen wir auf den Heumarkt, wo es Reden und kabarettistische Aufführungen gibt. Anschließend werde ich am Infostand der Linksfraktion im Bundestag Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern führen. Der Tag der Arbeit ist für mich heute immer noch ein Kampftag. Leider ist es so, dass zu wenig Menschen zu den Kundgebungen kommen, gerade junge Leute trifft man dort viel zu selten an.

Sie sind seit Jahrzehnten politisch sehr aktiv, haben verschiedenste Posten innegehabt – klingt nach einer Menge Arbeit. Würden Sie sich selbst als Workaholic bezeichnen?

Viele meiner Freunde würden mich als Workaholic bezeichnen, ich selbst nicht. Ich habe viel Verständnis für Workaholics, wenn sie für eine innere Überzeugung arbeiten, sich zum Beispiel für die Umwelt, Gewerkschaften oder die Kirche engagieren. Mir selbst geht es ja genauso. Wenn man aber so viel arbeitet, um möglichst viel Geld zu verdienen, dann sehe ich das eher kritisch. Gesund sind meiner Meinung nach 30 bis 35 Stunden Arbeit pro Woche.

Welchen Wert sollte Arbeit für die Menschen haben? Wie sollten wir arbeiten?

Ich denke, man sollte arbeiten, um zu leben und nicht leben, um zu arbeiten. Dabei sollte es „gute Arbeit" sein. Das heißt, der Arbeits- und Gesundheitsschutz muss eingehalten werden und es sollte eine sinnvolle Arbeit sein. Die Arbeit darf auf gar keinen Fall krank machen. Wichtig sind außerdem Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und zur Weiterqualifikation sowie starke Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten.

Sie sind für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn – und zwar für mindestens zehn Euro pro Stunde. Gehen durch den Mindestlohn nicht auch Jobs verloren?

Es kann zwar sein, dass in bestimmten Regionen ein paar Jobs verloren gehen, dafür kommen in anderen Regionen welche dazu. Außerdem haben die Leute bei höheren Löhnen auch mehr Geld zur Verfügung, das sie ausgeben, was wiederum Arbeitsplätze schafft. Ich rechne weder mit größeren Arbeitsplatzverlusten noch mit größeren Arbeitsplatzgewinnen.

Zurzeit sind die Arbeitslosenzahlen niedrig wie lange nicht mehr und die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs so hoch wie noch nie. Geht es dem deutschen Arbeitsmarkt also gut?

Dem Arbeitsmarkt geht es vielleicht besser als früher, aber noch nicht gut. Die Arbeitslosenzahlen muss man sich immer sehr genau ansehen, denn da wird gepfuscht ohne Ende: Zählt man zu den offiziellen Arbeitslosen noch die Gruppe der "Unterbeschäftigten" (Anm. d. Red.: jemand könnte mehr arbeiten) und die "Stille Reserve" (Anm. d. Red.: jemand, der eine Arbeit aufnehmen kann, aber nicht arbeitslos gemeldet ist), dann kommt man auf Arbeitslosenzahlen von fünf bis sechs Millionen und nicht auf drei Millionen.

Wo hat der Arbeitsmarkt in Deutschland weiteres Potenzial und woran mangelt es derzeit?

Ein großes Potenzial ist die Frauenbeschäftigung: Viele Frauen würden gerne mehr arbeiten. Auch die älteren Arbeitnehmer bergen großes Potenzial: Momentan haben nur 11,4 Prozent der 64-Jährigen sozialversicherungspflichtige Vollzeit-Jobs. Ein großer Mangel am deutschen Arbeitsmarkt sind die Einstiegsmöglichkeiten für die Jungen.

Was sind in Ihren Augen die Zukunftsbranchen, wo sollten junge Leute hinsteuern?

Junge Leute sollten in alle Branchen streben. Wenn alle nur in ein paar bestimmte Richtungen gehen, haben wir dort bald ein Überangebot, während es woanders an Arbeitskräften mangelt. Ganz wichtig ist, dass jede und jeder in den Bereich geht, in dem seine oder ihre Fähigkeiten am besten ausgeprägt sind.

Sie sind Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales – welche Trends in Sachen Arbeitsmoral beobachten Sie in Gesprächen und Diskussionen in Ihrem Arbeitsumfeld?

Allgemein kann man sagen, dass die Arbeitsmoral in Deutschland recht befriedigend ist. Es gibt einige, die aus eigenem Antrieb sehr viel arbeiten. Und natürlich gibt es andere, die am liebsten so wenig wie möglich arbeiten wollen. Es ist allerdings nicht so, dass bei den jungen Leuten die Arbeitsmoral nachlassen würde, wie so oft behauptet wird.

Wie wichtig ist Ihnen die Balance zwischen Arbeit und ihrer Freizeit?

Theoretisch ist mir meine Work-Life-Balance sehr wichtig, praktisch kriege ich das aber nie ganz hin. Oft arbeite ich auch am Samstag und am Sonntag, im Schnitt 70 Stunden die Woche. Dienstag habe ich mir allerdings einen ganzen freien Tag gegönnt und war in einer wunderschönen Jugendstilsauna. Im Sommer werde ich außerdem drei Wochen Urlaub nehmen und nach Italien fahren.


Über Matthias W. Birkwald:

Matthias W. Birkwald (Die Linke), Jahrgang 1961, ist Bundestagsabgeordneter sowie Mitglied und Obmann im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Sein Studium schloss er 1990 als Diplom-Sozialwissenschaftler ab. 1980 begann er sich als Mitglied der Jungdemokraten/Junge Linke politisch zu engagieren. Ab 1993 war er Mitglied der PDS und 2007 war er Delegierter des Gründungsparteitags der Linken. Seit 2009 sitzt er als Abgeordneter im Bundestag.

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