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Die Autorin

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Lou Antoinette Godvliet (18)
Psychologiestudentin aus Wuppertal

Nuklear-Experte
"Könnten sich gegenseitig vernichten"

19.04.2017 |

Funktioniert eine Welt ohne Atomwaffen? Dr. Oliver Thränert, Leiter für angewandte Forschung im Zentrum für internationale Sicherheitspolitik, erklärt Lou, wieso das nicht die beste Strategie ist.

Thraenert

Ist unsere Welt in 20 Jahren frei von Atomwaffen? Dr. Oliver Thränert ist da skeptisch. – © privat

Russische Drohgebärden, Trump stellt die Nato und die Schutzmachtrolle der USA in Frage – haben die Europäer nicht selbst ein Interesse, sich atomar zu schützen oder schützen zu lassen?

Genau aus diesem Grund nimmt Deutschland gemeinsam mit Belgien, Italien, den Niederlanden und auch der Türkei an der nuklearen Teilhabe teil, um Einfluss auf die nukleare Bündnispolitik nehmen zu können. Sollten sich die Amerikaner – was derzeit nicht zu erwarten ist – tatsächlich aus der nuklearen Zusammenarbeit mit den Europäern zurückziehen, müsste Europa sich eine neue Abschreckungsstrategie ausdenken. Man müsste dann auf die Kernwaffen in Großbritannien und Frankreich zurückgreifen, da alle anderen europäischen Staaten völkerrechtlich verbindlich für immer auf eigene Atomwaffen verzichtet haben.

Weshalb ist eine eigene europäische nukleare Abschreckung schwierig?

Frankreich und Großbritannien haben im Vergleich zu den USA oder Russland nur sehr kleine nukleare Streitkräfte. Sie müssten also für eine glaubwürdige nukleare Abschreckung aufrüsten, was beide Länder überfordern würde. Weiterhin müsste man darüber nachdenken, wie sich andere europäische Staaten an einer solchen Aufrüstung beteiligen können. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel die Europäisierung der nukleare Teilhabe, indem französische Kernwaffen auf deutschem Territorium deponiert würden und Deutschland entsprechende Kampfflugzeuge zur Verfügung stellt.

Die Grünen fordern den Abzug von Atomwaffen aus Deutschland – ist das denn ratsam?

Nein. Es ist zwar schon ein langfristiges Ziel, alle Kernwaffen abzuschaffen, aber solange es Kernwaffen gibt, sollte Deutschland gemeinsam mit anderen Nato-Partnern an der Praxis der nuklearen Teilhabe festhalten und eine sehr geringe Anzahl von Kernwaffen weiterhin auf deutschem Boden lagern.

Wie kann man das Ziel einer atomwaffenfreien Welt dann erreichen?

Die Schwierigkeit besteht darin, dass die politischen Voraussetzungen stimmen müssen, um eine Welt ohne Kernwaffen tatsächlich realisieren zu können. Das bedeutet zum einen, man müsste ein umfassendes Inspektionssystem haben, auf das sich alle Staaten einigen und verlassen würden, um zu verhindern, dass ein oder mehrere Staaten heimlich wieder nuklear aufrüsten. Zusätzlich muss man sich fragen, wie eine Welt ohne Kernwaffen überhaupt funktionieren kann. Man kann nämlich davon ausgehen, dass die Großmächte USA, Russland und China bisher keine Kriege gegeneinander geführt haben, weil sie eben Atomwaffen besitzen und wissen, dass sie sich gegenseitig vernichten könnten.

Wie realistisch ist die Gefahr, dass sich irgendwelche "Schurkenstaaten" in den nächsten Jahren atomar bewaffnen? Wie kann man das verhindern?

Es gibt immer wieder Spekulationen darüber. Ein wichtiges Beispiel dafür, wie man ein Land mit diplomatischen Mitteln überzeugen kann, keine Atomwaffen zu bauen, ist der Iran. Hier hat es ein Atomwaffenprogramm gegeben und es ist gelungen, dieses Programm zu stoppen. Ansonsten ist es wichtig, dass man sogenannte sensitive Technologien wie Urananreicherung oder Wiederaufbereitung so kontrolliert, dass sie nicht weiterverbreitet werden bei gleichzeitigem Zugang der Staaten zur zivilen Nutzung der Kernenergie.

Sehen Sie die Möglichkeit, dass ein Wettrüsten unberechenbarer Klein-Atommächte ausbricht?

Das ist durchaus möglich. Wir sehen ja, dass Nordkorea gerade dabei ist, sich ein Atomwaffenprogramm zuzulegen. Sie haben schon fünf nukleare Tests durchgeführt, man weiß aber nicht, inwieweit sie in der Lage sind, Sprengköpfe zu bauen. Wenn Nordkorea sich dieses Programm zulegt, besteht die Gefahr, dass sich weitere Staaten in der Umgebung nuklear bewaffnen. Genau dasselbe spielt sich auch zwischen dem Iran und Saudi-Arabien ab.

Dienen Atomwaffen tatsächlich nur noch der Abschreckung – und unter welchen Bedingungen würde es zu einer "First-Use-Option" kommen?

Um eine nukleare glaubwürdige Abschreckung darstellen zu können, muss man auch die Option haben, diese im Zweifelsfalle einzusetzen. Deshalb hat auch die Nato die Strategie des sogenannten ersten Einsatzes, die "First-Use-Option". Das heißt, dass im Falle eines massiven konventionellen Krieges, vielleicht auch unterstützt durch chemische Waffen, diese Atomwaffen eingesetzt werden dürfen. Allerdings gilt das nur für die äußerst bedrohlichen Szenarien.

Über Dr. Oliver Thränert:

Der 58-jährige Politologe und Historiker lebt in Zürich, stammt aber ursprünglich aus Braunschweig wo er auch Politikwissenschaften studierte und promovierte. Nach seiner Promotion 1986 beschäftigte er sich im Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn mit sicherheitspolitischen Fragen. 2001 wechselte er zur Stiftung Wissenschaft und Politik und seit 2012 arbeitet er an der ETH Zürich als Leiter für angewandte Forschung im Zentrum für internationale Sicherheitspolitik. Die Atomwaffen-Thematik stellt für Thränert eine "Überlebensfrage" dar. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man auf Dauer mit Atomwaffen leben kann, ohne dass sie nicht doch irgendwann mal eingesetzt werden."

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