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Die Autorin

Ines Wollenteit 68x68

Ines Wollenteit (23)
ist freie Journalistin

SPD-Abgeordnete
"Ich werde es nicht mehr erleben"

19.04.2017 |

Ende März haben die Vereinten Nationen über ein sofortiges Atomwaffenverbot diskutiert – Deutschland war nicht dabei. Ines hat die SPD-Abgeordnete Ute Finckh-Krämer gefragt, was das zu bedeuten hat und welche Rolle Deutschland beim Abrüsten spielt.

SPD-Abgeordnete Ute Finckh-Krämer

Ute Finckh-Krämer (SPD) kann nicht verstehen, dass die weltweite Abrüstung von Atomwaffen seit Jahren stagniert und dass heute teilweise Atomwaffenarsenale wieder modernisiert werden. – © Carsten Schwaebe

Zurzeit gibt es weltweit rund 15.000 Atomwaffen. Warum ist aus Ihrer Sicht ein Atomwaffenverbot notwendig?

Fehlalarme, Unfälle, Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen – all diese Dinge aus der Vergangenheit zeigen uns, dass ein Atomwaffenverbot notwendig ist. Wir wissen außerdem aus den beiden Malen, bei denen Atomwaffen gegen Menschen eingesetzt wurden – also Hiroshima und Nagasaki – was für furchtbare Konsequenzen sie haben und weswegen sie nie wieder zum Einsatz kommen dürfen.

Außenpolitisch bekennt sich Deutschland zu einer Welt ohne Atomwaffen. Doch statt der Reduzierung der atomaren Sprengköpfe, wollen die Nationen, die Atomwaffen besitzen, diese modernisieren. Wie beurteilen Sie das?

Es ist tatsächlich schwer zu verstehen, warum die fünf offiziellen Atommächte im Augenblick alle ihre Atomwaffen modernisieren, obwohl der Atomwaffensperrvertrag sie zur Abrüstung ihrer Atomwaffen verpflichtet – und das seit 40 Jahren.

Was beinhaltet der Atomwaffensperrvertrag?

Der Atomwaffensperrvertrag ist 1970 in Kraft getreten und auf drei Säulen aufgebaut: Die erste Säule besteht aus einer Verpflichtung der Abrüstung der Atomwaffen der damals fünf beigetretenen Atomwaffenstaaten – die USA, die damalige Sowjetunion, England, Frankreich und die Volksrepublik China. Die zweite Säule beinhaltet ein Verbot der Weitergabe von Technologie und Know-How, die für die Atomwaffenherstellung notwendig sind. Und die dritte Säule hat eine internationale Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft als Ziel. In der Hoch-Zeit des Kalten Krieges hatten wir etwa 75.000 Atomwaffen auf der Welt – es wurde also schon eine ganze Menge abgerüstet.

Wie vernichtet man Atomwaffen denn eigentlich – so, dass sie auch wirklich verschwinden?

Atomwaffen kann man in dem Sinne gar nicht vernichten, weil radioaktive Substanzen teilweise eine Halbwertszeit von bis zu einer Millionen Jahre haben. Uns fehlt also heute noch die Technik dazu. Bis es eine andere Lösung gibt, müssen wir Endlager bauen, die für Millionen Jahre von Grundwasser und von menschlichem Zugriff abgeschnitten werden müssten.

Vom 27. bis 31. März fanden UN-Verhandlungen über ein sofortiges Atomwaffenverbot statt. Welches Signal sendet die Bundesregierung Ihrer Meinung nach mit ihrer Abwesenheit bei diesen Verhandlungen?

Sie sendet das Signal, dass sie nicht noch mehr Konflikte mit den fünf offiziellen Atommächten haben möchte, die ebenfalls alle nicht teilnehmen. Ich hätte mir mehr Mut von der Bundesregierung gewünscht. So viel Mut wie beispielsweise die holländische Regierung mit ihrer Teilnahme gezeigt hat. Aber ich bin auch Konfliktexpertin und kann das Verhalten der Bundesregierung durchaus nachvollziehen. Denn wenn man schon um die Situationen in beispielsweise Syrien, Libyen und in der Ostukraine immer wieder kontrovers diskutieren muss, möchte man weiteres Konfliktpotenzial vermeiden.

Die Einstellung beim Auswärtigen Amt – und das hab ich schon oft bemerkt – ist folgende: Wenn man einen Gesprächspartner hat, den man für weitere Verhandlungen braucht, wie etwa Friedensverhandlungen in Syrien, darf man den nicht verärgern. Denn das hätte indirekte Konsequenzen auf andere weitere Verhandlungen.

Halten Sie es denn überhaupt für realistisch, dass Atomwaffen irgendwann vollständig verschwinden?

Ja.

Und wann?

Ich sag jetzt mal was ganz Böses: Wenn es einen Unfall gibt, der alle zum Nachdenken bringt, dann wird es relativ schnell gehen. Vermutlich innerhalb von zwei, drei, vier Jahren. Ohne Unfall denke ich – ich weiß es nicht. Es wird als erstes noch viel Arbeit am Thema bedeuten. Das könnte noch 30 bis 40 Jahre dauern. Ich werde es wahrscheinlich nicht mehr erleben, aber hoffentlich meine Kinder.

Über Ute Finckh-Krämer:

Ute Finckh-Krämer (SPD) ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Die 60-Jährige ist unter anderem ordentliches Mitglied vom Auswärtigen Ausschuss und dem Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, sowie stellvertretende Vorsitzende im Unterausschuss "Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung". Die Diplom-Mathematikerin ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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