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Die Autorin

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Marie Illner (21)
studiert Medienwissenschaften und Anglistik

Abgeordneter
"Es kündigte sich an"

12.05.2017 |

Was geht uns die Hungersnot im Südsudan an? Marie den Grünen-Abgeordneten Uwe Kekeritz gefragt, was Deutschland tun sollte und was seine Fraktion fordert.

Uwe Kekeritz

Uwe Kekeritz: "Es ist für mich ein Unterschied, ob ein Mensch aufgrund einer Waffenlieferung stirbt, die die deutsche Bundesregierung genehmigt hat, oder aufgrund anderer Lieferungen." – © PR

Was sind die Ursachen für die Hungersnot im Südsudan?

Die aktuelle Hungersnot im Südsudan wurzelt in einem Zusammenspiel aus mehreren Faktoren. Ein Faktor ist die Trockenperiode El Niño, die in Afrika sehr lange angehalten hat. Hinzu kommt, dass im Südsudan Bürgerkrieg herrscht. Dadurch sind die Menschen nicht mehr in der Lage, ihre Felder zu bestellen, sodass auch nicht geerntet werden kann. Es gibt kein Saatgut, es herrscht Unsicherheit und die Menschen sind zum großen Teil auf der Flucht.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Versorgungsstrukturen – gerade wegen der kriegsähnlichen Zustände – extrem problematisch sind. Die Hilfsorganisationen tun sich schwer, Lebensmittel zu verteilen. Weiterhin werden nicht genügend finanzielle Mittel von der internationalen Gemeinschaft bereitgestellt, um ausreichend Lebensmittel für die hungernden Menschen zu liefern.

Warum beschäftigen Sie solche Themen wie Welternährung?

Ein persönliches Schlüsselerlebnis gab es nicht, aber ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit Entwicklungspolitik. Bei Besuchen, etwa in Flüchtlingslagern und Kinderstationen, habe ich Schockierendes erlebt und viele Menschen gesehen, die hungern und abgemagert sind.

Waren Sie auch schon im Südsudan?

Im Südsudan selbst war ich noch nicht, aber in den anliegenden Ländern – auch in Flüchtlingslagern, in denen Flüchtlinge aus dem Südsudan lebten. Die Menschen leben unter sehr harten Bedingungen und müssen ums Überleben kämpfen. Auch wenn keine absolute Trockenheit herrscht oder sich das Land in einer Kriegssituation befindet, ist das Leben für die Menschen wirklich hart. Sie schaffen es aber und sie können dort überleben. Es ist unsere Aufgabe, Ihnen dabei behilflich zu sein.

Wer sind die maßgeblichen Akteure des Konflikts im Südsudan?

Die maßgeblichen Akteure sind der Präsident Salva Kiir Mayardit und sein ehemaliger Vizepräsident Riek Machar. Sie sind Repräsentanten zweier unterschiedlicher Volksgruppen. Es besteht die Gefahr, dass die Zugehörigkeit zu einer Ethnie in diesem Konflikt benutzt wird, um Interessen durchzusetzen. Im Kern geht es um Macht und um Einfluss im jüngsten Staat unserer Erde.

Was soll das von den Grünen geforderte Waffenembargo bringen? Kommen die Gruppen nicht trotzdem an Waffen?

In den Südsudan gelangen die Waffen nicht direkt aus Deutschland. Aber angesichts der immer neuen "Rekorde" deutscher Rüstungsexporte tragen wir Verantwortung. Leider sind auch auf dem afrikanischen Kontinent zu viele Waffen im Umlauf. Unter diesen Umständen ist es nicht schwierig, Waffen zu kaufen. Schon aus moralischen und ethischen Gründen müssen wir wissen, was mit all den Waffen, die wir exportieren, passiert.

Es ist für mich ein Unterschied, ob ein Mensch aufgrund einer Waffenlieferung stirbt, die die deutsche Bundesregierung genehmigt hat, oder aufgrund anderer Lieferungen. Wir müssen vorangehen und klarmachen, dass wir das Problem der Waffenverteilung auf dem ganzen Globus endlich konsequent angehen.

Sie fordern, dass das Geld für humanitäre Hilfe im Bundeshaushalt verdoppelt werden soll. 2016 waren es 57 Millionen Euro. Wie soll das Geld investiert werden?

Die humanitäre Hilfe hat eine klare Aufgabe: Sie muss Mittel und Wege finden, um in Notsituationen zu helfen. Es ist wichtig, den Organisationen rechtzeitig ganz klare Zusagen zu machen, wie viel Geld sie bekommen, damit sie auch planen können. Solche Hungerkatastrophen kündigen sich lange vorher an. Wir wissen seit etwa einem dreiviertel Jahr, dass die Situation sich verschlechtert. Man hätte schon längst vorher klar sagen müssen, wie viel Geld man bereitstellt, um Planungssicherheit zu schaffen. Wenn die Organisationen ihre Einkäufe planen können, ist die Hilfe noch dazu erheblich billiger, als wenn sie ad hoc Lebensmittel, Medikamente, Zelte, und so weiter kaufen müssen.

Wie lässt sich sicherstellen, dass dies wirklich bei den Hilfsbedürftigen ankommt?

Ob die Hilfe ankommt, ist nicht die Frage – sie kommt an. Das Geld wird nicht an Regierungen gegeben, sondern an Hilfsorganisationen, die mit den Menschen vor Ort arbeiten.

Wieso hat Deutschland eine Verantwortung für den Südsudan, was verbindet uns?

Zunächst einmal: Es geht um Menschenleben. Wir leisten in Afrika seit Jahrzehnten humanitäre Hilfe, versuchen die Situation vor Ort zu verbessern und Entwicklungen voranzutreiben. Wenn Menschen wirklich verhungern, kann sich eine der reichsten Nationen der Erde nicht leisten, zuzuschauen und zu sagen: "Das geht uns nichts an." Egal ob Waffenlieferungen oder Klimakrise: Deutschland ist mitbeteiligt an diesen Entwicklungen und muss deshalb auch Verantwortung übernehmen.

Über Uwe Kekeritz:

Der Bundestagsabgeordnete Uwe Kekeritz (Bündnis 90/Die Grünen) ist Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sowie Sprecher für Entwicklungspolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Weiterhin ist er stellvertretendes Mitglied im Unterausschuss für "Zivile Krisenprävention, Konfliktberatung und vernetztes Handeln". Kekeritz engagiert sich seit den 1980er Jahren in der Anti-Atom- und Friedensbewegung.

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