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Constantin Germann 68x68

Constantin Germann (16)
ist Schüler

Welthungerhilfe
"Wir machen trotzdem weiter"

12.05.2017 |

Als die Gewalt eskalierte, mussten Lena Schumacher (29) und ihre Kollegen ihren Arbeitsplatz verlassen. Inzwischen ist das Team der Welthungerhilfe wieder zurück im Südsudan. Constantin wollte wissen, wie die Arbeit vor Ort aussieht.

Junge Frau hält ein Mädchen auf dem Schoß.

Lena Schumacher arbeitet oft in anderen Ländern. Das Foto stammt aus ihrer Zeit in Uganda. – © privat

"Meine letzte Erinnerung an den Südsudan ist leider nicht sehr positiv", erzählt Lena Schumacher. "Im Juli letzten Jahres mussten wir evakuiert werden. Die anhaltenden Kämpfe sind eskaliert, es gab mehrere Tote." Die 29-Jährige ist Nachwuchsfachkraft für Programmkoordination bei der Deutschen Welthungerhilfe, eine der größten privaten Hilfsorganisationen hierzulande, die Hunger und Armut in der Welt besiegen möchte. Schumacher war für drei Monate in Juba, der Hauptstadt des Südsudans. Aufgrund der Sicherheitslage sei es eine große Herausforderung, im Südsudan Nothilfe zu leisten, so die Helferin.

Unabhängig, aber umkämpft

Nach langewährenden Konflikten zwischen dem Norden und dem Süden des Sudans hatten sich 2011 in einem Referendum 98,8 Prozent der südsudanesischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit des Südens ausgesprochen. Infolgedessen erklärte der Südsudan am 9. Juli 2011 seine Unabhängigkeit und gründete einen eigenen Staat. Damit ist das Land, das etwa elf Millionen Einwohner hat, der jüngste Staat der internationalen Gemeinschaft. Doch leider wird die anfangs gefeierte Freiheit seither von Konflikten verschiedener Gruppen überschattet. Immer wieder kommt es zu Kämpfen und Massakern der verschiedenen Interessengruppen. Bis heute ist Frieden oder eine Einigung nicht in Sicht.

Zerstörte Felder

Vor allem durch den von Gewalt geprägten Kampf um die politische Macht steckt der Südsudan in einer Hungerkatastrophe. Die Bevölkerung, die sich größtenteils durch selbstangebaute Produkte ernährt, kann derzeit kaum Nahrungsmittel produzieren, da die Felder von den Kriegsparteien immer wieder zerstört werden. Und für Nahrungsimporte ist die Bevölkerung größtenteils zu arm. Um diese mit Lebensmitteln zu versorgen und den Wiederaufbau voranzubringen, ist neben anderen Hilfsorganisationen auch die Deutsche Welthungerhilfe vor Ort. Die Hilfsorganisation wurde 1968 gegründete und ist konfessionell und politisch unabhängig.

Gefährliche Strecke

"Die Arbeit im Südsudan lässt sich nicht mit vielen anderen Ländern vergleichen", berichtet Schumacher. "So ist zum Beispiel das Haus, in dem wir gewohnt haben, nur 50 Meter von unserem Büro entfernt. Trotzdem mussten wir jeden Morgen ins Büro gefahren werden, denn aufgrund der schwierigen Sicherheitslage ist es unmöglich, diese Strecke zu laufen." Diese Bewegungseinschränkung sei enorm anstrengend und einschränkend für die Programmkoordination.

Wie wird man eigentlich Fachkraft bei der Welthungerhilfe? Lena Schumacher berichtet von ihrem Werdegang: "Nach meinem Abitur war ich ein Jahr in Uganda und habe während meines Studiums Praktika in Sambia und Nigeria absolviert. Ich habe einen Bachelor in Politik- und Sozialwissenschaften und einen Master in Friedens- und Konfliktforschung gemacht. Mir war schon früh klar, dass ich in die Entwicklungszusammenarbeit gehen will und somit habe ich mich beim Nachwuchsprogramm der Welthungerhilfe beworben."

Latrinen bauen

Die Welthungerhilfe leistet im Südsudan momentan eine Mischung aus Nothilfe, Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit. Laut Schumacher erreicht die Hilfsorganisation mit ihren Projekten im Südsudan circa eine halbe Millionen Menschen. "Wir haben unter anderem sogenannte WaSH-Programme (water, sination and hygiene). Diese Projekte beinhalten den Bau von Latrinen und Schulungen zu hygienischen Verhaltensweisen, damit Krankheiten und Erreger frühzeitig erkannt end bekämpft werden können", schildert Schumacher die Arbeit ihrer Organisation. Ein Großteil der Projekte im Südsudan sind jedoch nach wie vor klassische Lebensmittel-Verteilungen für Opfer von Vertreibung und Flucht.

"Der normale Helferalltag in einem solchen Land sieht auf den ersten Blick nicht viel anders aus als ein ganz normaler Job", schildert Schumacher, "wir arbeiten letztendlich sehr viel im Büro und sind auch viel mit organisatorischen Dingen und Koordination von Projekten beschäftigt."

Entbehrlich werden

Die Welthungerhilfe gräbt vor Ort auch Felder um oder baut Dämme – indirekt sozusagen. Sie bezieht Südsudanesen in die Projekte mit ein, sodass die nationalen Kräfte ihr eigenes Land wieder selbst aufbauen und die Hilfsorganisation nur die Schnittstelle zur Planung und Organisation darstellt. "Unser Ziel ist es, uns irgendwann einmal entbehrlich zu machen. Die Südsudanesen sollen die Arbeiten, die anfallen, selbst erledigen können", sagt die 29-Jährige, "es ist wichtig zu verstehen, dass die Menschen im Südsudan am besten selber wissen, wie sie ihr Land wiederaufbauen und ernähren wollen." So würden die Einheimischen mehr Verantwortung für ihr Land übernehmen, das sei effektiver, als wenn der weiße Europäer kommt und zeigt, wie es gemacht wird. So seien von den 120 Mitarbeitern im Südsudan nur etwa 20 von auswärts. "Unsere Vorstellung ist, dass das Büro irgendwann von Einheimischen geführt wird, aber das ist momentan utopisch", so Schumacher.

"Wir machen weiter"

Trotz der Evakuierung im Juli 2016 sind die deutschen Kräfte wieder nach Juba zurückgekehrt, um ihre Arbeit fortzusetzen. "Die Arbeit in solchen Gebieten kann natürlich sehr frustrierend sein. Wir hatten im Süden des Südsudans gut funktionierende Projekte, bei denen Farmer stolz ihr Gemüse präsentieren und verkaufen konnten. Doch diese Projekte stagnieren jetzt wieder, weil sämtliche Strukturen zerstört worden sind", berichtet sie. "Aber wir machen trotzdem immer weiter, denn was ist die Alternative? Wir schaffen weiter Grundlagen, nicht weil wir unglaublich viel Mitleid empfinden und unbedingt helfen wollen, sondern weil diese Menschen ein Recht darauf haben, ernährt zu werden und auch ein Recht darauf, ein Leben in Würde zu führen."

Frieden, Frieden!

"Wichtig für unsere Arbeit im Südsudan wäre eine größere mediale Aufmerksamkeit", meint Schumacher, "aber momentan ist der Fokus auf Kriegsgebieten wie den Irak gerichtet." Das hängt auch mit der Flüchtlingssituation zusammen. Die Länder, aus denen es besonders viele Menschen nach Europa zieht, stehen im Zentrum des Interesses. Die Menschen im Südsudan sind aber schlicht und einfach zu arm, um nach Europa zu fliehen – deswegen blieben sie für Europa und den Rest der Welt weitgehend unsichtbar.

"Die Perspektive für den Südsudan sieht momentan nicht gut aus. Was für die Entwicklung unabdingbar ist, ist Frieden", erklärt die Entwicklungshelferin, "erst wenn Frieden herrscht, kann über politische Reformen, Demokratisierungsprozesse oder die wirtschaftliche Entwicklung des Landes geredet werden. Ohne Frieden sehe ich keine Hoffnung für dieses Land."

Während viele ihrer Kollegen weiter im Südsudan arbeiten, hilft Lena Schumacher mittlerweile im Nordirak. Dort will sie helfen, dass die vom sogenannten Islamischen Staat (IS) verwüsteten Städte wiederaufgebaut werden können.

Kommentare

 

Papa schrieb am 12.05.2017 17:43

Ich bin stolz auf Dich!

 

 

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