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Der Autor

Okan1

Okan Bellikli (24)
arbeitet als Journalist

Tunesische Studentin
"Warten auf nichts"

07.03.2017 |

Viele ihrer Freunde sind frustriert, mit Sorge betrachtet sie das Erstarken der Dschihadisten: Houriya (27) ist Tunesierin und hat mitmischen-Autor Okan berichtet, was in ihrer Heimat gerade los ist. Lest selbst, was sie sagt.

Horuiya aus Tunesien.

Houriya ist vorsichtig optimistisch, was die Zukunft ihrer Heimat Tunesien angeht. – © privat

"In den letzten Monaten hat sich die Lage in Tunesien kaum verändert. Sei es bei der Frage der Arbeitslosigkeit oder der Sicherheit. Es herrscht wirklich eine Ära der Unübersichtlichkeit. Die Politik des Konsenses zwischen den Islamisten und der Partei Nidaa Tounes ("Ruf Tunesiens", die weltliche Partei) hat keine konkrete Lösung gebracht. Jetzt beschäftigen sich fast alle hier in Tunis mit dem Problem der Rückkehr der Dschihadisten, der extremistischen Strömung des Islamismus, die gewaltsam gegen "Ungläubige" vorgeht. Jedes Mal, wenn es einen Terroranschlag in einem Land gibt und der Täter Tunesier ist, dann ist das kein gutes Signal für Tunesien. Weder für Investoren noch für unser Ansehen im Ausland.

Wir brauchen Jobs

In der Bildungsfrage haben weder Regierung noch Gewerkschaften eine Lösung gefunden, es gibt ständig Streiks. Erst kürzlich blieben wieder alle Schulen geschlossen.

Auch eine Antwort auf die konstant hohe Arbeitslosigkeit von 13 bis 15 Prozent in den letzten Jahren fehlt nach wie vor. Meiner Meinung nach ist das ein drängendes Problem, weil wir jedes Jahr rund 80.000 neue Absolventen haben, die keine Beschäftigung bekommen. Sie reisen dann beispielsweise illegal nach Europa oder können zu leichten Opfern für die Zwecke von Terroristen werden.

Es gibt unter den jungen Menschen meinem Eindruck nach ein paar Leute, die einen Weg in die Zukunft, einen Job gefunden haben.

Ich habe Glück

Ich selbst habe das Glück, dass ich in einem eher kulturellen Umfeld aufgewachsen bin. Mein Vater war immer der Ansicht, meine Geschwister und ich können nur durch gute Ausbildung und viel Lesen richtig verstehen, wie die Welt funktioniert und wie man ein würdiges Leben in Freiheit und Gerechtigkeit führt.

Wenn ich allerdings einen Spaziergang durch meine Heimatstadt Sidi Bouzid, etwa 200 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tunis, mache, dann sind die Straßen, öffentlichen Plätze und Cafés voller junger Menschen, die oft den ganzen Tag dort verbringen. Sie sehen keine Perspektive, haben keine eigenen Projekte und kaum Geld. Vom Warten auf nichts sind sie oft frustriert.

Taschengeld für Zigaretten?

Ich habe gehört, dass das Parlament Uni-Absolventen in Zukunft mit 500 Dinar pro Monat unterstützen möchte, damit sie eigene Projekte realisieren können. Umgerechnet sind das gerade mal 200 Euro. Ich befürchte, dass sich damit sehr wenig realisieren lässt und dass die Geförderten eher Zigaretten kaufen oder Kleidung. Dieses Geld zu beantragen wird wahrscheinlich ebenfalls nicht leicht sein. Die Bürokratie in Tunesien ist mit der in Deutschland nicht zu vergleichen. Es vergeht oft sehr viel Zeit, bis Anliegen bearbeitet werden. Und die jungen Leute warten weiter.

Träumen von Europa

Ich habe den Eindruck, dass Programme wie dieses fast täglich besprochen werden, aber es geht nicht voran. Deshalb träumen so viele meiner Freunde von Europa. Ich selbst schreibe gerade meine Doktorarbeit in Deutschland, das dauert noch drei bis vier Jahre. Danach werde ich einen Job in Tunis oder in Deutschland finden, denke ich. Bei meinen Freunden gibt es einige, die verheiratet sind und einen Job haben. Aber diesen Traum von Europa gibt es bei allen."

Über Houriya Ben Ali:

Sie hat Germanistik in Tunesien studiert und dann ihren Master dort und in Österreich absolviert. In Salzburg studierte sie Völkerrecht. Dort hat sie auch ihre Masterarbeit zum Thema "Die EU und der Demokratisierungsprozess in Tunesien vor und nach der Revolution" geschrieben. 2016 hat sie mit dem Internationalen Parlamentsstipendium ein Praktikum im Deutschen Bundestag gemacht. Ihren Beitrag von vor einem Jahr könnt ihr hier nachlesen.

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