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"Möglichst früh starten"

09.10.2015 |

Sich früh Gedanken machen über mögliche Berufe, Praktika und Infos sammeln, das rät Florian Haggenmiller. Er ist beim Deutschen Gewerkschaftsbund für die Jugend zuständig und kennt die neusten Trends.

Ein Mann im Anzug bei einer Rede mit erhobener Faust.

Setzt sich unter anderem für die Interessen von Azubis und Studenten ein: Florian Haggenmiller vom DGB. – © Simone M. Neumann

Wie war das bei Ihnen? Wer oder was hat Ihre Berufswahl beeinflusst?

In der 8. Klasse wurde ich von meinen Lehrern gefragt, welchen Beruf ich gerne erlernen möchte. Im Berufsinformationszentrum der Bundesagentur für Arbeit habe ich mich dann über einige duale Ausbildungsberufe informiert. Es folgte ein Schülerpraktikum bei einer Papierverarbeitungsfabrik und später eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker bei der Deutschen Telekom AG.

Und was ist Ihr Job beim DGB?

Ich bin gewählter Bundesjugendsekretär und vertrete die Interessen von Auszubildenden, Schülern, Studierenden und jungen Erwachsenen in der Ausbildung und beim Berufseinstieg gegenüber der Politik und den Betrieben.

Wann ist der Zeitpunkt, zu dem sich ein junger Mensch Gedanken zu seinem Berufswunsch machen sollte und welche Angebote gibt es?

Möglichst früh! Denn je eher man eine Vorstellung davon hat, wie man in den Arbeitsmarkt starten möchte, umso mehr Möglichkeiten gibt es, sich auszuprobieren. Angefangen von Schülerpraktika in den Ferien oder auch während der Schulzeit bis hin zu Informationen der Bundesagentur für Arbeit und von den Unternehmen selbst – es gibt eine Menge Informationen zur Berufsorientierung. Auch die Gewerkschaften und die DGB-Jugend beraten gerne.

Unter welchen Bedingungen eignen sich Praktika zum Reinschnuppern in die Berufswelt?

Wichtig ist, dass es immer eine Betreuung durch einen Angestellten im jeweiligen Unternehmen gibt. Als Praktikant solltest du direkt in der Praxis erleben können, wie das Berufsleben so ist. Auch sollte vermittelt werden, welche Ausbildungsperspektiven es gibt, denn ein Praktikum ist nicht dazu gedacht, dass du morgens bis abends im Betrieb malochst. Es dient dazu, Berufe hautnah kennenzulernen, als Orientierung für die Berufswahl. Ein Praktikum darf nie reguläre Beschäftigtigung ersetzen.

Eine Studie des DGB zeigt eine zunehmende Anzahl von Studierenden, aber auch mehr Studienabbrüche: Was läuft schief?

Die Berufsorientierung ist der Schlüssel zum Erfolg. In Gymnasien wird generell auf ein Studium orientiert. Es gibt aber sehr viele anspruchsvolle duale Ausbildungsberufe, die für Gymnasialabgänger sehr interessant sind. Studienanfänger stellen dann oft erst auf der Hochschule fest, dass das Studium nicht das Richtige ist.

Studium, Ausbildung, Freiwilligendienst, Praktikum: Welche Trends beobachten Sie bei der Berufswahl?

Die Akademisierung des Arbeitsmarktes nimmt zu. Inzwischen sind knapp 20 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Akademiker. 1999 waren es noch unter 15 Prozent. In der Ausbildung wirkt sich das so aus, dass im Jahr 2000 noch circa 300.000 Jugendliche ein Studium begonnen und rund 600.000 sich für ein Studium entschieden haben. Im Jahr 2013 haben nur noch circa 500.000 Jugendliche eine duale Ausbildung begonnen und genauso viele ein Studium.

Wie werden die vielen jungen Migranten die Situation verändern?

Die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt gehört verstärkt in den Fokus von Schulen und Unternehmen. Und unser Bildungssystem insgesamt muss durchlässiger werden. Viel zu oft wird hierzulande nach Herkunft und Elternhaus selektiert. Dabei hat jeder das Recht auf gute Bildung. Egal woher er oder sie kommt.

Wen sehen Sie in Sachen Berufsorientierung in der Pflicht?

Dafür ist der Staat verantwortlich. Er muss eine gute, klare und verständliche Berufsorientierung gewährleisten. Abstimmen muss er sich dafür mit Arbeitgebern, Schulen und Bildungseinrichtungen. Momentan gibt es aber einen Dschungel an Ausbildungsmaßnahmen und Bildungsanbietern – das muss sich ändern!

Über Florian Haggenmiller:

Florian Haggenmiller, geboren und aufgewachsen in Kempten (Allgäu), ist 33 Jahre alt und Bundesjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Als Abteilungsleiter für Jugend und Jugendpolitik, Finanzen sowie dem Bundesfreiwilligendienst vermittelt er zwischen der jungen Zielgruppe und der Politik sowie den Betrieben.

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