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Die Autorin

Katrin Labusch 68x68

Katrin Labusch (21)
macht eine Ausbildung zur Medienkauffrau für Digital und Print

Hochschule
Wer kriegt den Platz?

22.05.2017 |

Die Linke will den Numerus clausus (NC) abschaffen. Was der NC ist, warum es ihn gibt und was die anderen Fraktionen von den Plänen halten, hat Katrin herausgefunden.

Studenten

Wären die Hörsäle bei NC-Abschaffung vielleicht noch voller? – © dpa

Mehr als 11.500 Studienplätze seien im Wintersemester 2015/16 unbesetzt geblieben. Gleichzeitig erhielten tausende Studienberichtige keinen Studienplatz. Das schreibt die Fraktion Die Linke in einer Kleinen Anfrage und will wissen, welche Schlüsse die Bundesregierung daraus zieht. Der Schluss, den die Linken daraus ziehen: der Numerus clausus muss weg. Das fordert die Oppositionsfraktion in einem Antrag, der am 30. März im Plenum diskutiert wurde. Die Bundesregierung und die übrigen Fraktionen sehen das anders. Doch dazu später mehr.

Was ist der NC?

Spätestens in der Oberstufe hat jeder schon mal vom Numerus clausus (NC) gehört. Der NC (lateinisch für "beschränkte Anzahl") ist, vereinfacht gesagt, die Abiturnote, die man benötigt, um für einen Studiengang zugelassen zu werden. Diese Grenznote ergibt sich erst während des Zulassungsverfahrens und hängt von der Zahl der Bewerber und deren Notendurchschnitt ab. Auch wenn die Zahl der Plätze gleich ist, kann die Grenznote somit von Jahr zu Jahr variieren. Die NC-Werte aus den letzten Semestern sind jedoch nützliche Anhaltswerte.

Greift der NC für alle Studienfächer?

Laut dem "Centrum für Hochschulentwicklung", lag die Quote der zulassungsbeschränkten Studiengänge zum Wintersemester bei 41,5 Prozent, ein Rückgang um 0,5 Prozentpunkte zum Vorjahr. Wie auch in den letzten Jahren zeigen sich große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Besonders hohe NC-Quoten gibt es mit mehr als 60 Prozent in Hamburg, Bremen und im Saarland.

In Bundesländern wie Rheinland-Pfalz oder Thüringen hingegen liegt diese unter 30 Prozent. Die Zulassungsbeschränkungen nehmen zwar tendenziell ab, jedoch sind manche Studiengänge, wie zum Beispiel Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (mit einer NC-Quote von 52,9 Prozent) durchaus beliebter als andere. Die höhere Bewerberzahl trotz gleichbleibender Studienplatzanzahl macht es in einigen Fächern schwierig, einen Platz zu bekommen.

Dabei muss man wissen: Wenn eine Hochschule in einem Studiengang die Bewerber nach NC auswählt, sagt das grundsätzlich nichts über den Schwierigkeitsgrad der Inhalte aus. Es bedeutet, dass die Nachfrage nach dem Studiengang groß ist.

Wozu gibt es den NC?

"Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen", so steht es im Grundgesetz und ganz am Anfang eines Antrages der Linksfraktion, den diese in den Bundestag eingebracht hat. Doch schon vor Jahrzehnten stellte sich heraus, dass die Hochschulen dem Ansturm der Bewerber nicht mehr gewachsen waren. Sie führten also den Numerus clausus ein, der für einige Fächer, wie Medizin oder Pharmazie bundesweit, für Jura oder Psychologie zum Beispiel nur örtlich gilt.

Oder warten

Um nicht gegen das Grundgesetz zu verstoßen, hält die Regelung noch einen anderen Weg zum Traumstudium offen: die Wartesemester. Wer also in der Schule nicht das beste Abi hatte, kann nach einer gewissen Zeit doch ein Medizinstudium beginnen. Mehr dazu im Service-Text.

Das Bundesverfassungsgericht bezeichnete die Sache 1972 als "vorübergehende Notmaßnahme". In einem weiteren Urteil von 1977 betonte das Gericht, "daß jede Auswahl zwischen hochschulreifen Bewerbern eine Ungleichbehandlung prinzipiell Gleichberechtigter in der Verteilung von Lebenschancen darstellt". So beschreiben es auch die Linken in ihrem Antrag und wollen daran etwas ändern. Denn aus der Notmaßnahme ist ein Dauerzustand geworden und der NC hat sich in Deutschland ausgebreitet.

Was will die Linke?

Die Fraktion beklagt, dass der NC die "Aufstiegschancen von Bewerberinnen und Bewerbern aus unterprivilegierten Schichten stark schmälert". Als Beispiel führt sie das Medizinstudium an, in dem sich vor allem junge Menschen aus wohlhabenden und gebildeten Elternhäusern tummeln. Die Sache mit den unbesetzten Studienplätzen trotz zu vieler Bewerber will Die Linke mit einer Zentralen Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) regeln. So was gab es schon mal, die Behörde wurde aber 2008 in eine Stiftung umgewandelt und habe ihre Schwächen. Die Fraktion möchte unter anderem konkret:

  • gesetzlich festschreiben, dass die Hochschulen so viele Kapazitäten schaffen müssen, wie gewünscht werden, damit der NC überflüssig wird,
  • jedem Studienbewerber den Wunschstudienplatz innerhalb von zwei Jahren garantieren,
  • die ZVS in eine Behörde zurückverwandeln und schlagkräftiger machen,
  • den Hochschulen mehr Geld geben, damit die ganze Sache auch funktioniert.

Die Antwort der Regierung

Auf die Kleine Anfrage der Linksfraktion hat die Bundesregierung geantwortet. Sie räumt ein, dass tatsächlich viele Studienplätze unbesetzt geblieben sind und begründet das mit unkoordinierten Mehrfachbewerbungen. Diese machten zeitaufwendige Nachrückverfahren erforderlich, die häufig erst lange nach Semesterbeginn abgeschlossen seien.

Hoffnungen setzt die Regierung nach wie vor in das sogenannte Dialogorientierte Serviceverfahren, dessen Software mit finanzieller Förderung des Bundes entwickelt worden sei. Seit April 2011 stehe die Software der von den Ländern getragenen Stiftung für Hochschulzulassung (SfH) einsatzbereit zur Verfügung. Einige Hochschulen besetzen ihre Plätze bereits darüber.

Die Länder müssen ran!

Allerdings sei die Projektförderung des Bundes ausgelaufen. Jetzt seien die Länder am Zuge, kann man aus der Antwort der Bundesregierung herauslesen: Die Weiterentwicklung der Software und die Koordinierung mit den Hochschulen sowie die Verantwortung für die gesamte Durchführung des Verfahrens liege allein in der Hand der SfH, schreibt sie.

Einen Verstoß gegen das Grundgesetz sieht die Bundesregrierung in dem Verfahren übrigens nicht: Das Bundesverfassungsgericht habe entschieden, dass dem Hochschulzugangsrecht Grenzen gesetzt werden dürften, die zur Wahrung der Funktionsfähigkeit der Hochschulen erforderlich seien. Funktionsfähig sei eine Hochschule nur dann, wenn ihre Kapazität nicht überschritten werde. Soweit Kriterien gelten, nach denen jeder Bewerber eine Chance hat, seien Zulassungsbeschränkungen demnach verfassungsrechtlich hinnehmbar.

Union: Gute Noten sind wichtig

In der Debatte des Linken-Antrags im Plenum erteilte Tankred Schipanski (Union) den Forderungen der Linksfraktion eine klare Absage. "Unser Bildungssystem, insbesondere das Hochschulsystem, wird dem Grundsatz der Chancengerechtigkeit vollkommen gerecht." Deutschland habe das durchlässigste Bildungssystem der Welt – und das auch noch kostenlos.

Er betonte, dass für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion der Leistungsgedanke eine tragende gesellschaftliche Rolle spiele. "Wir sind der Überzeugung, dass nur demjenigen der nächsthöhere Abschluss zustehen soll, der sich dafür qualifiziert, und zwar qualifiziert durch Leistung, qualifiziert durch eine gute Note." Und weiter: "Wir erteilen der Linkenforderung nach dem Verschenken von Studienplätzen, auch nach dem Verschenken von Masterstudienplätzen eine ganz klare Absage."

SPD: Online-Portal braucht Zeit

Daniela de Ridder (SPD) sieht die Probleme, die es mit dem Online-Portal gibt, möchte der Umstellung auf das System aber noch ein wenig mehr Zeit einräumen. Immer mehr Hochschulen würden sich an dem Verfahren beteiligen. Eine neue Behörde, wie die Linksfraktion sie fordert, lehnte sie ab.

Ihr Kollege Oliver Kaczmarek sagte, dass eine Abschaffung des Numerus clausus nicht bedeuten würde, dass auch mehr Arbeiterkinder Medizin studieren. "Ich halte das für eine ziemlich oberflächliche Betrachtung sozialer Ungleichheit, gerade vor dem Hintergrund, dass die erste Generation von Studierenden aus Arbeiterfamilien über Leistungen zu ihren besonderen Berufen kamen, nämlich weil sie herausragende Abiturnoten erworben hatten." Wer etwas an den vorherrschenden Zuständen ändern möchte, der müsse viel tiefer gehen.

Grüne: Von wegen gerecht

Kai Gehring, Bündnis90/Die Grünen, beschreibt den Mangel an Gerechtigkeit als das Hauptproblem des deutschen Bildungssystem. "Wir haben allen Anlass, über Bildungschancen und die soziale Schieflage beim Zugang zur Hochschule einmal mehr zu debattieren", sagt er und nennt auch Zahlen: Von 100 Akademikerkindern studieren 77. Von 100 Kindern, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben, schaffen nur 23 den Sprung an die Hochschule. Er fordert ausreichend Studienplätze und bessere Unterstützung an den Hochschulen: "Aus Studienanfängern sollen erfolgreiche Absolventen statt Abbrecher werden, und zwar egal mit welchem Abschluss."

(kl/red)

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