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Die Autorin

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Selina Beckmann (21)
studiert Publizistik und Politikwissenschaft.

Linken-Abgeordnete
"Ein zentrales Web-Portal"

22.05.2017 |

Der Numerus clausus ist oldschool, findet Nicole Gohlke von den Linken. Selina hat sie im Interview gefragt, wie der Zugang zu Hochschulen geregelt sein soll und wie zusätzliche Studienplätze finanziert werden könnten.

Nicole Gohlke

Wartesemester sind für Abgeordnete Nicole Gohlke die gerechteste Zugangsbeschränkung. – © Deutscher Bundestag/Michael Gottschalk

Die Linke fordert die Abschaffung des Numerus clausus (NC). Was sind für die Fraktion die Hauptprobleme, die mit der Studienplatzvergabe nach Abiturnote einhergehen?

Das Hauptproblem ist, dass der Numerus clausus vor 45 Jahren aufgrund eines scheinbar temporären Mangels an Studienkapazitäten entstanden ist und keine Dauerlösung sein sollte. Heute gibt es, auch aufgrund der Bologna-Reform, nicht nur den NC, sondern auch noch viele andere Arten der Zugangsbeschränkung, wie Aufnahmetests oder Auswahlgespräche.

Für Die Linke ist es politisch falsch, dass viele Studienbewerberinnen und -bewerber leer ausgehen, obwohl man die künftigen Studierendenzahlen ungefähr kennt. Wir finden es gut, dass viele junge Menschen studieren wollen. Deswegen sollen sie, wenn sie Abitur oder eine andere Zugangsberechtigung haben, auch an eine Hochschule gehen können und nicht durch Beschränkungen davon abgehalten werden.

Im Antrag der Linken wird von sozialer Ungerechtigkeit in Verbindung mit dem NC gesprochen. Warum ist er Ihrer Meinung nach ungerecht?

Das gesamte System ist sozial selektiv. Das heißt, dass Kinder aus einem akademischen Elternhaus in den meisten Fällen bessere Zugangsmöglichkeiten zu Studiengängen mit starker Zugangsbeschränkung haben. Jede und jeder sollte aber studieren können, was sie oder er möchte.

Muss dann nicht eher etwas am Schulsystem verändert werden?

Auch die Schule muss solche sozialen Differenzen frühzeitig ausgleichen, da sie darauf vorbereitet, ob man studieren möchte oder nicht. Deshalb fordern wir eine Gemeinschaftsschule bis zur zehnten Klasse, statt eines gegliederten Schulsystems. Dann müsste sich die Schule an die uneinheitliche Schülerschaft anpassen, statt umgekehrt. Von einer solchen individuellen Förderung würden alle profitieren.

Wenn Sie die Abiturnote nicht als ausschlaggebend für die Hochschulzulassung ansehen, wie sollten dann die Studierenden für die meist begrenzten Studienplätze ausgewählt werden?

Wir fordern statt einer Begrenzung einen bedarfsgerechten Ausbau. Den Bedarf könnte man kalkulieren, wenn man sich die Bewerberzahlen und Trends der letzten Jahre, die Größe der Abiturjahrgänge und die Interessen der Jugendlichen anschaut. Ansonsten halten wir Wartesemester noch für die gerechteste Zugangsbeschränkung.

Wie wird in Ihrem Entwurf sichergestellt, dass nicht manche Hochschulen überlaufen sind, während sich an anderen zu wenige Studierende einschreiben?

Die Linke fordert eine bundesweit einheitliche Koordination und Vergabe von Studienplätzen. So könnten die Studienanfängerinnen und -anfänger auf die Hochschulen verteilt werden, und zugleich auf die persönliche Situation Rücksicht genommen werden. Eine junge Familie aus Flensburg sollte nicht nach Konstanz ziehen müssen, weil die Mutter nur dort einen Studienplatz bekommen hat.

Wie sollen die Hochschulen, aber auch der Arbeitsmarkt damit umgehen, wenn plötzlich alle "Elite-Fächer" wie Medizin studieren?

Dass viele Menschen ein Fach wie Medizin studieren möchten, liegt oft daran, dass diese Fächer ein besonderes Ansehen haben und mit einem hohen Gehalt in Verbindung gebracht werden. Das ist ein grundsätzliches Problem, da es auch viele Berufe gibt, die zwar sehr wichtig für die Gesellschaft sind, aber weder hohes Ansehen genießen, noch angemessen entlohnt werden. Es ist eine wichtige arbeitsmarktpolitische Maßnahme, diese Berufe, zum Beispiel aus dem sozialen oder medizinisch-pflegerischen Bereich, aufzuwerten. Dadurch würde sich sicherlich vieles von selbst korrigieren und ausgleichen.

Wie hoch wären die Kosten für Ihre Pläne und wie würden die finanziellen Belastungen auf Bund und Länder aufgeteilt werden?

Um dem Bedarf gerecht zu werden, fordern wir, zunächst den Hochschulpakt zu verstetigen und auf einem Niveau von 2017 zu halten. Der Hochschulpakt ist eine Vereinbarung zwischen Bund und Ländern, dass sich auch der Bund an den Studienkosten beteiligt. Grundsätzlich ist Die Linke der Meinung, dass sich der Bund mehr an der Finanzierung von Bildung und Forschung beteiligen sollte, weil er die Hoheit über die Steuergesetzgebung hat. Hierbei ist natürlich auch Steuergerechtigkeit und Umverteilung ein wichtiges Thema.

Wie stellen Sie sich die Hochschulzulassung in Deutschland im Jahr 2030 vor?

Alle Studieninteressierten sollen erst einmal Zugang zu umfassenden Beratungsangeboten haben. Wenn sie sich für eine Fachrichtung entschieden haben, melden sie sich auf einem zentralen Web-Portal an und geben ihre bevorzugten Studienorte an. Anschließend bekommen sie einen Studienplatz zugewiesen. Das ist nicht so kompliziert.

Über Nicole Gohlke:
Nicole Gohlke wurde 1975 in München geboren. Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin wurde schon früh politisch aktiv und wirkte zum Beispiel in einer Bewegung gegen den Golfkrieg mit. Seit 2009 ist Nicole Gohlke Bundestagsabgeordnete und Hochschul- und Wissenschaftspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke.

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