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Die Autorin

Beatrice Pieper 68x68

Beatrice Pieper (19)
macht eine Ausbildung zur Medienkauffrau Digital & Print

Gedenktag
55.696 Opfer

09.05.2017 |

Noch heute erinnert die Jüdische Gemeinde zu Berlin an 55.696 Juden, die bei Aufständen im Warschauer Ghetto ums Leben gekommen sind. Beatrice war vor Ort und hat die Menschen gefragt, warum sie sich an der großen Namen-Lese-Aktion beteiligen.

Drei Jugendliche an einem Pult.

Abdallah, Kaya und Kilian verlesen die Namen von getöten Berliner Juden. – © Jonas Geue

Blumenkränze liegen an einer Mauer

Blumenkränze erinnern an die Opfer. – © Jonas Geue

Mann am Rednerpult

Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdsichen Gemeinde Berlin, erzählt, dass viele Juden Angst haben, ihren Glauben zu zeigen. – © Jonas Geue

Polizei Häuschen vor Jüdischer Gemeinde

Genau wie Synagogen wird auch der Sitz der Jüdischen Gemeinde aus Angst vor Anschlägen von Polizisten bewacht. – © Jonas Geue

"Gold, Johanna; Gold, Justin; Gold Lothar, Gold, Max; Gold, Zara", liest eine Frau in den Mittfünfzigern aus einem großen, in die Jahre gekommenen Buch vor. Sie hält inne, zeigt einer anderen Frau die Zeile, in der sie sich befand und verlässt das Pult.

Seit 9 Uhr werden an diesem Tag, dem 24. April 2017, vor dem jüdischen Gemeindehaus die Namen aller 55.696 ermordeten Berliner Juden aus dem Gedenkbuch des Landes Berlin vorgelesen. Anlass ist eine Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zum 74. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Alle werden verlesen

Schräg gegenüber dem luxuriösen Kempinski Hotel, zwischen einer thailändischen Bar, einem Burger Restaurant und der S-Bahn Brücke, haben sich dafür etwa 20 Menschen versammelt. Bis zum späten Abend werden immer neue kommen und gehen – bis alle Namen verlesen sind.

Die Zuhörer blicken auf eine kleine provisorische Bühne und lauschen bedächtig den Namen der getöteten Berliner Juden. Dahinter befindet sich das Gelände der jüdischen Gemeinde. Dort steht eine große Holztafel, auf der alle Konzentrationslager namentlich erwähnt werden. Davor liegen bunte Blumenkränze. Nach der Gedenkveranstaltung im Gemeindehaus findet vor dieser Holztafel das Gebet, die Kranzniederlegung und das Heiligungsgebet "Kaddisch" statt.

Gemeinsam auf engestem Raum

Was ist der Hintergrund dieser Gedenkveranstaltung? Bis zum Jahr 1939 lebte in Warschau die größte jüdische Gemeinde Europas. Als jedoch die Nationalsozialisten Polen besetzen, werden alle jüdischen Bürger in einem Ghetto eingeschlossen. Auf engsten Raum müssen dort über 400.000 Menschen täglich mit Krankheiten und Nahrungsmangel kämpfen. Fast 100.000 von ihnen sterben bis zum 21. Juli 1942, dann beginnen die Deportationen in Konzentrationslager.

Am 19. April 1943 entschließen sich die circa 60.000 verbliebenen Ghettobewohner zu einem bewaffneten Aufstand gegen weitere Deportationen. Einige Tage lang kann der Plan der Wehrmacht hinausgezögert werden. Allerdings ist diese überlegen und erschießt die letzten jüdischen Bewohner entweder sofort oder deportiert sie in Konzentrationslager, so dass die größte jüdische Gemeinde Europas vollständig ausgelöscht ist.

An Mut erinnern

An diesen Mut zum Aufstand erinnerte die Jüdische Gemeinde zu Berlin am 24. April mit ihrer Gedenkveranstaltung. Die Gemeinde entstand bereits 1671. Sie wird nach außen hin durch eine Repräsentantenversammlung mit 21 Repräsentanten und dem daraus gewählten Vorstand vertreten. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat über 10.000 Mitglieder. Davon sind zwei Drittel Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.

Etwa 165.000 Juden aus dem damaligen Deutschen Reich wurden laut Bundeszentrale für politische Bildung insgesamt Opfer des Holocaust. Es dauert bis 19 Uhr, bis alle 55.696 Namen der Berliner Opfer vorgelesen sind. Nach vorne getraut haben sich auch Kaya Heide (15), Kilian Schneider (18) und Abdallah Abo Hamada (17). Die drei Berliner nehmen an einer "Nahost AG" in ihrer Schule teil, in der schwerpunktmäßig der Konflikt zwischen Israel und Palästina thematisiert wird. Im Fokus des Projektes steht aber auch der Kontakt mit Leuten jüdischen Glaubens. Deshalb reisen die drei im Juni zusammen mit ihren Mitschülern nach Israel. Auf die Gedenkveranstaltung der jüdischen Gemeinde sind sie durch ihre Lehrerin gekommen, die sie auch ermutigt hat, einige Namen der ermordeten Berliner Juden vorzulesen.

Schon immer bedroht

Die momentane Sicherheitssituation für Leute mit dem jüdischen Glauben sehen die drei eher kritisch. "Wenn man schon sieht, dass jüdische Einrichtungen immer noch Polizeischutz brauchen, ist das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass diese Leute immer noch in Gefahr leben. Ich würde aber nicht sagen, dass gerade jetzt eine besonders gefährliche Tendenz zu bemerken ist. Traurig ist nur, dass die Leute schon immer im Laufe der Geschichte bedroht wurden und sich das bis heute nicht geändert hat", so Killian.

Die Sicherheitsbedenken und der Unmut über die sinkende Hemmschwelle zum antisemitischen Verhalten in der Gesellschaft ist bei dieser Veranstaltung mehr als spürbar. Schon bei der Namensverlesung standen Polizisten auf jeder Straßenseite, auf dem Gelände selbst Wachmänner. Bevor man in das Gebäude reinkommt, muss man einen flughafenähnlichen Sicherheitscheck passieren.

Generation trägt Verantwortung

In seiner Begrüßungsrede umschreibt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Dr. Gideon Joffe, die momentanen Umstände folgendermaßen: "Wenn wir in den letzten Wochen gelesen haben, dass ein jüdisches Kind in der Schule dermaßen erniedrigt wurde, dass er die Schule verlassen musste, so ist es für uns leider nichts Neues. Die jüdische Gemeinde ist der Kanarienvogel der Demokratie. Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass Veränderungen in der Gesellschaft stattfanden, durch die sich viele Gemeindemitglieder nicht mehr trauen, Glaubenssymbole in der Öffentlichkeit zu tragen." Das sich dieser Umstand in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren ändern könnte, sehe er skeptisch.

Die Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses Cornelia Seibeld appellierte abschließend: "Die heutige Generation in Deutschland hat keine Schuld auf sich geladen. Aber die heutige Generation trägt Verantwortung dafür, wie sie mit der Vergangenheit und den gegenwärtigen antisemitischen Entgleisungen umgeht."

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