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Die Autorin

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Laura Heyer (25)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

 
 

Juden in Deutschland
"Unsicherer als früher"

09.05.2017 |

Vorurteile oder sogar Hass gegenüber Menschen, die der jüdischen Religion angehören – ist das in Deutschland nicht längst Geschichte? Die Verfasser des neuen Antisemitismusberichts haben herausgefunden: leider nein. Laura war dabei, als Experten darüber im Bundestag diskutierten.

Demo gegen Antisemitismus

Demonstration gegen den Al-Kuds-Tag. Das ist ein gesetzlicher Feiertag des Iran, an dem staatlich organisierte Massendemonstrationen gegen Israel stattfinden. – © dpa

Berlin-Friedenau im Frühjahr diesen Jahres: Ein jüdischer Schüler soll von türkisch- und arabischstämmigen Mitschülern beschimpft und gemobbt worden sein – schließlich verließ der 14-jährige Junge die Schule. Der Vorgang ist kein Einzelfall. Auch andernorts kommt es vor, dass jüdische Schülerinnen und Schüler ausgegrenzt, angefeindet und sogar körperlich angegriffen werden. Jetzt beschäftigte sich der Bundestag mit den antisemitischen Vorfällen.

Ein Kreis aus neun Wissenschaftlern und Experten, der vom Deutschen Bundestag eingesetzt worden war, hat in den letzten zwei Jahren Vorfälle wie den in Berlin untersucht und gefragt: Welche Ursachen haben sie? Was bedeuten sie für die Betroffenen? Was muss dagegen getan werden? Aus den Ergebnissen dieses unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus ist nun ein Bericht mit Analysen und Vorschlägen zum Umgang mit Antisemitismus entstanden.

Was ist Antisemitismus?

Der Begriff Antisemitismus bezeichnet weit gefasst erst einmal Vorurteile und eine feindliche Einstellung gegen Jüdinnen und Juden. Antisemitische Tendenzen können sich ganz unterschiedlich äußern: in Beschimpfungen, körperlichen Angriffen aber auch in politischen Ideen oder Meinungen.

Antisemitismus ist keine neue Erscheinung. Schon in der Zeit der römischen Kaiser gab es religiöse Auseinandersetzungen zwischen Christen und Juden. Im Mittelalter entwickelten sich ökonomisch begründete Vorurteile gegenüber Juden. Weil sie viele andere Berufe nicht ausüben durften, waren sie damals häufig als Geldverleiher tätig und wurden daher oft als Betrüger und Wucherer verunglimpft.

In der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 war die Feindschaft gegenüber Juden vor allem rassistisch bestimmt. Unter Hitler sah man die Juden als "minderwertige Rasse" an, die die deutsche, "arische" Gesellschaft bedrohte. Die Nationalsozialisten und ihre Helfer töteten mehr als sechs Millionen Juden.

Jüdisches Leben in Deutschland

Etwa 14 Millionen Juden leben weltweit, 200.000 davon in Deutschland. Die Hälfte davon praktiziert ihren Glauben aktiv, es gibt 105 jüdische Gotteshäuser hierzulande. Ebenfalls etwa die Hälfte ist in Verbänden und Gemeinden organisiert. Diese Gruppen werden vom sogenannten Zentralrat der Juden in Deutschland vertreten.

Neben religiösen Einrichtungen gib es in vielen Städten jüdische Supermärkte oder Bäckereien. In Heidelberg bietet sogar eine Mensa der Universität koscheres Essen für Studenten an. Denn im jüdischen Glauben gibt es eine Art Reinheitsgebot – wer sich an religiöse Regeln halten will, darf manche Lebensmittel wie Schweinefleisch nicht essen und andere müssen unbedingt getrennt voneinander zubereitet werden.

Gefühl der Unsicherheit

Im Antisemitismusbericht wird deutlich: Viele Juden fühlen sich in Deutschland unsicherer als noch vor Jahren und sehen Antisemitismus als ein großes Problem. Dazu beigetragen hat auch die schnelle und unkontrollierbare Verbreitung von Vorurteilen oder Verschwörungstheorien gegen Juden im Internet. Jedoch melden nur wenige Betroffene, wenn sie in irgendeiner Form angegriffen werden.

Der 300 Seiten lange Antisemitismusbericht ist der zweite seiner Art seit 2011. "Neu bei den Untersuchungen sind die Perspektive der Betroffenen und das Thema Antisemitismus bei Geflüchteten", sagt Dr. Juliane Wetzel, die Mitglied im Expertenkreis ist. Außerdem standen die Rolle der Sozialen Medien aber auch das Thema Prävention im Zentrum der Untersuchung.

Neun Experten, fünf Forderungen

Für den Bericht haben die Verfasser zahlreiche Wissenschaftler und Experten befragt und Studien in Auftrag gegeben. Daraus formulierten die neun Experten schließlich fünf Forderungen an die Politik:

• Es soll einen speziellen Antisemitismusbeauftragten geben, der die Arbeit koordiniert.

• Straftaten, die einen antisemitischen Hintergrund haben, sollen konsequent erfasst und bestraft werden.

• Es müsse dauerhafte Maßnahmen geben, die Antisemitismus vorbeugen.

• Eine Bund-Länder-Kommission soll geschaffen werden.

• Die Forschung im Bereich Antisemitismus soll gefördert werden.

Neue Formen von Hass

Viele Deutsche empfinden Antisemitismus nicht als aktuelles Problem in der Gesellschaft. Das kritisiert die CDU/CSU-Abgeordnete Barbara Woltmann. Sie ist eine der vier Abgeordneten, die bei ihren Fraktionen über die Ergebnisse der Expertenkommission Bericht erstatten. "Durch den Zweiten Weltkrieg ist der Antisemitismus nicht beendet, sondern es sind neue Formen hinzugekommen. Es muss mehr Aufklärung unternommen werden – und dazu kann der Bericht die Grundlage sein."

Dass dies durchaus notwendig ist, zeigt auch der Fall des Schülers in Friedenau. "So angegriffen zu werden ist antisemitisch – egal wann und wo das geschieht", sagt Petra Pau von der Fraktion Die Linke und Vizepräsidentin des Bundestages. Schon allein anzunehmen, dass es plausible Gründe gebe, jüdische Menschen abzulehnen, sei antisemitisch.

Und was ist mit Israel?

Bei einer Umfrage, die der Expertenkreis beauftragt hatte, wurde zwar deutlich, dass die Zustimmung zum Antisemitismus im Vergleich zu den Vorjahren abgenommen hat. Nur fünf Prozent der Deutschen stimmten klassischen Vorurteilen gegenüber Juden zu. 2002 fanden noch neun Prozent "die Juden" hätten "zu viel Einfluss". Jedoch leiten viele Menschen Vorurteile gegen Juden von der Politik des jüdischen Staates Israels ab. Einen sogenannten israelbezogenen Antisemitismus konnten die Verfasser des Berichtes bei fast 40 Prozent der Befragten feststellen.

Konflikt der Religionen

Die Experten bezogen zum ersten Mal Jüdinnen und Juden selbst in die Umfrage mit ein. Viele sagten, Antisemitismus sei eine häufige Erfahrung. Von Betroffenen und Außenstehenden wird Antisemitismus zudem oft als muslimisches Problem wahrgenommen. Dies hat religiöse und historische Ursachen: Seit Jahrhunderten gibt es zwischen den Religionsgemeinschaften Streit. So befindet sich der Staat Israel mit Palästina, dem Lebensraum vieler Muslime, seit Jahrzehnten in einem militärischen Konflikt und hält palästinensische Gebiete besetzt.

Zwei Bedrohungen: Rechtsextreme und Muslime

Daher wollten die Experten auch den Zusammenhang zwischen Migration und Antisemitismus in Deutschland untersuchen. "Ein vergleichsweise hohes Maß an antisemitischen Einstellungen" könnte zwar unter arabischen und nordafrikanischen Geflüchteten festgestellt werden, sagt der Bericht – neben der Religion scheine offenbar vor allem die Herkunftsregion von Bedeutung zu sein, heißt es in dem Bericht.

Volker Beck (Bündnis 90/ Die Grünen) gibt sich dennoch zuversichtlich: "Wir sollten mit den Flüchtlingen im Sinne einer Aufklärung zusammenarbeiten", sagte er. Man dürfe die Zeit jetzt nicht verschlafen, sondern müsse die Chance nutzen und die Menschen in Deutschland aufklären. "Antisemitismus ist kein Problem der Juden, sondern der Gesellschaft."

Noch viel zu tun

Patrick Siegele, Koordinator das Expertenkreises, betonte sinngemäß, dass man Rechtsextreme hierzulande zugleich im Auge behalten müsse. Auch von dieser Gruppe fühlten sich Juden zunehmend bedroht.

Die Förderung von Projekten gegen Antisemitismus und die Prävention sehen die Experten als wichtigen Schritt. Doch müsse noch viel getan werden. "Es fehlt bis jetzt an einem schlüssigen Gesamtkonzept", so Patrick Siegele.