Inhalt

 

Der Autor

Philipp Westphal 68x68

Philipp Westphal (18)
ist Schüler

Schulprojekte
"Menschenhass ist ein Problem"

09.05.2017 |

In seinem Job bekam er ständig mit, wie jüdische Jugendliche angefeindet oder beleidigt wurden. Um daran etwas zu ändern, hat Aycan Demirel die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus gegründet. Philipp hat ihn nach Tipps gefragt.

Eine Gruppe sortiert sich für ein gemeinsames Foto.

Zusammen mit Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau (erste Reihe rechts) stellt sich Aycan Demirel (zweite Reihe, dritter von rechts) mit anderen Mitgliedern des Expertenkreises Antisemitismus zum Gruppenfoto auf. – © DBT/Melde

Er wollte Antisemitismus nicht länger hinnehmen. Das war der Hauptgrund, warum Aycan Demirel 2003 zusammen mit anderen Akteuren der Jugend- und Sozialarbeit die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) gründete.

Hänseleien und Gewalt

Aus seiner Zeit in der Nachbarschaftsarbeit kannte er antisemitische Kommentare, Hänseleien gegenüber Menschen jüdischen Glaubens und sogar Gewalt aufgrund von Religion. „Dort habe ich antisemitische Äußerungen von Jugendlichen erlebt – mehrfach“, erinnert er sich. Heute ist Demirel Direktor der KIgA und die Berliner Initiative widmet sich nicht mehr nur Antisemitismus, sondern auch antimuslimischem Rassismus, Islamismus und historisch-politischer Bildung. Er und sein Team entwickeln Seminarkonzepte und gehen vor allem in Schulen, um dort mit jungen Menschen daran zu arbeiten. Sie pflegen Kontakte zu anderen Initiativen in Berlin und bundesweit und bieten Workshops, Wanderausstellungen und Seminare an, in denen sich Jugendliche und Erwachsene mit stereotypisierendem und ausgrenzendem Denken auseinandersetzen können.

Menschenfeindlichkeit ist ein Problem

"Es muss uns Sorge machen, wenn wir in den Schulen kaum jüdischen Jugendlichen begegnen. Das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt, sondern dass sie ihre jüdische Identität verheimlichen", sagt Demirel. Er betont allerdings, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein allgemeines Problem sei: "Auch Frauenfeindlichkeit, Rassismus und homophobe Einstellungen dürfen wir nicht kleinreden." Betroffenen rät er, professionelle Hilfe hinzuzuziehen. Mitschüler könnten sich auch um einen Projektschultag oder eine Projektwoche bemühen und so Antisemitismus die Stirn bieten.

Über Umwege zum Ziel

Dabei war Demirels erstes Studium noch weit von seinem heutigen Job entfernt. In der Türkei absolvierte er sein Erststudium in Elektrotechnik. In Deutschland folgten dann Geschichte, Medien- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Schließlich landete Demirel in der Jugend- und Nachbarschaftsarbeit. In der KIgA repräsentiert er als Direktor die Projekte und Ziele und kümmert sich um Pressearbeit. Außerdem ist er Koordinator und Berater für die unterschiedlichen Projekte.

Zusätzlich ist Demirel Mitglied im Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Bundestages. Er war auch dabei, als dieser Ende April den aktuellen Antisemitismusbericht vorgestellt hat. Der 300 Seiten starke Text beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen und rückt die Fragen nach Ursprüngen und Prävention in den Vordergrund. Eines der Ergebnisse: Die Dunkelziffer von antisemitisch motivierten Übergriffen ist hoch. Eine große Mehrheit der Betroffenen sieht Antisemitismus als gravierendes Problem.

"Berlin in Vielfat"

Die KIgA setzt dem zum Beispiel das Projekt "Berlin in Vielfalt" entgegen. Dieses zeigt Biographien von 25 Bürgern jüdischen Glaubens in einer Wanderausstellung, die unter anderem in Moscheen, Jugendeinrichtungen, Bibliotheken und so weiter zu sehen ist.

Desweiteren organisiert die KIgA das Projekt "Akteure der Jugendbildung stärken – Jugendliche vor Radikalisierung schützen". Das Projekt zur Radikalisierungsprävention entwickelt pädagogische Konzepte für Schulen, um mit Radikalisierung umzugehen und dieser vorzubeugen.

"Demokratie leben"

Die Projekte werden zu fast 95 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert. Das Familienministerium fördert im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben" die meisten Projekte der KIgA. Zudem bezuschusst das Bundesministerium des Inneren Projekte mit Flüchtlingen. Es gibt noch viele weitere Finanzierungsquellen: Europäische Union, Senatsverwaltung des Landes Berlin oder die Lotto-Stiftung Berlin. Die Lotto-Stiftung finanziert beispielsweise die Wanderausstellung.

Es gibt noch einige weitere Aktionen und Projekte der KIgA, wie die Förderung des internationalen Erfahrungsaustausches. So führt sie Beziehungen zu türkischen Organisationen und plant eine Studienreise für deutsche Jugendbildungsakteure nach Washington D.C gemeinsam mit dem dortigen Holocaust Museum.

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: