Inhalt

Teilnehmerbeiträge
Der Umgang mit Geschichte

Karolina

Karolina – © privat

Die Nazis ermordeten hunderttausende psychisch Kranke oder Menschen mit Behinderung. Mit dem Thema "Euthanasie" beschäftigten sich die 77 Teilnehmer der Jugendbegegnung des Bundestages im Januar. Sie besuchten Orte, an denen Menschen umgebracht wurden – mit Medikamenten, Gas oder Nahrungsentzug. Karolina, Hannah, Guillaume und Torben blicken zurück.

Was wir von den Deutschen lernen können

Die Teilnahme an der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages stellte für mich aus mehreren Gründen eine besondere Ehre dar. In erster Linie freute es mich, dass ich bei einer solchen internationalen Veranstaltung mein Heimatland vertreten durfte. Die Chance, dabei Jugendliche aus dem Ausland kennenzulernen, mit denen mich das Interesse für die Geschichte der NS-Zeit verbindet, war für mich natürlich auch sehr anziehend. Das Spannendste an der Jugendbegegnung war für mich jedoch die Tatsache, dass ich mich auf diese Weise direkt am Prozess der deutschen Geschichtsaufarbeitung beteiligen durfte.

Teil der Identität

Die Begriffe "Geschichtsaufarbeitung" oder "Vergangenheitsbewältigung" stehen schon seit langem für ein einzigartiges deutsches Phänomen. Es gibt kaum ein anderes Land auf der Welt, das sich mit der dunkelsten Epoche seiner Geschichte ähnlich beschäftigt wie Deutschland. Man könnte sagen, dass die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, wie sie in der breiten Gesellschaft (von Politikern über wissenschaftliche Institutionen bis hin zu bürgerlichen Initiativen) stattfindet, inzwischen schon zum Teil der deutschen Identität geworden ist.

Nazi-Ideologie auf den Kopf gestellt

Im Rahmen der diesjährigen Jugendbegegnung haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland und dem Ausland an mehreren Beispielen auch erfahren, wie weit die heutige deutsche Gesellschaft von der dunklen Vergangenheit der Zwangssterilisierungen, NS-Krankenmorde und "Euthanasie"-Programme entfernt ist. Manchmal wirkt es sogar fast so, als wäre die Ideologie des Nationalsozialismus einfach auf den Kopf gestellt worden.

Verantwortung heute

In der ehemaligen "Tötungsanstalt" Pirna-Sonnenstein, in der tausende Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung auf Befehl der Nationalsozialisten ermordet worden sind, befindet sich heute eine Werkstatt, die es Menschen mit Beeinträchtung ermöglicht, am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Die Berliner Universitätsklinik Charité, deren Spitzenmitarbeiter sich teilweise an den NS-"Euthanasie"-Programmen beteiligt haben, versucht heutzutage, eine über die dunkle Seite der Wissenschaft aufgeklärte, verantwortliche Generation von Ärztinnen und Ärzten zu erziehen.

Als Ehrengäste wurden zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus des Deutschen Bundestages ein Schauspieler mit Down-Syndrom und ein Hornist ohne Arme eingeladen – zwei Männer, die vor mehr als 70 Jahren noch als "lebensunwert" betrachtet und wahrscheinlich vernichtet worden wären.

Schweinezucht auf ehemaligem Roma-KZ

Während der Jugendbegegnung, als wir unzählige Gedenkstätten, Denkmäler und Ausstellungen besuchten, musste ich oft an mein Heimatland Tschechien denken. Meine Bewunderung für die Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland wurde dabei von Betrübtheit begleitet. Der Vergleich der Vergangenheitsbewältigung in den beiden Ländern konnte in mir nämlich kein anderes Gefühl hervorrufen.

Ich bedauere, dass ein Drittel der tschechischen Bevölkerung die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch als eine gerechte Tat betrachtet. Es tut mir auch leid, dass die Orte der NS-Zwangsarbeit in der heutigen Tschechischen Republik völlig in Vergessenheit geraten sind. Und ich muss mich fast schämen, wenn ich bedenke, dass sich am Gelände des ehemaligen Roma-Konzentrationslagers Lety in Südböhmen eine Schweinezucht befindet.

Wenig Vergangenheitsbewältigung in Tschechien

Auch wenn sich der Umgang mit den dunklen Seiten der tschechischen Geschichte zunehmend verbessert, hat mich die Teilnahme an der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages in meiner Überzeugung bestärkt, dass die tschechische Gesellschaft im Bereich Vergangenheitsbewältigung noch viel nachzuholen hat. Ich hoffe, dass sich die tschechische Öffentlichkeit dabei zukünftig bei ihren westlichen Nachbarn inspirieren lassen wird.

Und ich würde mich freuen, wenn ich selbst dank meiner Erfahrungen, die ich bei der Jugendbegegnung sammeln konnte, dazu beitragen könnte, aus der tschechischen Gesellschaft eine Gemeinschaft zu bilden, die ihre Vergangenheit weder verdrängt noch beschönigt. Ich befürchte jedoch, dass es insbesondere in der heutigen stürmischen Zeit keine leichte Aufgabe werden wird.

Karolína Bukovská, Tschechien


762906_original_R_K_B_by_Dirk Kruse_pixelio

Hannah – © privat

Manche Fragen werden wohl nie beantwortet

Als die Einladung kam, habe ich mich riesig gefreut, denn Begegnung des Deutschen Bundestages heißt auch: Die Erwartungen sind groß. Nach dem Einlesen ins Thema ging es dann endlich los nach Berlin. Ich war aufgeregt und sehr gespannt auf die fünf Tage, die ich mit den anderen TeilnehmerInnen in Berlin und Pirna verbringen würde. Die waren, wie sich schnell herausstellte, sehr aufgeschlossen und offen, und es war eine super Erfahrung, Gleichaltrige zu treffen, die sich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus befassen wollen. Es tat richtig gut, Erfahrungen auszutauschen und auch über die Herausforderungen zu sprechen.

Viel über Deutschland gelernt

Wir Jugendlichen kamen aus ganz verschiedenen Ländern mit verschiedenen Muttersprachen, was die Verständigung aber nicht einschränkte, sondern wunderbar funktionierte. Die verschiedenen Hintergründe, egal ob Herkunftsland oder Persönliches, ermöglichten neue Sichtweisen und ich denke, wir alle konnten viel Neues über andere Länder und Systeme erfahren.

Mir ist aufgefallen, wie viel ich gerade durch den Austausch auch über Deutschland gelernt habe. Der Themenschwerpunkt der Jugendbegegnung war die "NS-Euthanasie" und auch wenn ich froh bin, mehr über das Thema erfahren zu haben, war es auch hart, mit den Geschehnissen der Geschichte konfrontiert zu werden. So erfuhren wir, wie stark das Gedankengut der "NS-Euthanasie" schon lange vor der NS-Zeit in den Köpfen der Menschen verankert war. Und es war auch nicht immer leicht zu begreifen, welche Mängel es bei der Aufarbeitung nach 1945 gab.

Manche Fragen werden wohl nie beantwortet

Zur Auseinandersetzung mit der Geschichte besuchten wir als Gruppe verschiedene Orte. Zwei Tage waren wir in Pirna in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, um dann zurück nach Berlin zu fahren, wo wir das "Aktion T4"-Denkmal und die Berliner Charité besuchten. Sich an diesen Orten mit den Opfern und den Tätern zu beschäftigen, war sehr interessant und gab Raum für Diskussionen.

An einem Abend sahen wir gemeinsam den Film "Nebel im August" und hatten dabei Gelegenheit, Fragen an die Macher des Films stellen zu dürfen. Am 27. Januar, dem Tag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, nahmen wir Jugendlichen an der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages teil und ich schätze es sehr, bei diesem Ereignis dabei gewesen zu sein.

Spannend und wichtig

Nach der Gedenkstunde durften wir Jugendlichen mit der Autorin Sigrid Falkenstein, dem Historiker Hartmut Traub, der Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmid (SPD) und dem Schauspieler Sebastian Urbanski eine Podiumsdiskussion führen. Das empfand ich als sehr spannend und wichtig, da im Laufe der fünf Tage viele Fragen zum Thema aufgekommen sind – wobei viele wohl nie beantwortet werden können. Am Ende der Jugendbegegnung angekommen, hieß es, von tollen Leuten Abschied nehmen und mit vielen Erfahrungen wieder nach Hause zu fahren.

Hannah Brauchle, Deutschland

Foto Guillaume Placide-Breitenbucher

Guillaume – © privat

Euthanasie-Morde auch in Frankreich

Vor November 2016 hatte ich niemals von der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages gehört. Allerdings hat mich die Idee, mich gemeinsam mit anderen Jugendlichen mit einem ziemlich unbekannten Punkt der Geschichte des Nationalsozialismus zu beschäftigen, sofort überzeugt.

Ich komme aus Frankreich, wo das Thema Euthanasie weder im Geschichtsunterricht noch in der Gesellschaft besprochen wird – oder jedenfalls kaum. Während der Woche der Jugendbegegnung habe ich erfahren, wie der Mord an Menschen mit Behinderungen durch die sogenannte "T4-Aktion" organisiert wurde. Mir fielen besonders die Schwierigkeiten bei der Strafverfolgung der Täter auf: Man liest zwar heute immer noch in der Presse über Prozesse gegen Täter des Nationalsozialismus, aber man vergisst oft, dass viele Ärzte oder Krankenschwestern, die an der Euthanasie beteiligt waren, nicht bestraft, sondern freigesprochen wurden.

Spannend, was Deutsche denken

Viele Emotionen hat es während dieser Woche gegeben, insbesondere als wir die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein besuchten und über die Geschichte der Kindereuthanasie und über die Zusammenarbeit der Charité mit der NS-Diktatur hörten. Ich hatte die Möglichkeit, mit anderen Jugendlichen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern zu diskutieren. Als Franzose war es besonders spannend zu sehen, wie junge Deutsche sich heute mit dieser Geschichte auseinandersetzen.

In Frankreich wird nicht darüber gesprochen

Nun freue ich mich darüber, dass ich mein eigenes Land mit seiner Geschichte konfrontieren kann. Denn in Frankreich hat es auch Euthanasie-Morde während der Okkupation gegeben, obschon sie nicht dasselbe Ausmaß wie in Deutschland hatten, aber es wird gar nicht darüber gesprochen. Diese Jugendbegegnung hat mich davon überzeugt, dass noch mehr für das Gedenken an jene Verbrechen in Deutschland sowie in Frankreich getan werden muss, obgleich es schon Fortschritte dabei gibt.

Guillaume Placide-Breitenbucher, Frankreich

torben2

Torben – © privat

Welche Lehren können wir ziehen?

Ein Gewirr von Sprachen herrschte in einem der Sitzungsräume des Paul-Löbe-Hauses – dem Ausgangspunkt der diesjährigen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus. Angereist aus aller Frauen- und Herrenländer, von nah und fern, strömten junge Menschen nach Berlin, um sich eine Woche auf die Spuren der Opfer, der Tatorte, der Täter und der Ideologie jener rassisch und völkisch motivierten Morde an kranken, schwachen und behinderten Menschen vor gut 75 Jahren zu begeben, die als "Euthanasie"-Morde Thema der diesjährigen Gedenkveranstaltung im Bundestag am 27. Januar waren.

Erschütternd

Fünf Tage, zwei Städte, viele Stationen – erster Stopp ist der Sonnenstein im sächsischen Pirna, einem der zentralen Durchführungsorte der Aktion "T4", Tatort des über 14.000-fachen Mordes. Eine intensive Zeit – lehrreich und erschütternd zugleich. Lehrreich, weil wir so vieles erfuhren, von dem wir bisher so wenig wussten oder nur eine vage Vorstellung hatten.

Erschütternd, weil die Begehung, das "Fühlen" dieses Tatortes eines der weniger bekannten nationalsozialistischen Verbrechen uns so deutlich machte, mit welcher Menschenverachtung und Perfidität ein System aus Ärzten, Pflegern und Schwestern planvoll Hilfsbedürftige und Schutzlose ermordete – zunächst zentral an ausgewählten Orten wie in der Gaskammer der Anstalt Pirna-Sonnenstein, ab August 1941 dezentral überall im "Dritten Reich". In Arbeitsgruppen diskutierten wir unsere Erlebnisse, fragten, arbeiteten mit den Quellen des "Euthanasie"-Programmes, tauschten uns aus. Welche Lehren können wir ziehen? Wie gehen wir heute mit Menschen mit Behinderungen um? Wie ist die Situation in den Ländern, aus denen wir Teilnehmer kommen?

In der Charité

Den Donnerstag verbrachten wir in Berlin, suchten den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der Euthanasiemorde in der Tiergartenstraße 4 auf, legten Blumen nieder. Die Vorträge und die Diskussion in der Charité am Nachmittag beleuchten die schwierige Frage nach Aufarbeitung, nach Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Auch Ärzte der Charité waren Teil der "Euthanasie"-Morde, auch hier wurden die ideologischen Grundlagen dieses Verbrechens diskutiert. Vor allem der Vortrag Thomas Beddies, eines Medizinhistorikers, über die Ergebnisse seiner Forschungen zu den nationalsozialistischen Medizinverbrechen beeindruckte wohl uns alle, schuf einige Anknüpfungspunkte zu den vorherigen Tagen und regte uns zum weiteren Nachdenken an.

Der 27. Januar

Freitagmorgen, geradezu idyllisch fällt das schwache Licht der aufgehenden Sonne auf den Reichstag, bricht es im Glas der Kuppel, die Flaggen auf Halbmast – es ist der 27. Januar, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, dieses Jahr mit der Leitthematik der "Euthanasie", diesem Thema, mit dem wir uns nun so intensiv auseinandergesetzt hatten.

Sebastian Urbanski liest in der Gedenkstunde einen Brief des 1945 ermordeten Ernst Putzki an seine Mutter, im Kopf habe ich die Bilder der Gaskammer von Pirna-Sonnenstein, die Fotographien und Kurzbiographien von Opfern, die in der Gedenkstätte aufgestellt sind. Benjamin Traub und Anna Lehnkering, die ihre Leben in den NS-Tötungsanstalten verloren, wird hier und jetzt durch das Gedenken an sie und die Aufarbeitung ihrer Schicksale ein Teil ihres Menschseins, ihrer Würde zurückgegeben – stellvertretend auch für alle die anderen ungenannten Opfer.

Eine gemeinsame Sprache

Die anschließende Podiumsdiskussion mit der Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD), Hartmut Traub, Benjamins Neffen, und Sigrid Falkenstein, Annas Nichte, verstärkt diesen Eindruck.

Und ja, diese Woche hat unsere Erwartungen erfüllt. Nachhaltiger wirkt, dass wir uns ausgetauscht haben, wir viel Neues und nicht immer leicht zu Ertragendes gelernt, andere Perspektiven eingenommen und eine gemeinsame Sprache gefunden haben.

Torben Fedderwitz, Deutschland

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: