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Medienworkshop
Hartnäckig nachfragen

10.03.2017 |

Recherchieren, denken, schreiben: 30 Teilnehmer des Bundestags-Jugendmedienworkshops haben sich eine Woche lang mit dem Thema "Glaubensfragen? Religion und Gesellschaft heute" beschäftigt. Philip (17) berichtet von verschachtelten Gängen und Sätzen.

Jugendliche schauen staunend etwas an.

Die Teilnehmer des Jugendmedienworkshops kommen auch an Orte, die für andere Bundestags-Besucher nicht zugänglich sind. – © Johannes Kolb

Goethes "Faust" mag ja heute etwas angestaubt erscheinen, eins muss man dem berühmten Dichter aber lassen: Als Quelle von Sprichwörtern und Redensarten ist er unerschöpflich. Aus dem Faust stammt die berühmte Gretchenfrage: "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?", fragt die gottesfürchtige Margarete (genannt Gretchen), ihren Faust – und der gerät mächtig ins Schwimmen. Anfang März stellte auch der Jugendmedienworkshop des Bundestages die Gretchenfrage: "Glaubensfragen? – Religion und Gesellschaft heute" hieß das Motto der Veranstaltung vom 5. bis zum 11. März.

Philip, 17

Unter den rund 30 Teilnehmern: Philip, 17, aus dem Münsterland. Er hat die Schülerzeitung seiner Schule mitgegründet und arbeitet bei einer Lokalredaktion in seiner Heimat. In seinem Bewerbungstext für den Workshop hat er sich mit komplizierten Fragen auseinandergesetzt. "Zum Beispiel mit der Frage, ob die Würde des Menschen in §1 des Grundgesetzes nicht doch einen christlichen Hintergrund hat oder ob das generationengerechte Steuersystem nicht auch vor diesem Hintergrund funktioniert", erläutert er.

Nerven und trösten

Glaubensfragen sind aktueller denn je. Auf der einen Seite hat das Thema Religion in unserer westlichen, europäischen Welt an Bedeutung verloren. Doch auf der anderen Seite ist mit der Radikalisierung vieler Menschen im Zeichen des Islam die Religion wieder zu einem Thema geworden, über das gesprochen werden muss. Religion kann verbinden oder trennen, reizen und provozieren, nerven oder trösten – aus all diesen Gründen wird sie in der Gesellschaft kontrovers diskutiert.

Fragen über Fragen

Die Teilnehmer im Alter von 16 bis 20 Jahren beschäftigten sich mit folgenden Fragen: Was verstehen wir unter einer "deutschen Kultur", von welchen Leitgedanken und Werten ist sie geprägt und welchen Stellenwert hat darin der christliche Glaube? Ist der Islam Teil unserer Gesellschaft? Sind wir Teil eines multireligiösen Kollektivs geworden? Spielt Religion eine Rolle im Zusammenleben der Menschen? Sind politische Prozesse wie die Debatten über die Gleichstellung Homosexueller, Abtreibung oder den Umgang mit Zuwanderung von religiösen Überzeugungen beeinflusst? Wie werden Religion und Extremismus zueinander verortet?

Recherche vor Ort

All diesen Fragen wollten die Teilnehmer des Workshops nicht nur nachgehen – sondern sie auch in journalistischer Form reflektieren und Geschichten über Glaubensfragen erzählen. Sieben Tage lang ging es deshalb für den journalistischen Nachwuchs um Recherche, journalistisches Handwerkszeug sowie die Auseinandersetzung mit dem Glauben, mit Religionen und mit deren Vertretern.

Mit im Programm: der Besuch des "House of One". In Berlin wird eine Art "Moscheenkirchensynagoge" entstehen, in der Muslime, Christen und Juden miteinander ins Gespräch kommen sollen. 2019 soll das "House of One" fertig sein. Marie hat mit einem der Initiatoren gesprochen. Außerdem gab es Gesprächt mit Wissenschaftlern und Vertretern der christlichen Kirchen.

Volles Hauptstadt-Programm

Einen Großteil der Zeit verbrachten die Teilnehmer direkt im Herzen des politischen Berlins, in den Gebäuden des Bundestages. Philip: "Die Räumlichkeiten im Bundestag sind total beeindruckend. Ich war schon einmal mit der Schule hier, aber jetzt waren wir ja auch in den Büros und den ganzen verschachtelten Gängen." Dort trafen die jungen Medienmacher Abgeordnete, erfahrene Journalisten wie Peter Wensierski vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" und Presse-Experten des Bundestages, darunter auch welche von mitmischen.de. "Ich fand es besonders toll, dass die Texte wirklich nur von Jugendlichen und aus ganz Deutschland kommen und dass wir als junge Menschen dort so einbezogen werden", sagt Philip über das Jugendportal des Bundestages.

Aneinander vorbei reden

Dass es gar nicht so leicht ist, auf Augenhöhe über Politik zu berichten, hat Philip in diesen Tagen ebenfalls festgestellt: "Der Austausch mit den Politikern war schon gut, aber manchmal reden wir ein bisschen aneinander vorbei. Das liegt bestimmt auch daran, dass sie öfter untereinander auf einem anderen Niveau reden – da muss man manchmal einfach nachfragen."

Eine eigene Zeitschrift

Die Nachwuchsjournalisten sollten aber nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren: Parallel zu den verschiedenen Terminen entstand eine Ausgabe der "politikorange", ein Medienprojekt der Jugendpresse Deutschland. Hier verarbeiteten die Teilnehmer das Erlebte in Form von Berichten, Interviews und Kommentaren. Eine echte Herausforderung, findet Philip: "Man musste sich erst mal an die Arbeitsweisen der anderen gewöhnen und sich aufeinander abstimmen. Aber es war total super die Leute näher kennen zu lernen, zu erfahren wo sie herkommen und was sie antreibt."

Promi-Veranstaltung

Philips persönliches Highlight? Der Besuch des Medienempfangs des Bundestagspräsidenten mit der Verleihung des Medienpreises Politik des Deutschen Bundestags am Mittwochabend. Philip: "Als wir angekommen sind, wirkte der Empfang ein bisschen wie eine Promi-Veranstaltung mit der Band und den vielen Gästen. Besonders toll fand ich die Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert – er bringt die Themen einfach immer genau auf den Punkt." Wie es dort war, könnt ihr euch übrigens im Video-Mitschnitt anschauen. Vielleicht entdeckt ihr dort ja den ein oder anderen möglichen Preisträger von morgen.

(ah/lau)

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