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Die Autorin

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Marie Illner (21)
studiert Medienwissenschaften und Anglistik

Projekt
"Mit Unterschieden umgehen"

10.03.2017 |

Juden, Christen und Muslime bauen in Berlin ein gemeinsames Haus des Gebets. Die Teilnehmer des Bundestags-Jugendmedienworkshops waren dort. mitmischen-Autorin Marie hat Imam Kadir Sanci interviewt.

Imam Kadir Sanci

Imam Kadir Sanci hofft, dass das "House of One" einmal Vorbildwirkung hat. – © PR

"House of One - Drei Religionen, ein Haus" lautet das Motto des Projekts, in dessen Rahmen eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee unter einem Dach entstehen. Welches Signal geht davon aus?

Es sendet das Signal, dass wir gemeinsam etwas schaffen und miteinander eine Verantwortung übernehmen können. Noch sind wir nicht unter einem Dach – noch arbeiten wir nicht so fest miteinander zusammen, wie wir uns das wünschen. Bevor wir uns zu einer Stiftung zusammengeschlossen haben, bestand der Dialog aus einem ständigen Kennenlernen. Das war ein Hin und Her – man war an unterschiedlichen Orten und hatte unterschiedliche Verantwortungen. Diesmal sind wir so weit gekommen, dass wir gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Was verbindet das Christentum, das Judentum und den Islam, so dass alle drei Religionen Ihrer Meinung nach gemeinsam unter einem Dach beten können?

Uns verbindet zum Beispiel der Monotheismus, also der Glaube an einen einzigen Gott. Trotz unterschiedlicher Gotteswahrnehmungen und Bezeichnungen glauben wir an denselben Gott. Man spricht auch von abrahamitischen Religionen; das sind die monotheistischen Religionen, die sich auf Abrahamm beziehungsweise Ibrahim beziehen. Uns verbinden aber auch die Unterschiede – das ist das Spannende in unserem Haus. Wir sind nicht nur auf Gemeinsamkeiten aus, die uns zwar die Möglichkeit bieten, uns näherzukommen und uns besser kennenzulernen, aber die Herausforderung und unser Wunsch ist, dass man auch mit Unterschieden umgehen kann und trotz dieser Unterschiede miteinander sein kann.

Glauben Sie, dass den Menschen in der Bevölkerung diese Gemeinsamkeiten eigentlich so bekannt sind? Falls nein, woran liegt es?

Wir – Juden, Christen und Muslime - haben gemeinsame Wurzeln und liegen in einer Traditionen. Aber oft bleibt es dabei: Zu wenige Menschen wissen, wie nah die Geschichten beieinander liegen und wie sie miteinander verbunden sind. Man kann den Islam ohne Christentum nicht denken und das Christentum nicht ohne das Judentum. Dennoch möchten viele nichts von dem "Anderen" wissen. Diese Haltung kann nur Distanzierung, Feindseligkeit und Hass ergeben. Wenn wir uns aber besser kennenlernen, können wir die Gemeinsamkeiten besser spüren.

Gemeinsamkeiten helfen uns wiederum Empathie zu entwickeln, interreligiöse Freundschaften zu schließen. Man kann nur wahre Feindseligkeit gegen jemanden spüren, den man auch nicht richtig kennt. Ich habe das Gefühl, dass die Gemeinsamkeiten insgesamt eher weniger wahrgenommen werden.

Das "House of One" soll ein Haus des Gebets und der interdisziplinären Lehre werden. Warum ist Interreligiösität wichtig?

Wir wollen religiös unvermischt miteinander sein und die Unterschiede respektieren und pflegen. Wir wollen, dass in dieser Gesellschaft die Unterschiede nicht als Probleme wahrgenommen werden, sondern als etwas ganz Natürliches und auch Vernünftiges. Pluralität und Andersdenken gehören zur Normalität.

Warum ist es gerade jetzt Zeit für ein gemeinsames Gebets- und Lehrhaus?

Wir haben vergessen, dass wir schon tolle Zeiten miteinander hatten. Ich habe für unser Projekt recherchiert und viele Beispiele aus der Geschichte, schon aus dem 7. und 8. Jahrhundert, gefunden, die zeigen, wie ein gutes Miteinander aussehen kann. Schon damals haben Christen und Muslime zusammen gebetet – jeder in seiner eigenen Tradition, aber unter einem Dach. Und in Andalusien haben Juden und Muslime miteinander gelernt.

Wir werden also nicht die Ersten sein, die dies tun. Auch heute gibt es Beispiele für ein gutes Miteinander: Es findet ein Dialog an verschiedenen Stellen statt. Muslime sammeln etwa Spenden für geschändete jüdische Grabsteine. Das müssen wir hörbar machen. Wir haben zu oft gesehen, dass man sich erst deswegen gestritten hat, weil man nie richtig und ehrlich miteinander sprechen wollte. Wir wollen den Menschen diese Hemmungen und Ängste nehmen und ihnen Mut machen, aufeinander zuzugehen.

Wie kamen Sie zu dem Projekt?

Während meines Studiums habe ich zwei Kirchen in Darmstadt besucht und bin mit dem Pfarrer ins Gespräch gekommen. Es waren zwei Kirchenhäuser, die ein gemeinsames Dach teilten. Als ich das sah, sagte ich: Toll, das brauchen wir auch mit Muslimen! Der Pfarrer meinte, Katholiken und Protestanten hätten mehrere Jahrhunderte gebraucht, bis sie überhaupt zueinander gefunden haben; da sollten wir ein bisschen Geduld haben.

Weil ich so lange nicht warten kann, wurde es zu einer Lebensaufgabe. Später, als ich in Istanbul ein Forschungsjahr einlegte, kamen Vertreter der Initiatoren des House of One in die Stadt. Der Vertreter der muslimischen Seite hat mich eingeladen und wir beschlossen, das Projekt gemeinsam zu starten.

Hat das "House of One" auch eine politische Dimension?

Es hat auf jeden Fall eine gesellschaftspolitische Dimension. Wir wachsen und werden immer wichtiger. Durch die weltweite mediale Berichterstattung und viele Spenden zeigt sich: Es ist zwar ein Berliner Projekt, aber auch ein Weltprojekt. Es macht allen Menschen Hoffnung für ein friedliches Miteinander. Wir sind aber bemüht, unser Projekt nicht zu politisieren, denn wir wollen, dass der Inhalt und die Arbeit wichtig bleiben.

Gibt es Gegner oder Zweifler? Was sind ihre Argumente?

Institutionelle Kritik haben wir nicht bekommen, es gab nur vereinzelt kritische Stimmen. Darunter Christen, die nicht verstehen konnten, wie man mit Muslimen zusammenarbeiten kann und Muslime, die nicht verstehen konnten, wie man mit Juden und Christen befreundet sein kann. Ich kann mit Freude sagen: Das "House of One" genießt Respekt und Zustimmung.

Der Baubeginn ist für 2019 geplant. Insgesamt werden 43, 5 Millionen Euro Spendengelder benötigt. Was sind die nächsten Schritte?

Der wichtigste Schritt ist, mit dem Bauen anzufangen. Wir können aber trotzdem jetzt schon arbeiten – es wäre unehrlich, wenn wir sagen, wir fangen erst mit der inhaltlichen Arbeit an, wenn das Gebäude fertig ist. Auf einer geistigen Ebene steht das "House of One" schon. Wir müssen unser Projekt an vielen Orten hörbar machen. Alleine sind wir ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn wir aber andere Menschen damit anstoßen, sodass sie sich anschließen oder ähnliche Projekte starten, dann werden sich alle Tropfen bündeln und etwas bewirken.

Über Kadir Sanci:

Kadir Sanci ( geboren1978) studierte islamische und jüdisch-christliche Religionswissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt. In den Jahren 2010 und 2011 widmete er sich einem Selbststudium in Istanbul über klassisch-islamische Wissenschaftsdisziplinen und über klassisch-arabische, osmanische und zeitgenössische islamisch-theologische Werke. Er ist Leiter des interreligiösen Dialogs im Berliner Forum Dialog sowie Präsidiumsmitglied und Imam der Stiftung "House of One - Bet- und Lehrhaus am Petriplatz". Das "House of One" wird aus Bundesmitteln, Landesmitteln und Eigenmitteln des Vereins Bet- und Lehrhaus Petriplatz finanziert. Sanci ist zudem akademischer Mitarbeiter am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam.

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