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Teilnehmerbeiträge
"Glauben, weil ich es kann"

Hanna

Hanna, 20 – © Dirksón! Photography

Sie haben geschrieben, gefilmt und fotografiert: Für den Jugendmedienworkshop des Bundestages 2017 mussten sich die Teilnehmer mit einem Beitrag zum Thema "Glaube und Religion" bewerben. Hier Hannas, Mareks und Sophias Beiträge.

Hanna: Gespräch mit einer Freundin

"Aber ich will nicht von Gott geliebt werden. Es ist eine Anmaßung, mich da einzuschließen. Ich glaube nicht an Gott und damit muss er auch nicht an mich glauben", sagt sie. Ich antworte, dass Gott alle Menschen gleichermaßen liebt und damit auch diejenigen, die nicht an seine Existenz glauben. Für mich ist das Ausdruck grenzenloser Toleranz und Gerechtigkeit. Denn wenn wir Gläubigen differenzierten und Ungläubige von Gottes Liebe ausschließen, teilten wir die Welt in Gut und Böse auf, in weiß und schwarz. Das ist der Grund, warum Menschen in einen angeblich heiligen Krieg ziehen, um alles Andersartige zu vernichten.

Wütend und verzweifelt

Beide sind wir wütend und verzweifelt. Sie sieht sich von scheinbar überflüssigen christlichen Traditionen übermannt, ich wünsche mir mehr Verständnis für meinen modernen Glauben. So reden wir aneinander vorbei, ohne zuzuhören und ohne die Andere verstehen zu wollen. Nichts ist schwieriger, als ein Gefühl zu erklären, das das Gegenüber noch nie gespürt hat.

Für das, was ich mit Religion verbinde und was genau sie mir bedeutet, finde ich keine passenden Worte. Es ist ein Gefühl der ewigen Verbundenheit – unvergleichlich und damit unbeschreiblich. Heute treten Menschen aus Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und eben auch aus der Kirche aus. Warum? Aus Angst vor sozialer oder politischer Verantwortung? Wohl eher aus Überzeugung; bestärkt von dem Willen, es auch allein zu schaffen.

Einzelkämpfer scheitern

Dieser Gedanke wird uns eines Tages zum Verhängnis werden. Denn wer keine Notwendigkeit mehr sieht, sich für seine Mitmenschen oder ein Ziel einzusetzen, oder wer einfach kein Bedürfnis mehr hat, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden, will uns alle als Einzelkämpfer und damit unsere zivilisierte Gesellschaft scheitern sehen.

Unser Zusammenleben wird heute wieder zum Machtkampf, unser Planet zum großen Schlachtfeld und zum Ort des Hasses und der Abschottung. Religion heißt für mich Glaube an Gott, aber auch Glaube an Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit. Damit bedeutet Religion nicht Konservativismus, sondern Progressivität. Dieser Gedanke ist lediglich konsequent.

Gott ist gerecht

Wenn Gott gerecht ist und alle Menschen vor ihm gleich sind, dann ist es auch Aufgabe der Kirche und der Menschen, sich für die gleichgeschlechtliche Ehe, das Asylrecht und die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau einzusetzen. Nie zuvor war es so einfach und gesellschaftlich so akzeptiert wie heute, den eigenen Glauben frei zu interpretieren, zu praktizieren und zu kritisieren – welch große Chance für eine moderne Religiosität.

Diese Flexibilität und Individualität des Glaubens, gepaart mit seiner politischen Progressivität könnte die Rettung der Kirche und damit auch die unseres zivilisierten Zusammenlebens sein. Dazu müssen wir uns zuhören, ohne einander belehren zu wollen. Ich gebe den Glauben an die menschliche und die göttliche Vernunft nicht auf. Im Grunde haben wir gar keine andere Wahl.

Marek (16)_klein

Marek, 16 – © privat

Marek, 16, hat mit Heinz Öhmann, dem CDU-Bürgermeister seiner Gemeinde Coesfeld über Gott und Welt gesprochen – und mit Elif (15).

Marek: Was wissen wir übereinander?

Auch im münsterländischen Coesfeld sieht man oft Flüchtlinge, Frauen mit Kopftuch oder Menschen mit Migrationshintergrund. Doch wie gut sind diese Menschen hier integriert, was wissen sie über den christlichen Glauben und wie sieht es mit den alteingesessenen Coesfeldern aus? Was wissen sie über den Islam und für wie integrationsfähig halten sie Coesfeld?

Elif Uygur ist 15 Jahre alt, wurde in Deutschland geboren und spricht fließend Deutsch. Ihre Eltern kommen aus der Türkei. Sie selbst hält sich für "ziemlich gut integriert". "Ich habe deutsche Freunde, spreche Deutsch und gehe auf ein deutsches Gymnasium. Der einzige Unterschied, den ich spüre, ist mein Aussehen. Ich habe dunklere Haare und einen leicht dunkleren Teint."

Elif: "Wir werden schief angeguckt"

Dass sie sehr gut integriert ist, merkt man auch an ihrem Wissen über das Christentum und seine Bräuche. So fallen ihr sofort Weihnachten und Ostern ein, zu denen sie auch die Bedeutung kennt. Doch Elif merkt, dass sich auch in Coesfeld etwas verändert: "Wenn wir vor zwei Jahren durch die Stadt liefen, dann hat das niemanden interessiert! Seit der Flüchtlingskrise werden meine Eltern und ich regelmäßig schief angeguckt."

Dass sich das Klima in Coesfeld verändert, sieht Bürgermeister Heinz Öhmann nicht so. Er hat sich schon viel mit dem Islam auseinandergesetzt und war oft in der muslimischen Gemeinde zu Gast. Für wie integrationsbereit hält er die Menschen, die schon hier sind oder hierher kommen? "Pauschal kann ich diese Frage nicht beantworten. Die meisten halte ich für sehr integrationsbereit, aber das ist immer von der jeweiligen Person abhängig. Ich glaube nicht, dass die Integrationsbereitschaft etwas mit dem Glauben zu tun hat."

Zum Islam fällt dem Bürgermeister zuerst ein, dass wir denselben Gott haben, unsere Religionen nur anders ausüben. Für ihn ist es wichtig, dass man sich mit dem anderen Glauben auseinandersetzt: "Wir müssen die Vorurteile überwinden und uns mit den Menschen und ihrer Religion befassen!" Öhmann ist überzeugt, dass trotz eines höher werdenden Migrantenanteils Coesfeld immer noch eine typisch münsterländische Gemeinde bleiben wird.

Hadi: "Wir sind alle gleich!"

In eben dieser Gemeinde lebt seit August 2015 auch Hadi Ibrahim. Er ist 19 Jahre alt und vor dem Krieg in Syrien geflohen. Nachdem er vergangenes Jahr einen Integrationskurs besucht hat, kennt er sich nun mit Bräuchen und Festen aus: "Weihnachten und Ostern sind im Christentum gängige Feste. Allerdings ist es mir nicht so wichtig, welche Religion jemand hat. Wir sind alle gleich!" Seit er in Deutschland ist, hat er viele positive Erfahrungen gemacht: "Die Menschen hier in Coesfeld sind freundlich und hilfsbereit. Ich möchte hier studieren und sehe meine Zukunft in Deutschland." Hadi glaubt, dass es für junge Menschen einfacher ist, sich zu integrieren. Dass sich die Gesellschaft wandelt, ist den Coesfeldern nicht erst seit der sogenannten Flüchtlingskrise bewusst. Die Stadt scheint dem offen entgegenzutreten.

Sophia (17)_kjlk

Sophia, 17 – © privat

Für Sophia, 17, ist Religion wie ein alter Stadtplan - etwas aus der Zeit gefallen, aber es ist beruhigend, ihn dabeizuhaben.

Sophia: Religion aus meinem Blickwinkel

Religion funktioniert in Deutschland wie ein Stadtplan: Der ist hilfreich, wenn ich nicht weiß, wo es lang geht. Nutzlos, wenn ich ihn nicht nachvollziehen kann. Er ist irrelevant, wenn ich meinen Weg bereits kenne und inspirierend, wenn ich kein Ziel vor Augen habe. Doch wie viele Menschen kennt ihr, die in Zeiten von modernen Navigationsgeräten und Handys noch mit einem Stadtplan durch die Gegend irren?

Religion als grober Wegweiser

Es sind Zeiten der Digitalisierung, der Globalisierung, der Moderne; das alte Fundament der Religionen dient letztendlich nur noch als grober Wegweiser, als längst überholter Begleiter des Menschen. Es scheint als wäre Religion, beziehungsweise der Glaube, heute vor allem eins: Auslegungssache. Vor 100 Jahren wurden Kinder so erzogen, wie schon ihre Eltern erzogen wurden, so der Regelfall. Das Leben, das man führte, es schien von Geburt an vorherbestimmt und durchgeplant. Ganz anders: Die moderne Gesellschaft. Nicht viele Menschen lassen sich heute noch über einen Kamm scheren oder grob pauschalisieren. Dem heutigen Individuum stehen in Deutschland – gemäß den gesetzlichen Vorschriften – alle Türen zur individuellen Ausbildung seiner selbst offen.

Ich muss nicht Christ sein

Doch was bedeutet dieser Freiraum für die Entwicklung eines Individuums? Für mich konkret bedeutet es, dass ich meinen individuellen Glauben erschaffen kann. Ich kann an Gott glauben, ohne automatisch Christ zu sein. Ich kann mich wie viele Leute nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal in der Kirche gewesen bin, trotzdem kann ich mich religiös fühlen. Ich kann beten, glauben und gleichzeitig von der Wissenschaft überzeugt sein. Ich habe die freie Wahl, welchem Wort ich aus der Bibel, der Tora, dem Koran, den Lehrbüchern der Wissenschaft oder sonst etwas auf der Welt glaube und dabei muss ich in kein Schema und in keinen Glauben hundertprozentig hineinpassen.

Es mag paradox klingen

Es mag für manche Menschen vielleicht in irgendeiner Weise paradox klingen, aber in meinen Augen ergibt es einen Sinn. Wieso ich daran glaube? Weil ich es kann – ganz einfach. Es ist wie ein selbstdesigntes Puzzle, ich kann glauben, was immer ich möchte, ohne jemandem eine Rechenschaft schuldig zu sein. Heute mag dies noch nicht für alle Menschen gelten, aber ich bin glücklich, ein Teil derer zu sein, die das Privileg der modernen Gesellschaft erfahren, nicht aufgrund ihres Glaubens verurteilt oder benachteiligt zu werden.

Der Leitgedanke

Unser Glaube ist der Leitgedanke, der hinter unseren Handlungen steht. Er bestimmt die Werte und Normen, nach denen wir leben und handeln. Dieses Konstrukt gibt den Menschen die Freiheit, ihre persönliche Moral zu erschaffen. Auch wenn die Religionen für viele heute nur noch ein grober Wegweiser sind, so bin ich persönlich doch beruhigt, in Zeiten der Digitalisierung, der Globalisierung, der Moderne, in einer möglichen Orientierungslosigkeit auf einen alten Stadtplan eines Ortes zurückgreifen zu können...

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