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Der Autor

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Matthias Mischo (27)
studiert Journalistik

"Wir sind Demokratie"

15.11.2013 |

Workshops statt Walküre, Querdenker statt Querflöten: So sieht es aus, wenn die Leipziger Oper und das benachbarte Gewandhaus vorübergehend zweckentfremdet werden. Am 14. und 15. November 2013 sind dort mehr als 300 Jugendliche aus aller Welt anlässlich der dritten internationalen Demokratiekonferenz zusammengekommen. Sie lauschen Einschätzungen von Politikern und Polit-Experten und debattieren über Chancen und Grenzen der Demokratie – mit der festen Absicht, aus ihren Wünschen auch etwas zu machen.

Ein junger Mann mit Bart und Brille steht hinter einem Mikrofon

Ein seltener Anblick: Wenige der jungen Leute trauten sich, kritische Fragen zu stellen. – © Demokratiekonferenz

Am Ende eines langen Konferenztages entwickelt sich in den prächtigen Räumlichkeiten der Hochkultur plötzlich doch noch ein kurzer Moment der Streitkultur. Die müde gewordenen Teilnehmer im Leipziger Konzertgebäude Gewandhaus, leicht ermattet in den bequemen Stühlen hängend, richten sich ein letztes Mal auf, lassen ihren Blick im sanften Licht der pompösen Kronenleuchter durch den Saal wandern und fokussieren dann einen älteren Herrn, der sich gerade erhebt und zu sprechen beginnt. Eigentlich, so leitet er ein, sei er zu alt, um auf dieser Konferenz zu reden. Das Plenum wartet geschlossen auf das vorprogrammierte "Aber", das sogleich folgt: "Die jungen Menschen hier sollen sich mal alle nicht so wichtig nehmen!"

Buh-Rufe für den Anzugträger

Ein Statement, das aus der Trägheit aufweckte, welche die Moderatorin Lydia Herms zuvor mit "rarer Bereitschaft zum Applaus" noch wohlwollend umschrieben hatte. Was nun folgte, waren Buh-Rufe empörter Jugendlicher und sachliche, aber deutliche Widerworte an die Adresse des betagten Anzugträgers, der durch seinen Kommentar zum Symbol für all jene wurde, die genau das machen: Die Jugend, ihre Ansichten und ihre Bedürfnisse nicht wichtig nehmen und ihrem politischen und gesellschaftlichen Engagement nur wenig Beachtung schenken. Das abschließende Tagesfazit in Reimform, dargeboten von der Bildungsrap-Crew Eduventis, sparte sich der Mann dann und verließ unter wummernden Bässen still und leise den Raum.

Kurz darauf ging schließlich auch für die etwa 13- bis 25-Jährigen ein ereignisreicher Tag zur Förderung eines positiven Demokratieverständnisses zu Ende. "Wir sind das Volk" – so lautet die viel zitierte Parole der Montagsdemonstranten von 1989; "Wir sind Demokratie" heißt das Motto für die Konferenzteilnehmer und schlägt damit einen Bogen vom historischen zu einem modernen Bürgerbewusstsein und macht die Jugendlichen indirekt zu politisch emanzipierten Nachfahren der protestierenden DDR-Bürger. Auf ein derartiges Selbstbewusstsein und Selbstverständnis abzielend, forderte Moderator Markus Heidmeier das Publikum daraufhin auch auf, "keine Scheu vor harten Fragen" zu haben.

Es fehlt an harten Fragen

Zunächst blieben diese Fragen auf der erstmalig 2009 und seitdem im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgetragenen Veranstaltung allerdings aus. Wobei, das stimmt nicht ganz: Auf der Twitterwall, #demokratie13, ließen sich die Gedanken mancher Teilnehmer in 140 Zeichen nachverfolgen. Es traute sich nur kaum jemand, aus der Masse aufzustehen und sich direkt verbal an die Podiumsgäste zu wenden – an Roland Jahn, den Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, an die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe und die weißrussische Bürgerrechtlerin Olga Karatsch etwa.

So blieb das sogenannte SpeedPodium, das als Diskurs ausgelegt war, ein Plausch mit dem Moderatoren-Duo, bei dem nur vereinzelt Jugendliche nachfragten. Kolbe artikulierte ihre Enttäuschung über die mangelnde Beteiligung offen: "Wer gehört werden will, muss auch etwas dafür tun" – nur so könne sie Ideen mit nach Berlin nehmen und dort weitergeben.

Plötzlich tauen die Teilnehmer auf

Die Gelegenheit zur Ausarbeitung bot sich in den Speedlabs. Nach einer kurzen Pause mitsamt Überquerung des Augustusplatzes, ging es in der gegenüberliegenden Leipziger Oper weiter. Dort erwartete die Teilnehmer eine Themenstraße mit Workshops zu acht Feldern wie Bildung und Empowerment, Bedrohungen der Demokratie oder Ökologie und Energie. In der neuen Umgebung, unter Moderation von Experten, tauten die Jugendlichen auch plötzlich auf, stellten kritische Fragen, bezogen im kleinen Kreis klare Positionen.

Lukas (13) aus Leipzig besuchte das Demokratie-Heimspiel, um sich mit anderen Schülern auszutauschen. Ihm sei besonders die Bildungspolitik ein Anliegen. Sein Fazit: "Die Gruppenübungen waren sehr gut vorbereitet, wir konnten dort konstruktiv diskutieren, auch wenn die 45 Minuten schnell vorbei waren." Michael (25) war extra aus Prag angereist, weil er die politische Bildung und Ausbildung in Deutschland für besser erachtet als in seiner Heimat, in die er neue Anregungen mit zurücknehmen konnte.

Sich selbst nicht zu wichtig nehmen

Somit zeichnete sich die Konferenz, bei der konkrete Projekte und ihre Finanzierung angestoßen wurden, vor allem durch die unterschiedlichen Teilnehmer aus - bezüglich ihrer Herkunft, ihres Alters, ihrer politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen und Prägungen. Sie alle verbindet die Bereitschaft zum Engagement: Es sind Jugendliche, die wissen, sie wollen etwas tun. Jugendliche, die sich selbst nicht zu wichtig nehmen, sondern Wichtiges zu sagen haben und die zentrale Anliegen ihrer Generation nach außen tragen.

Weitere Beiträge zu: Demokratie, Engagement.

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