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Der Autor

Noah Schöppl 68x68

Noah Schöppl (20)
studiert Politik, Psychologie, Recht und Wirtschaft

Nach dem Brexit
Wie geht es weiter?

08.07.2016 |

Ein Land in Schockstarre – so beschreibt Noah seinen Vor-Ort-Eindruck nach dem Referendum von 2016. Beim Europäischen Jugendparlament in Liverpool erfuhr er, was junge Briten über den Brexit denken und was sich auf der Insel schon jetzt geändert hat, zum Beispiel im Supermarkt.

Die Tage danach

Zwei junge Frauen haben die Europaflagge ins Gesicht gemalt.

Was wird ohne Europa aus uns? Junge Briten sind geschockt - oder gleichgültig. – © dpa/picture alliance

Ein Hinweisschild am Flughafen zeigt die Richtung für EU- und Nicht-EU-Mitglieder an.

Gibt es an britischen Flughäfen bald drei Kategorien: UK, EU und Nicht-EU? – © Noah Schöppl

Junger Mann lächelt in die Kamera.

Während einer Veranstaltung des Europäischen Jugendparlaments diksutiert Noah auch mit britischen Jugendlichen über den Brexit. – © Enrique Tasa Sanchis

Eine junge Frau lacht.

Als Ellen am Tag nach dem Referendum einkaufen ging, hörte sie im Supermarkt ein Gespräch zwischen einem älteren Pärchen und einer Kassiererin mit, das sie zum Weinen brachte. – © Jan De Peuter

Am Flughafen in Manchester wird bei der Einreise zwischen "UK oder EU"- und "Nicht-EU"-Pässen unterschieden. Wie lange das noch so sein wird, weiß niemand. Denn am 23. Juni 2016 haben die Briten per Referendum beschlossen, aus der Europäischen Union auszutreten. Als ich fünf Tage nach dem Brexit in Großbritannien ankomme, kann ich mit meinem deutschen Pass problemlos einreisen – noch.

Keine Zeit, keine Lust, keine Meinung

Ich bin auf dem Weg nach Liverpool, zur National Summer Session des European Youth Parliament (EYP), bei dem ich einen Ausschuss zur Regionalentwicklung der EU moderieren werde. EYP ist eine gemeinnützige Organisation für politische Bildung, die Schülern seit 1990 in inzwischen 40 Ländern eine Plattform bietet, um europapolitische Themen zu diskutieren. Dabei werden die Ausschussarbeit und Plenarsitzung des Europäischen Parlaments simuliert. Seit dem 23. Juni passt diese Veranstaltung eigentlich nicht mehr nach Großbritannien.

Während ich auf den Bus nach Manchester warte, sitzt neben mir Kyle, 25, mit dem ich ins Gespräch komme. Er ist als Jugendlicher aus Simbabwe nach England gezogen, hier zur Uni gegangen und inzwischen Maschinenbauingenieur. Als ich ihn nach seiner Meinung zu den Ereignissen vom 23. Juni frage, antwortet er leicht verwirrt: "Was ist am 23. Juni denn passiert?" Kyle ist einer der vielen jungen Menschen, die nicht gewählt haben, 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen blieben den Wahllokalen fern. Manche sagen, sie hätten keine Zeit, keine Lust oder einfach keine Meinung gehabt. Kyle meint nur: "Ich bin zwar britischer Staatsbürger, aber als Einwanderer geht mich das nichts an." Eigentlich ist er auch gegen den Brexit, aber gewählt hat er nicht, das macht er nie. Hätten junge Stimmen wie die von Kyle den Brexit verhindern können? Laut Statistik ist eine deutliche Mehrheit der 18- bis 24-jährigen Briten gegen den Brexit – eine Mehrheit derer, die es zur Wahlurne geschafft haben.

Ein Land in Schockstarre

Für die Jugendkonferenz in Liverpool wird ein Team aus ganz Europa eingeflogen, aber die meisten hier sind Briten: Die Jurastudentin Emilia, 19, berichtet, wie sie den 23. Juni miterlebt hat: "Als in der Entscheidungsnacht nach und nach die Ergebnisse der einzelnen Wahlbezirke reinkamen, war mein Bezirk der, in dem klar das "Out" gewonnen hatte. Niemand konnte glauben, dass das gerade passiert war." Die letzten Umfragen vor dem Referendum hatten eine knappe Mehrheit gegen den Brexit vorausgesagt. Großbritannien ist auch eine Woche nach dem Brexit noch in Schockstarre.

So auch Ellen, 19, die Politik und Wirtschaft in Exeter studiert. Als sie am Tag nach dem Referendum einkaufen ging, hörte sie im Supermarkt ein Gespräch zwischen einem älteren Pärchen und einer Kassiererin mit: "Die Kassiererin hatte einen osteuropäischen Akzent und der ältere Herr sagte plötzlich, dass sie ja eh bald ihre Sachen packen müsse. Ich hab ihn nur angestarrt und bin in Tränen ausgebrochen. Viele, die zuvor schon Vorurteile gegen Einwanderer und Minderheiten hatten, fühlen sich jetzt auch berechtigt, das offen zu zeigen." Laut der britischen Polizei kam es in der Woche nach dem Brexit zu 331 rassistischen Vorfällen – fünfmal mehr als in einer normalen Woche.

Gegen das Establishment, gegen Einwanderung

Der Brexit macht Ellen traurig: "Ich bin mit dem Selbstverständnis aufgewachsen in 27 anderen europäischen Ländern studieren, arbeiten und leben zu können. Dieses Recht wurde mir jetzt von den Alten und Desinformierten genommen." Ellen und Emilia gehören zu den wenigen Briten, die tatsächlich eine idealistisch-emotionale Beziehung zu Europa haben und die Gemeinschaft nicht nur aus Kosten-Nutzen-Sicht betrachten. Für diese meist jungen, städtischen, gebildeten Briten ist ein pro-europäischer Lebensstil ein Teil ihrer Identität. Aber offensichtlich teilt eine Mehrheit der Briten diese Vision nicht.

Auf der Konferenz treffe ich auch Nicholas Rees, Professor für internationale Politik und Zeitgeschichte an der Liverpool Hope University, der zu europäischer Integration international gelehrt und geforscht hat. Auch er kann sich den Brexit kaum erklären: "Die Europäische Union ist ein weltweit einzigartiges Projekt. Die Frage ist: Warum ist die EU so unbeliebt? Den meisten Leuten gefällt die Idee, in Europa zusammenzuarbeiten, aber die europäischen Strukturen werden als sehr entfernt wahrgenommen." Professor Rees meint, im Referendum und der öffentlichen Diskussion sei es gar nicht so sehr um die EU selbst gegangen, sondern hauptsächlich um britische Politik: "Es war vor allem eine Abstimmung gegen das politisch-wirtschaftliche Establishment und gegen Einwanderung."

Britannien den Briten – demnächst ohne Schotten?

Einige Brexit-Unterstützter betonen, dass es ihnen aber auch um Demokratie geht. Lilly, 17, ist beispielsweise überzeugt, dass der Brexit nötig ist, um die britische Souveränität wiederherzustellen: "Ich bin für 'Out', weil ich will, dass unsere britischen Abgeordneten in Westminster unsere Gesetze machen und nicht die ungewählte EU. Wir Briten wollen unsere eigenen Regeln machen."

Tatsächlich hat der Brexit die britische Politik ziemlich durcheinandergebracht. Der konservative Premierminister David Cameron hat seinen Rücktritt angekündigt und der sozialdemokratische Oppositionsführer Jeremy Corbyn hat ein Misstrauensvotum in seiner Fraktion verloren. Beide hatten für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU geworben. Schottland hat ein neues Unabhängigkeitsreferendum angekündigt, denn dort ist eine große Mehrheit gegen den Brexit. Wie lange das britische Königreich noch vereinigt bleibt, ist offen.

Ein Gefühl der Unsicherheit

Wo der Brexit diskutiert wird, bilden sich oft Menschentrauben – solange, bis die Leute frustriert auseinandergehen. Ein Gefühl der Unsicherheit hat sich breitgemacht. Das Referendum hat das Land gespalten und verwirrt. Das European Youth Parliament soll auch nächstes Jahr wieder stattfinden, aber das richtige Europäische Parlament wird wohl in Großbritannien eine immer kleinere Rolle spielen. Die EU ist nicht perfekt. Aber zumindest überlegen immer mehr Briten, ob es vielleicht besser gewesen wäre, gemeinsam auf Verbesserungen zu drängen, anstatt einfach den Tisch zu verlassen.

Weitere Beiträge zu: Brexit, Umfrage, Jugendparlament, EYP.

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