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Der Autor

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Leonard Rosen (20)
studiert Volkswirtschaftslehre

Währungswächter
Herrscher über die Gelddruckpressen

04.10.2016 |

Geld regiert die Welt. Doch wer regiert eigentlich über das Geld? Für den Euro erledigt das die Europäische Zentralbank. Dafür bekommt sie aber wenig Lob, sondern in letzter Zeit ziemlich viel Kritik. Ihr Präsident, Mario Draghi, war jetzt zu Gast im Bundestag.

Gebäude der EZB in Frankfurt

Der europäischste der Frankfurter Bankentürme: die EZB – © dpa

Stell dir vor, du würdest eine Zeitreise machen. Ins Jahr 1990 und gleichzeitig durch alle Länder, die heute den Euro als Währung haben. Da in jedem Land eine andere Währung gilt, tauschst du an jeder Grenze all dein Geld in die landesübliche Währung um, sicher ist sicher. Das Umtauschen der Währungen hätte dich damals so viele Gebühren gekostet, dass du am Ende nur noch die Hälfte deines Geldes übrig gehabt hättest. Dies war einer der Gründe, aus denen um die Jahrtausendwende der Euro eingeführt wurde, der bis heute die gemeinsame Währung von 19 europäischen Staaten ist.

Eine Währung, eine Zentralbank

Mit einer Währung sind auch immer sehr viele wichtige Entscheidungen verbunden, die unseren Alltag nachhaltig beeinflussen. Um diese Entscheidungen an einer zentralen Stelle zu bündeln, wurde die Europäische Zentralbank (EZB) geschaffen. Sie ist für die Geldpolitik der 19 Euroländer, auch Eurozone genannt, verantwortlich und hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Hier entscheidet das EZB-Direktorium. Chef ist der EZB-Präsident Mario Draghi, der am 28. September zu Gast im Bundestag war. Er bildet den Vorsitz zusammen mit den Präsidenten der nationalen Zentralbanken, wie zum Beispiel der Deutschen Bundesbank. Ihr Hauptziel ist es, für Stabilität des Preisniveaus zu sorgen, das heißt, dass die Preise über einen möglichst langen Zeitraum unverändert bleiben.

Der Wert des Geldes

Das Preisniveau beschreibt, wie viel Geld all die Waren und Dienstleistungen im Schnitt kosten, die wir uns so kaufen. Also beispielhaft: Wie viele Euro kostet ein Brot im Durchschnitt? Dieses Preisniveau kann sich allerdings verändern. Wenn in unserem Beispiel ein Brot auf einmal sechs Euro statt drei kostet, dann ist das erstmal nur eine Preiserhöhung für Brot. Steigen viele andere Preise aber auch, dann steigt das gesamte Preisniveau. Diese Veränderung des Preisniveaus nennt man Inflation. Umgekehrt könnten die Preise und mit ihm das Preisniveau auch sinken. Diesen Prozess nennt man Deflation. Die Inflationsrate sagt, um wieviel Prozent sich das Preisniveau in einem bestimmten Zeitraum verändert hat.

Die Deflation

Nehmen wir mal an, du hast 100 Euro gespart und möchtest dir davon möglichst viel Brot kaufen. Wenn Deflation herrscht, dann kannst du dir, je länger du wartest, immer mehr Brot mit dem Geld kaufen. Du geduldest dich also, um später mehr zu bekommen, denn der Preis sinkt mit der Zeit. Wenn sehr viele Leute mit dem Geldausgeben warten, müssen die Unternehmen die Preise weiter senken, um ihre Ware überhaupt loszuwerden. Damit sinkt das Preisniveau immer weiter, die Deflation verstärkt sich also noch mehr. Die Unternehmen machen keinen Gewinn mehr, beginnen deshalb Leute zu entlassen, die gesamte Wirtschaft gerät irgendwann in Schwierigkeiten.

Die Inflation

Wenn stattdessen Inflation herrscht, dann kannst du dir immer weniger Brot leisten, je länger du wartest. In diesem Beispiel wäre Sparen sehr riskant, denn mit der Zeit kannst du dir immer weniger für dein Geld leisten, weil die Preise ja steigen. Ein paar Ersparnisse – oder finanzielle Polster bei Unternehmen – sind aber auch wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung.

Warum aber nicht null Prozent Inflation? Ein wenig Inflation ist gut für die Wirtschaft, da es einen Anreiz setzt, schnell ein bisschen mehr Geld auszugeben, bevor das Geld durch Inflation an Wert verliert. Und wenn mehr gekauft wird, freut sich die Wirtschaft. Daher strebt die EZB eine niedrige Inflationsrate von circa zwei Prozent an, um das Preisniveau einerseits halbwegs stabil zu halten und gleichzeitig andererseits ein gesundes Wachstum zu unterstützen.

Wie funktioniert das mit dem Leitzins?

Normalerweise verlieh die EZB immer eine beschränkte Menge an Geld an die Geschäftsbanken, also jene Banken, die alle Bankgeschäfte für Unternehmen und Privatleute betreiben. Seit 2012 stellt die EZB unbegrenzt viel Geld zu einem bestimmten Zins bereit. Diesen sogenannten Leitzins geben die Banken zum Teil an ihre Bankkunden weiter (schlagen aber auf Kreditzinsen trotzdem was drauf, weil sie ja auch Gewinn machen wollen). Der Leitzins ist schon seit langem sehr niedrig, das heißt, dass Sparer und Unternehmen auch für Ihr Erspartes weniger Zinsen bekommen. Sie geben daher lieber mehr Geld aus und investieren mehr und kurbeln damit die Wirtschaft an und sorgen im besten Fall für die von der Zentralbank angestrebte moderate Inflationsrate – so der Plan der EZB.

Leider ist der nicht besonders gut aufgegangen. Seit März dieses Jahres ist der Leitzins nun bei null Prozent angekommen, ohne nennenswerte Auswirkungen auf Wirtschaft und Inflation. Seither versucht die Zentralbank fast alles, um die Inflationsrate trotzdem wieder anzuheben. Um das zu schaffen, greift die EZB zu drastischen Maßnahmen.

Stellschraube Staatsanleihe

Die EZB hat sich zum sogenannten Quantitativ Easing entschlossen. Sie kauft also Wertpapiere von Unternehmen und Staatsanleihen (Staaten machen Schulden bei der EZB um eigene Haushaltslücken zu schließen) und bezahlt mit frischen Euro. Damit kommt noch mehr Geld ins Wirtschaftssystem, was die Inflation stimulieren soll. Kritiker meinen aber, die EZB habe ihr Mandat überschritten und fördere durch das viele billige Geld und die niedrigen Zinsen riskante Geschäfte, die zu einer neuen Krise führen könnten.

Gewinner und Verlierer

Um die Kritik an der EZB zu verstehen, ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass jede geldpolitische Maßnahme reale Effekte auf das Leben der Menschen hat und es immer Gewinner und Verlierer gibt. Krisenstaaten wie Griechenland (das seit Jahren eine extrem niedrige Inflation hat) bräuchten eigentlich eine sehr viel höhere Inflationsrate, damit die Wirtschaft dort in Schwung kommt und der Kreislauf aus Geld ausgeben und Geld einnehmen angekurbelt wird. Das Land profitiert momentan aber davon, dass die EZB seine Staatsanleihen kauft, denn so bekommt der Staat erstmal Geld, das er dann für seine Bürger ausgibt. Nur das mit dem Geldeinnehmen von seinen Bürgern klappt momentan nicht ganz so gut, so dass es derzeit keinen Kreislauf gibt, sondern eine Einbahnstraße. Das Risiko, das die EZB damit eingeht, wird letztlich auf alle Staaten der Eurozone verteilt. Es könnte ja passieren, dass Griechenland irgendwann zahlungsunfähig wird und damit die Staatsanleihen wertlos werden.

Sparer verlieren, Börsianer gewinnen

Kritiker meinen, durch die Politik der EZB würden die Krisenländer gepäppelt, ohne dass sie zu Reformen gezwungen wären, die ihre marode Wirtschaft wieder auf die Beine bringt. Und ansonsten würden sich nur Großunternehmen und Börsenspekulanten freuen, da die Aktienkurse durch die Niedrigzinsen steigen. Warum das? Nun, durch die zinssenkende Politik verlieren kleine Sparer, da sie wegen der niedrigen Zinsen auf Erspartes weniger Geld bekommen. Folglich investieren sie lieber in Aktien. Das ist zwar unsicher, verspricht am Ende aber dennoch ein Plus – was das klassische Sparkonto nicht mehr tut.

Wir erinnern uns: Die EZB wird von den Chefs der Notenbanken gesteuert, es gibt kein Parlament, das hier ein Wörtchen mitzureden hätte. Kritiker meinen deshalb, die EZB würde ihre Kompetenzen überschreiten. Denn sie greift mittlerweile in erheblichem Maße ins europäische Finanzsystem ein, ohne dass das demokratisch legitimiert wäre.


Kommentare

 

Ralf Becker schrieb am 10.02.2017 09:53

Das Geldsystem ist fehlerhaft, weil Staatsschulden nicht getilgt und nur umgeschuldet werden. Die Gläubigerstruktur der Staatsschulden ist extrem ungleich verteilt und die Rückzahlung ist unmöglich . Die Geldpolitik erhöht die Geldmenge, weil Banken neues Geld an Reiche verleihen, die Anlageobjekte erwerben, die teurer werden. Außerdem verstößt die EZB gegen das Verbot monetärer Staatsfinanzierung gemäß Art. 123 AEUV. Damit sich etwas ändert, muss der Demokratiefehler beseitigt werden, weil gute Politik durchaus möglich ist. Politische Parteien dürfen zudem nicht mit der Wirtschaft zusammenarbeiten.

 

 

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