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Die Autorin

Ein braunhaariges Mädchen hält die Hände am Kopf und lächelt

Anne Juliane Wirth (25)
studiert Politikwissenschaft


"Europa hat viele Helden"

01.07.2014 |

So spannend wie vor der EU-Wahl geht es auch danach in Europa weiter, ist sich Rebecca Harms sicher. Die Vorsitzende der Europäischen Grünen Fraktion über anti-europäische EU-Parlaments-Kollegen, die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa und ihre persönliche Entspannungs-Strategie.

Rebecca Harms steht am Rednerpult im Europaparlament.

Die EU braucht gemeinsame soziale Ziele, ist sich Rebecca Harms, Vorsitzende der Grünen Fraktion im Europaparlament, sicher. – © Jürgen Olczyk

Jean-Claude Juncker soll Kommissionspräsident werden, nach langem Hin und Her. Wie ist Ihre Sichtweise auf das Ringen um die Besetzung der EU-Spitze?

Ich gehöre zu den Parlamentariern, die sagen: Der Spitzenkandidat, der die stärkste Fraktion im Europäischen Parlament repräsentiert, soll von den Staats- und Regierungschefs beauftragt werden, sich eine Mehrheit im Parlament zu suchen. Juncker ist der einzige Kandidat, der sowohl im Rat als auch im Parlament eine Mehrheit haben kann. Wir Grüne werden unsere Zustimmung von inhaltlichen Prioritäten abhängig machen. Deshalb haben wir Jean-Claude Juncker zu einer Anhörung in unsere Fraktion eingeladen.

Sie sind erneut als Abgeordnete im EU-Parlament dabei. Was fühlt sich jetzt warum anders an?

Wir müssen mit einer ganz neuen Herausforderung umgehen: Wir haben viel mehr anti-europäische – zum Teil auch rechtsextreme – Abgeordnete im Parlament. Unsere Aufgabe ist es nun, mit diesen neuen Kräften entsprechend umzugehen.

Wie lässt sich der Erfolg der Rechten stoppen?

Die Gründe, warum Menschen rechts oder anti-europäisch wählen, sind verschieden. Es ist noch immer ein Kern alten Denkens vorhanden, dass einzelne Nationen die Interessen ihrer Bürger stärker und besser wahrnehmen können, als es die EU vermag. Gegen diese alte Idee muss eine pro-europäische, erklärende Politik gesetzt werden. Alle Parteien, die eine Union und die gemeinsame Wahrnehmung von Interessen befürworten, sollten dem entschlossen und geschlossen entgegentreten. Das bedeutet aber nicht, dass die EU nicht verändert werden muss. Sie braucht zum Beispiel ganz klar gemeinsame soziale Ziele.

Welche Rolle werden Splitterparteien bei Ihrer täglichen Arbeit spielen?

Alle Abgeordneten, die als Einzelpersonen für ihre Parteien ins Parlament gekommen sind, mussten sich jetzt Fraktionen suchen, um im Parlament überhaupt eine Rolle zu spielen. Das war ziemlich spannend – auch für uns Grüne. Wir haben zum Beispiel eine deutsche Piratin und einen ökologisch orientierten Abgeordneten aus Litauen für unsere Fraktion gewinnen können. Ob diese Zersplitterung ein Gewinn für die Demokratie ist, das wird sich erst zeigen. Ich wäre froh, wenn das Urteil des Verfassungsgerichts dazu führen würde, dass wir endlich ein einheitliches europäisches Wahlrecht entwickeln.

Welche Themen wird das EU-Parlament denn aktuell angehen und wo wird die EU vor allem für junge Menschen wie mich interessant?

Wir brauchen eine gemeinsame europäische Initiative zur nachhaltigen Erholung der Wirtschaft und gegen die Arbeitslosigkeit, insbesondere gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Wenn die Arbeitslosenzahlen nicht sinken – vor allem im Osten und im Süden der Europäischen Union – dann wird die Union immer weiter auseinander driften. Damit hängt ganz eng die Forderung nach einer Energie-Union zusammen. Die könnte der Motor sein für eine nachhaltige Ankurbelung der Wirtschaft. Und wir müssen die europäische Außenpolitik weiter entwickeln – dazu gehört auch, dass wir dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ein Ende bereiten.

Sie waren von 1994 bis 2004 im niedersächsischen Landtag, seit knapp fünf Jahren sind Sie nun Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament. Welche Dinge sind auf hoher Ebene besser zu bewegen?

Meine Leidenschaft ist die Energiepolitik, insbesondere der Klimaschutz. Dieser globalen Herausforderung kann man auf nationaler Ebene gar nicht gerecht werden. Erst wenn man sich geschlossen auf europäischer Ebene ehrgeizige Energie- und Klimaziele setzt, kann man auch international etwas bewegen.

Die ZEIT verglich Sie kürzlich in einem Artikel, indem sie schrieb: "Wie eine junge Jeanne d'Arc", also wie die französische Nationalheldin. Schmeichelt Ihnen das?

Ein schönes Kompliment, aber auch ein bisschen übertrieben. Jeanne d'Arc hatte noch viel schwerere Kämpfe auszutragen – man denke nur an ihre Rolle im Hundertjährigen Krieg. Und ich bin auch viel friedlicher als die französische Heldin. Leider sind Kriege auf unserem Kontinent mit der Auseinandersetzung in der Ukraine wieder möglich geworden. Aber ich möchte, dass sich die Europäische Union zu einer soft power entwickelt – also andere Instrumente als die militärischen nutzt und mit Diplomatie für Frieden und Stabilität sorgt.

Braucht die Europa-Politik vielleicht mehr "Helden", um beispielsweise Bürger zur Wahlurne zu bewegen?

Wir haben Helden. Beispielsweise die Menschen, die in den osteuropäischen Staaten vor 25 Jahren für den Fall des Eisernen Vorhangs gekämpft haben – das sind Helden. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Bewusstsein erhalten bleibt und dass die Leute nicht vergessen, wie viele Helden auf verschiedenen Ebenen in verschiedenen Ländern die EU hat und wie viele Helden die EU einst gebraucht hat, damit wir nach dem Ende des Kalten Krieges in so großer Sicherheit und Stabilität leben und wirtschaften konnten.

Zwischen Brüssel, Straßburg und dem eigenen Wahlkreis – oder wie kann ich mir die Arbeit einer Europa-Abgeordneten eigentlich so vorstellen?

Ich gehöre zu den Europa-Parlamentariern, für die Pendeln zum Alltag gehört. Ich reise sehr, sehr viel und bin selten zu Hause. Dass man so wenig in der Heimat ist, das ist sicher auch eine der größten Anstrengungen für Europa-Politiker. Denn zu Hause ist so ziemlich der einzige Ort, wo man wirklich herunterkommen kann. Aber man gewöhnt sich daran.

Fühlen Sie sich denn mittlerweile in Brüssel heimisch?

Ich habe eine wunderbare Wohnung, in der ich gerne Kraft tanke. Sie liegt in einem alten Haus, das in der Brüsseler Stadt etwas höher liegt. Von da aus kann ich ganz weit über die Dächer blicken. Und ich liebe die Brüsseler Flohmärkte. Rethink, reuse, recycle – ich bin eine Anhängerin dieser Idee.

Sie haben eine Ausbildung als Baumschul- und Landschaftsgärtnerin absolviert. Man könnte jetzt vermuten, Sie verbringen den Feierabend am liebsten im Grünen, oder wie entspannen Sie?

Als ich nach der Europawahl das erste freie Wochenende hatte, habe ich all meine Buchsbaumhecken geschnitten. Das hat stundenlang gedauert, weil der Wahlkampf sehr viel Zeit gefressen hat und ich lange keine Zeit dafür gehabt hatte. Danach hatte ich einen furchtbaren Muskelkater. Aber ich liebe die Gärtnerei!

Über Rebecca Harms:

Rebecca Harms, geboren 1956, führt die Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament. Sie gehört zu den Atomkraftgegnern der ersten Stunde. Wenn Harms nicht in Europa unterwegs ist, wohnt sie mit ihrem Mann im wendländischen Dorf Dickfeitzen.

Weitere Beiträge zu: EU, Parlament, Wahl, Abgeordnete, Ukraine, Rechts.

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