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Leonard Kehnscherper (21)
studiert Publizistik

Theo Waigel
"Kritiker haben nicht Recht behalten"

14.01.2014 |

Er gilt als "Vater des Euro" und hatte sogar die Idee für den Namen: Dr. Theo Waigel, Finanzminister zu der Zeit, als die EU noch über die Gemeinschaftswährung stritt. Der 74-Jährige CSU-Politiker über die Brüsseler Verhandlungsnächte, eurokritische Parteien und Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Dr. Theo Waigel

Jung- und Erstwähler bei der Europawahl bittet Dr. Theo Waigel nachzulesen, wo wir heute stehen. Für Reisen im Euro-Raum lohne es sich, zu kämpfen. – © Presse

Herr Dr. Waigel, Europa steckt in der Krise. Trotzdem wollen noch viele Staaten in den Euro-Raum. Warum ist das so?

Den Euro hält man eben weltweit für ein langfristiges Projekt, bei dem viele mitwirken wollen. So haben auch die baltischen Staaten Estland und Lettland ungeheure Anstrengungen unternommen, damit sie die europäische Währung bekommen konnten.

Vor fünf Jahren bekam Lettland noch umfangreiche Hilfspakete, die Preise in Lettland sind erst seit 2012 wieder stabil. Hat die Eurozone hier nicht einen neuen potenziellen Patienten?

Lettland erfüllt klare Kriterien hinsichtlich des Verhältnisses der einheimischen Währung zum Euro, der Staatsausgaben zu den Steuereinnahmen und der Gesamtverschuldung. Lettland sagt: "Unsere Heimat ist Europa!" und will nicht wieder abhängig sein. Deshalb ist die dortige Bevölkerung in stärkerem Maße zu Opfern bereit, als in manchen mitteleuropäischen Ländern.

Die Leser von mitmischen.de haben zum größten Teil gar nicht mehr mit D-Mark bezahlt und die Währungsumstellung kaum mitbekommen. Erinnern Sie sich noch an das erste Mal, als Sie einen Euro in der Hand gehalten haben?

Natürlich. Mit meinem Amtsantritt habe ich die Entstehungsgeschichte dieser Währung seit 1989 begleitet. Als die ersten Euromünzen geprägt waren, habe ich mir ein sogenanntes "Starter-Kit" geholt und hatte meine ersten Euros. Daran kann ich mich genau so erinnern, wie an meine erste D-Mark im Jahr 1948. Damals war ich immerhin schon neun Jahre alt.

Ob ich damit aber nun ein Bier oder ein Gericht im Restaurant bezahlt hab, das weiß ich nicht mehr.

Welche Bedeutung hatte die Einführung des Euro für Deutschland?

Sie war enorm wichtig. Von den 70er bis in die 90er Jahre gab es ständig Auf- und Abwertungen von Währungen verschiedener Staaten. Länder, die abwerten mussten, haben dies stets als nationale Katastrophe empfunden. Deshalb haben wir gesagt: "Lasst uns unsere Wirtschaft so stark machen, dass wir diese Schwankungen nicht mehr befürchten müssen."

Haben Sie manchmal an dem Gelingen der Währungsunion gezweifelt?

Ja. Wir wussten Anfang der 90er Jahre nicht, ob alle Länder die Kriterien erfüllen würden. Im Evaluierungsjahr 1997, als es um die Feststellung der Maastricht-Kriterien in ganz Europa ging, sah es nicht gut aus. Unter diesen Voraussetzungen hätten wir den Euro nicht einführen können. Als dann die Kriterien erfüllt waren, konnten die Beschlüsse für den Beginn der Währungsunion gefasst werden.

In welchen Punkten haben die Kritiker Recht behalten?

Die Kritiker haben nicht Recht behalten. Die Finanzkrise wurde nicht durch den Euro ausgelöst, sondern durch geplatzte Bankengeschäfte der Amerikaner. Einzelne Länder haben außerdem über ihre Verhältnisse gelebt. Sie haben mit ihren Krediten keine Schulden bezahlt, sondern das Geld in den Konsum investiert.

Viele nennen Sie den "Vater des Euro", was auf ihren Namensvorschlag für die Währung von 1995 zurückgeht. Was halten Sie von diesem verdienstvollen Titel?

Ich glaube, es gibt keinen besseren Namen für diese Währung. Die Mark war, außer vielleicht für die Dänen, nicht durchsetzbar. Der Franke war für die Spanier keine Option, die ihre neue Währung nicht nach dem Diktator "Franco" benennen wollten. Und der einst angedachte "Ecu" war in Deutschland nicht vermittelbar. Allerdings gab es für die Währung viele Mütter und Väter. Viel wichtiger als der Name waren nämlich die Vertragsverhandlungen und die Kriterien.

Derzeit gibt es viele Euro-kritische Parteien. Muss ich mir da als pro-europäischer Bürger Sorgen machen?

Diese Parteien gab es ja schon immer. Schon seit den 50er Jahren, als die europäische Verteidigungsunion gescheitert ist. Auch heute sucht man Schuldige für Dinge, die mit der EU nichts zu tun haben. Ich denke aber, dass das Vertrauen der europäischen Bürger groß genug ist, um sich bei der Wahl richtig zu entscheiden. Es ist durchaus möglich, gegen Europa und kein Demokratiefeind zu sein. Aber bislang sind eben alle antieuropäischen Parteien gescheitert.

Was geben Sie Jung- und Erstwählern für die Europawahl im Mai mit auf den Weg?

Ich bitte Sie alle mal, in aktuellen Artikeln nachzulesen, warum Europa im Weltkrieg vor 100 Jahren in Flammen gesetzt wurde – und wo wir heute stehen. Von Kehl kommt man heute genauso leicht nach Straßburg, wie von Neu-Ulm nach Ulm. Für so etwas lohnt es sich, zu kämpfen und sollte nicht als selbstverständlich hingenommen werden.

Über Dr. Theo Waigel:

Dr. Theodor "Theo" Waigel war von 1989 bis 1998 Finanzminister unter Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl. Der heutige CSU-Ehrenvorsitzende hatte es also kurz nach seinem Amtsantritt mit den wirtschaftlichen Herausforderungen der Wiedervereinigung zu tun. 1995 schlug der promovierte Jurist den Namen "Euro" für eine gesamteuropäische Währung vor. Auch deshalb wird der 74-Jährige oft als "Vater des Euro" bezeichnet.

Weitere Beiträge zu: Euro, Währung, EU, Finanzminister.

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