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Die Autorin

Lisa Pausch

Lisa Pausch (20)
studiert Staatswissenschaften

Jubiläum
Europa, wohin mit dir?

24.03.2017 |

Vor 60 Jahren wurde der Grundstein für das Europa gelegt, wie wir es heute kennen. Eigentlich ist die Gemeinschaft eine Erfolgsgeschichte, dennoch scheint sie heute auf der Kippe. Lisa weiß, wie alles begann, wo es knirscht und was jetzt ansteht.


Ist die Krise der EU ein kurzer Schauer, der schnell vergeht, oder ein Unwetter mit weitreichenden Folgen? – © Jonas Geue

Über eine Million Erasmus-Babies wurden seit 1987 geboren – Kinder, deren Eltern sich durch das Förderprogramm der Europäischen Union für Auslandsaufenthalte an Universitäten irgendwo in Europa kennengelernt hatten. So viel Liebe zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen hätten unsere Urgroßeltern wohl nicht für möglich gehalten. Und so viele Freundschaften zwischen Staaten, wie wir sie kennen, sicherlich auch kaum. Vor 60 Jahren wurde mit den Römischen Verträgen der Grundstein dafür gelegt. Eine einzigartige Friedens- und Wertegemeinschaft entstand.

Alte Liebe

Doch nun erlebt die Europäische Union (EU) die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte. Sie scheint für viele Kritiker wie eine alte Liebe zu sein: Man hat sich auseinandergelebt, kann aber auch nicht so ganz ohne den anderen. Schließlich bietet die EU viele Freiheiten für Unternehmen und Einwohner. Letztere dürfen in den Mitgliedsstaaten zum Beispiel gleichberechtigt wohnen, arbeiten, studieren und reisen.

In diesen Tagen kommen die Staats- und Regierungschefs in Rom zu einem Sondergipfel zusammen, um 60 Jahre Römische Verträge zu würdigen. Doch so richtig Stimmung will nicht aufkommen. Nachdem die Briten sich in einer Volksbefragung am 23. Juni 2016 für einen EU-Austritt ausgesprochen haben, wird die Gemeinschaft zum ersten Mal kleiner.

Kritik von allen Seiten

Europa ist zudem mit enormen Herausforderungen konfrontiert: Migranten, die in Europa Schutz oder ein besseres Leben suchen, die Euro-Schuldenkrise, Terror und ein US-Präsident, der die EU attackiert. Parteien, die sich teils offen gegen die EU oder den Euro stellen, haben in vielen Ländern starken Zulauf. Das gilt beispielsweise für die Front National in Frankreich.

Kritik kommt von allen Seiten. Für einige sind die EU-Institutionen zu undemokratisch und unfähig, wirksame Entscheidungen zu treffen. Für andere hat Brüssel längst viel zu viel Macht. Einige fordern angesichts der Schuldenkrise den Austritt aus dem Euro.

Kanzlerin: "Zum Glück vereint"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte ihre Erwartungen an das Treffen in Italiens Hauptstadt kürzlich im Bundestag skizziert. Die EU-Staaten sollten sich trotz der Rückschläge und Enttäuschungen zu den gemeinsamen Werten und Interessen bekennen. Sie sagte: "Wir Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint".

Für Kritiker der EU dürfte solch eine starke Behauptung ein Provokation sein. Allerdings sprach die Kanzlerin auch von einem "Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten", von dem momentan oft zu hören ist. Verkürzt gesagt bedeutet das: Länder, die gut miteinander können und Dinge gemeinsam umsetzen wollen, tun das, die anderen gucken eben erst mal zu. Die Abgeordenten diskutieren im Plenum auch über weitere Reformen und neue Strukturen.

Die Idee von Europa

Die europäische Idee ist keine Sache des 20. Jahrhunderts. Schon 300 Jahre zuvor träumten Vordenker von einem geeinten Europa. Die Realität sah allerdings ganz anders aus. Mit dem Erstarken der Nationalstaaten in Europa grenzten die sich auch immer mehr voneinander ab und traten in Konkurrenz zueinander. Einige wollten ein möglichst großes und saftiges Stück vom europäischen Kuchen. Die Folgen sind bekannt: Nach mehreren kleinen bewaffneten Konflikten brachten zwei Weltkriege Europa an den Rand des Untergangs.

Der Traum vom Frieden

Nach dem zweiten entstand deshalb eine breite Volksbewegung, die von einem vereinten Europa träumte. Der französische Außenminister Robert Schumann brachte Belgien, die Niederlande und Luxemburg, sowie Deutschland, Frankreich und Italien 1951 an einen Tisch. Die sechs Gründungsmitglieder beschlossen, die für den Krieg so wichtige Kohle- und Stahlindustrie unter eine gemeinsame Aufsicht zu stellen und so den Frieden zu sichern. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, bekannt auch als Montanunion, war der Vorläufer der Römischen Verträgen, die am 25. März 1957 in Rom von den Staaten der Montanunion unterzeichnet wurden. Sie legten den Grundstein für eine Zusammenarbeit als Wirtschafts- und Atomgemeinschaft (EWG und EAG). Beide Europäische Gemeinschaften zusammen wurden dann meist als EG bezeichnet. Zölle zwischen den Ländern fielen, ein gemeinsamer Markt entstand.

Politische Union

Schritt für Schritt arbeiteten die Mitglieder der EG auch im politischen Bereich zusammen, weitere europäische Staaten traten der Gemeinschaft in den 1970er und 80er Jahren bei. Die erste Krise überstand die Gemeinschaft in den 1980er Jahren, als die Mitgliedsstaaten mit wirtschaftlichen Problemen konfrontiert waren.

Auch um die Rolle Großbritanniens hat es immer wieder Streit gegeben. Eine Süderweiterung der EU beäugten die alten Mitglieder kritisch und die Bereitschaft, füreinander einzustehen, sank. Dennoch setzte die Gemeinschaft Verbesserungen in den Folgejahren um. Seit dem Maastrichter Vertrag 1992 heißt die Gemeinschaft Europäische Union und führte 2002 den Euro als gemeinsame Währung ein. Nach der Osterweiterung mit Kroatien als jüngstem Mitglied (Beitritt 2013) besteht die EU heute aus 28 Staaten mit mehr als 500 Millionen Einwohnern.

Die Eurokrise

Krisen gab es immer wieder. Besonders gravierend aber war die Eurokrise. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone wurde in dramatischen Verhandlungen zur Rettung Griechenlands vor der Staatspleite im Jahr 2015 gerade noch verhindert. Über den Berg ist das hoch verschuldete Land immer noch nicht. Die Finanzmärkte beäugen auch andere Länder der Union äußerst kritisch.

Wie weiter, Europa?

Wie es mit Europa weitergeht, ist gerade schwer zu sagen. Verschiedene Szenarien sind denkbar. Sollte es zu ökonomischen und politischen Unsicherheiten kommen, könnte dazu führen, dass internationale Firmen ihre Gelder abziehen. Sollte die EU auseinanderbrechen, blieben zwar internationale Abkommen bestehen, doch wenn sich Staaten nicht mehr gegenseitig zur Seite stehen, drohen neue Schwierigkeiten.

Fünf Visionen

So schlimm muss es nicht zwingend kommen. Der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker präsentierte in Vorbereitung auf das EU-Gipfeltreffen in Rom am 25. März 2017 ein Weißbuch. Es enthält fünf Visionen zu einer EU im Jahr 2025 und soll den nach dem Brexit verbleibenden 27 Staats- und Regierungschefs als Grundlage zur Diskussion dienen. Es geht dabei um verschiedene grundsätzliche Fragen: Wer soll wie zusammenarbeiten? Soll es mehr oder weniger gemeinsame Entscheidungen geben? Juncker hofft auf eine ehrliche und umfassende Debatte, denn: "Die Zukunft Europas liegt in unserer Hand."

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