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Die Autorin

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Lou Antoinette Godvliet (18)
Psychologiestudentin aus Wuppertal

Beraterin
"Wünsche aufschreiben"

17.03.2017 |

Sabine Prell berät Jugendliche und junge Erwachsene, die auf den falschen Handyvertrag gesetzt haben oder dem Onlineshopping verfallen sind. Lou hat sie nach Tipps und Apps gefragt, mit denen ihr Schuldenfallen meiden könnt.


Sabine Prell ist der Meinung, dass Jugendlichen in finanziellen Fragen heute mehr denn je abverlangt wird. – © privat

Die Zahl der jugendlichen Schuldner steigt – wie besorgniserregend ist das?

Man muss zwischen den Schulden von Minderjährigen und Volljährigen unterscheiden. Bei denen, die älter als 18 Jahre sind, ist der Trend tatsächlich ansteigend. Besorgniserregend finde ich ein sehr emotionales Wort. Für die Gesellschaft ist es ein Anlass darüber nachzudenken, was wir anders machen müssen, um jungen Menschen einen Übergang ins Erwachsenenleben zu ermöglichen. Ohne, dass sie belastet sind von Verschuldung. Genau aus diesem Grund ist Präventionsarbeit sehr wichtig.

Was unterscheidet denn die Verschuldung von Minderjährigen und jungen Erwachsenen?

Bei den Minderjährigen muss man das Ganze anders einschätzen, da sie noch nicht voll geschäftsfähig sind und somit eigentlich vom Gesetzgeber geschützt sind. Eine größere Überschuldung ist daher selten. Wenn Schulden entstehen, so durch eine nicht eingelöste Kartenzahlung, durch Schummeln beim Alter oder durch Fälschung der Unterschrift der Eltern. Bei den Volljährigen steht an erster Stelle der Verschuldung die erste eigene Wohnung und ein Auto. Der manchmal eher holprige Berufsstart und ein nicht wohlhabendes Elternhaus können zusätzliche Faktoren sein. Die jungen Menschen unterschätzen ihre Kosten einfach und verlieren den Überblick. Was viele Jugendliche zusätzlich machen, sind kleine Schulden bei Familienmitgliedern und Freunden.

Gibt es Bevölkerungsgruppen, die besonders betroffen sind?

Treffen kann es grundsätzlich jeden. Jugendliche, deren Familien eher in Armut leben, tragen ein größeres Risiko in die Verschuldung zu rutschen als Jugendliche aus einem wohlhabenden Elternhaus. Wir erleben häufig, dass ein kleiner Fehler große Auswirkungen haben kann und die Jugendlichen sich plötzlich in einer Schuldenspirale wiederfinden. Wenn beispielsweise die Handyrechnung aus Versehen sehr hoch ausgefallen ist, können nicht alle Eltern diese Kosten von ein paar Hundert Euro einfach so übernehmen.

In welche Fallen tappen die Jugendlichen?

Die Werbung lockt mit günstigen Angeboten wie "Handy ab 1 Euro", ohne die Risiken dabei zu nennen. Die Jugendlichen gehen darauf ein, weil sie dazu gehören wollen und die totalen Kosten nicht überschlagen. Bei sogenannten "Probeabos" ist meistens der erste Monat kostenfrei. Danach muss gekündigt werden. Viele junge Erwachsene vergessen aber oftmals zu kündigen oder kündigen falsch oder zu spät, wodurch dann schnell mal ein Vertrag über 12 oder 24 Monate abgeschlossen ist.

Die zweite große Schuldenfalle sind die Rücksendungen bei Onlineshops. Hier sind die jungen Menschen manchmal einfach zu bequem, verlieren den Rücksendeschein oder den Karton und manche überschreiten die Frist. Die zentrale Frage hinter diesen Schuldenfallen ist: Wie organisiere ich mein Leben, sodass es kompatibel mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft und der digitalen Welt ist? So etwas gab es vor 20 Jahren noch nicht. Früher ging man in ein Geschäft und bekam eine Face-to-Face Beratung. Man hat viel länger darüber nachgedacht und kalkuliert, ob man etwas wirklich braucht. Im Internet funktioniert alles mit ein paar Klicks innerhalb von Minuten, wodurch dieser Reflexionsvorgang wegfällt – man denkt weniger nach. Die jungen Menschen brauchen daher mehr Kompetenzen, sie versagen nicht – es wird schlichtweg mehr von ihnen verlangt.

Wie geht ihr Projekt "Moneytalk" dagegen vor?

"Moneytalk" hat eine breite Zielgruppe. Für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten werden Veranstaltungen angeboten. Daneben gehören noch die Eltern und Pädagogen zu unserer Zielgruppe, weil wir der Meinung sind, dass die Verschuldung sich eben sehr verändert und verstärkt hat in den letzten Jahren und mit ihr auch die Gesellschaft. Deswegen braucht man neben den Veranstaltungen auch Unterstützung für Eltern und ein Angebot für Pädagogen, sodass sie Informationen über Finanzen bekommen und Hilfestellung bieten können. Themen sind dabei beispielsweise Konsumerziehung und Taschengeld.

Sollte der Umgang mit Finanzen im Schulunterricht stärker angesprochen werden?

In Bayern gibt es das Fach "Wirtschaft und Recht", das aber zum Beispiel nur zweistündig in der Woche und in einer Jahrgangsstufe auf dem Gymnasium überhaupt angeboten wird. Das ist definitiv zu wenig. Die Verbände, in denen die Schuldnerberatungen organisiert sind, fordern seit langem, dass die Finanzbildung in den Lehrplänen stärker integriert werden sollte. Dazu gehört aber auch beispielsweise das Thema Konsum und Ich-Stärke im Sinne einer Werteerziehung, was im Religions- und Ethikunterricht eingebaut werden könnte. Im Mathematikunterricht hingegen müssen die Jugendlichen Kopfrechnen und Überschlagen trainieren.

Welche Tipps haben Sie für die Jugendlichen?

Den Jugendlichen empfehle ich, ihre Wünsche aufzuschreiben und nach einer Woche noch einmal drauf zu schauen. Erst wenn dieser Wunsch nach vier Wochen immer noch besteht, dann sollten sie ihn sich auch erfüllen. Sie sollten außerdem anfangen aufzuschreiben, wofür sie ihr Geld ausgeben. Hilfreich dabei sind Apps (von diversen Anbietern), die einen Überblick über alle Einnahmen und Ausgaben bieten. Ein ganz simpler und effektiver Tipp für alle ist, sich bei Einkäufen immer nur die gesamten Eurobeträge und keine Cent-Beträge zu merken. Damit umgeht man die Tricks der Werbung: 99,99 Euro sind 100 Euro und genau das sollte man sich klar machen. Prepaid-Kreditkarten sind auch eine super Möglichkeit die Vorteile einer Kreditkarte risikofrei zu nutzen.

Über Sabine Prell:

Die 49-Jährige wohnt mit ihrem Mann in Hof Saale (Bayern) und hat Sozialpädagogik an der Fachhochschule in Coburg studiert. Daraufhin arbeitete sie viele Jahre in einer interdisziplinären Frühförderstelle mit Kindern und Eltern. Zusätzlich hat Sabine Prell eine Beratungsausbildung absolviert und arbeitet halbtags nun seit 2002 bei der Schuldnerberatung in der Diakonie Hochfranken. Sie selbst hat im Jugendalter keine eigenen Erfahrung mit Verschuldung gemacht. "Ganz ehrlich, vor 30 Jahren gab es dieses Problem einfach noch nicht", erklärt sie. Ihr war es besonders wichtig, dass ihr mittlerweile schon erwachsener Sohn immer Bargeld als Taschengeld bekommen hat und erst ein Girokonto eröffnet, wenn er mal einen Ferienjob oder eine Ausbildung macht. "Geld ist ein Tabuthema in vielen Familien und ich finde darüber müssen wir sprechen", fasst Sabine Prell zusammen.

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