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Die Autorin

Ein braunhaariges Mädchen hält die Hände am Kopf und lächelt

Anne Juliane Wirth (23)
studiert Politikwissenschaft

Hintergrund
Ich wische, also bin ich

04.06.2015 |

Wir gelten als "Digital Natives", weil wir ständig klicken oder wischen und Wikis, Blogs und Social Media nutzen. Web-Ureinwohnerin Anne Juliane über Instagram-Kuchen, Digital Tourists und den Entzug vom Sein.

Drei Freunde sitzen mit ihren Smartphones zusammen.

Kommunikation, Unterhaltung, Informationen und Onlinespiele: Jugendliche „investieren“ dafür durchschnittlich 192 Minuten pro Tag im Internet. – © picture-alliance/Bildagentur-online/Tetra-Images

"Deine Gemütsverfassung ist abhängig von der Akkuanzeige", seufzte Papa vor einigen Tagen. Seine Beobachtung brachte mich aus der Fassung. Und zwar derart, dass ich vergaß, die Geburtstagstorte nebst Cappuccinoschaumtraum zu instagrammen. Recht hat er, Schuld aber auch: Mein erstes Handy, gefühlt eine Weinflaschenlänge groß, schenkte er mir zum Antrittsbesuch auf dem Gymnasium.

Mit Schnuller und Laptop

Das Smartphone stets griffbereit, bestens vernetzt und in 140 Zeichen denkend: Das sind Kennzeichen der Digital Natives, zu denen die nach 1990 Geborenen gezählt werden. Geprägt wurde der Begriff vom amerikanischen Professor Marc Prensky. Native heißt übersetzt so viel wie Eingeborener. Die Kombination beschreibt also eine Altersgruppe, die mit moderner Technik aufgewachsen ist.

Unser Alltag ohne Universaltechnologien? Unvorstellbar. Intuitiv scrollen, klicken und surfen wir – ohne vorher je eine Gebrauchsanweisung studiert zu haben. Mit anderen Worten: Die Bedienung von Laptops, Smartphones und Tablets wurde uns Digital Natives in die Wiege gelegt.

Ist das ein großes Glück für uns oder hat das Leben als Web-Ureinwohner auch Schattenseiten? Sind wir gar Digital Na(t)ives, die sich im Netz unreflektiert Schrott andrehen lassen (womöglich auch noch gegen Geld), die ihre persönlichen Daten leichtfertig dem Kommerz preisgeben und nicht blicken, welche (gesellschafts-)politischen problematischen Folgen aus unserem unbedarften Web-Umgang erwachsen können? Das jedenfalls ist Thema des Jugendmedienworkshops (JMWS) des Deutschen Bundestages, der vom 7. bis 13. Juni in Berlin stattfindet.

Nicht ohne mein Web

Doch zuerst zu den Fakten: Die "Jugend, Information, Multimedia"-Studie (JIM) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest von 2014 bestätigt, dass hierzulande jeder Familienhaushalt über einen Internetzugang und mindestens einen Laptop, Computer oder sogar über beide Geräte verfügt. Jugendliche sind an einem durchschnittlichen Wochentag bis zu 192 Minuten online – so ihre eigene Einschätzung der Studie zufolge. Davon verbringen sie den Großteil der Zeit mit Kommunikation, Unterhaltung, Information und dem "Daddeln" von Onlinespielen.

Jüngere Geschwister stehen ihnen in nichts nach: Geschickt wischen bereits Kleinkinder durch Handy-Fotos, Grundschülerinnen und Grundschüler erledigen Hausaufgaben via Chats in Whatsapp-Gruppen. Ein Fünftel der Sechs- bis Sieben-Jährigen nutzt bereits ein Handy oder Smartphone. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie des Hightech-Verbands Bitkom 2014. Mit steigendem Alter gehört das kleine Wunderteil zum Alltag. Bei den Jugendlichen besitzen laut JIM-Studie 96 Prozent ein eigenes Mobiltelefon – und sind dadurch nonstop erreichbar.

Kategorie Langsamtipper

"Mist, ich hab das Internet gelöscht!?" – also übersetzt "Mist, ich hab die Verknüpfung zur Browser-App gelöscht!?"– solche Sätze enttarnen die sogenannten Digital Immigrants, oft auch als Digital Tourists bezeichnet. So nennt Autor Prensky die Menschen, die erst im Erwachsenenalter mit digitalen Technologien in Berührung gekommen sind. Sie wurden vor dem Siegeszug des Computers geboren und erlebten, wie sich in kurzer Zeit eine neue digitale Sprache verbreitet hat. Folglich mussten sie sich diese erst aneignen. Aber eigentlich ziehen die digitalen Einwanderer traditionelle Medien vor. Mein Vater ist ein solcher Digital Immigrant – auch wenn er inzwischen gekonnt durchs Netz surft.

Die digitalen Einwanderer neigen dazu, ihre E-Mails und Dokumente eher auszudrucken, um sie mit Notizen zu versehen, anstatt sie online zu bearbeiten. Wer ältere Menschen beobachtet, wird außerdem feststellen: Digital Immigrants senden oder posten eher selten Links. Lieber versammeln sie sich um den Monitor, um gemeinsam eine Webseite zu betrachten. Weit verbreitet ist auch der "Und, hast du meine Email schon bekommen?"-Ruf.

Netzgemeinde versus Internetausdrucker

Was uns Digital Natives von den Immigrants unterscheidet: Wir verarbeiteten Informationen anders. Ganz selbstverständlich nutzen wir die Möglichkeiten des Netzes, um Meinungen kund zu tun. Durch Blogs und soziale Netzwerke verwischen die Grenzen zwischen der realen und der virtuellen Lebenswelt. Bei uns gilt: Passiert ist nur das, was auch geteilt wurde.

Ein zweiter Verhaltensunterschied zeigt sich bei der Beschaffung von Wissen. Hat man früher in Bibliotheken recherchiert, Broschüren, Zeitungen und Bücher durchblättert, so besorgen wir heute Informationen vorwiegend über Wikipedia, Blogs und Suchmaschinen wie Google.

Einfach nur reden

Der Umgang mit neuen Technologien ist ein Lernprozess. Ähnlich wie beim Vokabelpauken gilt also auch hier: Personen, die frühzeitig mehrsprachig erzogen werden, haben selten Probleme sich Fremdsprachen anzueignen. Digital Natives erlernen den Umgang mit modernen Technologien spielerisch. Konträr funktioniert das bei den Digital Immigrants: Sie lernen "step-by-step". Nur wer Fleiß, Ehrgeiz und Ausdauer aufwendet, kann Lernerfolge verbuchen.

Ob analog oder digital: Im Grunde wollen wir Digital Natives doch dasselbe wie unsere Eltern. Nämlich kommunizieren, uns mitteilen, etwas erfahren, recherchieren und Aufmerksamkeit bekommen. Wir üben also eine altbewährte Kulturform aus – nur nutzen wir hierfür den virtuellen Raum. Hand aufs Herz: Was technisch passiert, wenn ich die Power-Taste meines Laptops drücke, ist mir genauso unklar wie meinen Erzeugern.

Viel los im "Mitmachnetz"

Politik, Gesellschaft und Bildung im Turbomodus: Die Digitalisierung beeinflusst viele Prozesse. Wer sich im Internet zu Hause fühlt, zeigt an Politik ein höheres Interesse. So lautet die Grunderkenntnis einer repräsentativen Umfrage des Heidelberger SINUS Instituts (2013). Demnach gab jeder dritte Digital Native an, regelmäßig und genau das politische Geschehen zu verfolgen.

Zudem steigt die Nachfrage nach wahlvorbereitenden Onlinetools wie dem Wahlomat. Gleiches gilt für die Beteiligungsplattform Adhocracy oder das Online-Petitionstool des Bundestages. Facebook, Twitter und Co. sind in der Lage, einen virtuellen Raum zu schaffen, in dem politische Kommunikation tendenziell jederzeit und überall ohne größere Schranken möglich ist. Abgeordnete, Ministerien und seit Anfang des Jahres auch die Bundesregierung machen sich das zunutze und setzen ganz gezielt auf die sozialen Kanäle. Nahezu jedes Mitglied des Deutschen Bundestags hat mindestens ein Social-Media-Profil. Klar, wir Digital Natives wissen auch: Wer mit seinem Abgeordneten bei Twitter per Du ist, kann längst noch keine Gesetze beschließen.

Entzug vom Sein

Das World Wide Web bietet tolle Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten. Auf der anderen Seite frisst es Zeit und führt schnell zur Reizüberflutung. Mehr und mehr Menschen fühlen sich von der vernetzten Welt überfordert und brauchen eine Pause. Digital Detox nennt sich ein Trend, der weltweit immer mehr Teilnehmer erreicht. Nicht nur im Silicon Valley, dem Nest für Digital-Nerds bei San Francisco, wachsen Angebot und Nachfrage nach Digital Detox-Feriencamps. Die Idee dahinter: weniger Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen. Ausschalten, was Strom braucht. Ruhe und Entschleunigung statt der ständigen Erreichbarkeit.

Dass das Smartphone bei der nächsten Kuchenrunde in der Handtasche bleibt, das musste ich meinem Vater dann noch versprechen. Recht hat er: So eine Geburtstagstorte schmeckt sowieso nur in der realen Welt.

Kommentare

 

Anne schrieb am 08.06.2015 13:25

@Steph: Danke für deinen Kommentar. Deine Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Mein Facebook-Ausstieg war ein erster und guter Schritt gen "Entschleunigung". Das Fazit nach sechs Monaten: Es geht eben auch ohne – und zwar easy! In letzter Zeit störe ich mich zunehmend an den vielen Menschen, die ständig auf ihr Smartphone schauen. Neulich in der U-Bahn. "Real life"-Konversation oder Blickkontakt gleich null, weil jeder nur mit seinem Smartphone beschäftigt war. #traurig

 

 

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