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Der Autor

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Felix Schröder (21)
studiert Geschichte und Anglistik

Fernsehen 2.0
Doppelt hält besser?

09.06.2015 |

TV und Smartphone nutzen: Was nach Stress klingt, könnte vielleicht als Second Screen das veraltete Konzept des Fernsehers retten. Mitmischen-Autor Felix über User-Austausch, unentdeckte Möglichkeiten und den Sinn eines zweiten Bildschirms.

Zu Hause Fernsehen und Surfen

Second Screening verändert den Fernsehabend grundlegend. Oder ist es doch nur ein Übergangsphänomen, dass die Bildröhre sanft aus den Wohnzimmern verabschiedet? – © picture alliance / dpa

"Der Gärtner ist der Mörder!" Schnell noch den Hashtag Tatort dahinter schieben, mit dem Finger auf den Twitter-Button klicken und der Tweet bahnt sich seinen Weg in das weltumschlingende Netz. Dieser Vorgang passiert jeden Sonntagabend Tausende Male, wenn die Ermittlerteams im Tatort auf Verbrecherjagd gehen. Der Tatort gilt nicht mehr als biederer TV-Krimi für den deutschen Mittelstand, sondern erlebte unter anderem durch die sogenannte "Second Screen"-Nutzung eine Wiederbelebung.

Mittendrin statt nur dabei

Second Screen – das ist die Bezeichnung für die parallele Nutzung von einem Fernseher und einem zweiten Bildschirm, wie einem Laptop, Smartphone oder Tablet. Beim Tatort-Twittern wird beispielsweise fleißig kommentiert, diskutiert und reichlich gescherzt. Langweilige Tatorte führen eher dazu, dass die Aufmerksamkeit auf die Tweets gerichtet wird.

Bei der Aktivität mit zwei Bildschirmen unterscheidet man zwischen zwei Nutzungsmöglichkeiten: Wird er fernsehbezogen genutzt oder beschäftigt sich der Konsument während des Internetsurfens mit anderen Dingen. Während der eine zur laufenden Sendung kommentiert und diskutiert, liest der andere lieber E-Mails oder widmet sich Onlineshopping. Beim programmbezogenen Nutzen werden hauptsächlich die Recherche von Zusatzinformationen und der Austausch in Sozialen Netzwerken wahrgenommen.

Smartphones und Laptops

Dabei ist der Laptop laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 "Second Screen: Parallelnutzung von Fernsehen und Internet" das meistgenutzte Gerät. Der freiberufliche Journalist, Berater und Trainer in den Themengebieten E-Commerce und Online-Marketing, Frank Puscher, hat dafür eine verständliche Erklärung: "Das liegt an der verbreiteten Menge von Laptops." Es ist eine Generationenfrage. Bei den 14- bis 29-Jährigen sieht das nämlich anders aus: Hier thront das Smartphone erwartungsgemäß mit 65 Prozent auf dem ersten Platz.

618 Tweets pro Minute

Vor allem TV-Events wie die Fußball-Weltmeisterschaft sind beim parallelen Zuschauen beliebt. Das Finalspiel zwischen Deutschland und Argentinien schaffte es 2014 mit 618,725 Tweets pro Minute zum meist kommentierten Sportevent in den Sozialen Medien.

Vor kurzem startete im ZDF das Format "Heute+". Ziel ist die Mischung aus Nachrichten, dem Internet und zeitgemäßer Moderation. Ab 23 Uhr moderieren Eva-Maria Lemke und ihr Kollege Daniel Bröckerhoff live. Das heißt: sie moderieren nicht live im klassischen Fernsehkanal, sondern in der Online-Mediathek. Zudem sind Beiträge schon vor der Sendung online abrufbar. Die Aufzeichnung läuft später auf dem gewohnten Kanal des ZDFs.

Damals....

Erste Versuche, Internet und Fernsehen in Deutschland zu verbinden, gab es bereits Ende der Neunzigerjahre. NBC GIGA ging 1998 auf Sendung und vereinigte Internet und TV. Die Live-Ausstrahlung ermöglichte später die Interaktion mit dem über Webcam verbundenen Zuschauer, was mit der damaligen Technik oft für Schwierigkeiten sorgte. Umbenennungen und Umstrukturierungen sorgten später dafür, dass die ursprüngliche Idee nebensächlich wurde. GIGA – wie es schlussendlich hieß – stellte 2009 das Programm ein.

... und heute

Viel hat sich seither getan, da Sender schon länger ihre Chancen durch das Einbinden von Social-Media-Inhalten in ihr Programm wittern. 2012 versuchte das ZDF mit einer selbst produzierten App, Zusatzinformationen während "Wetten, dass..?" bereitzustellen. Der Versuch floppte allerdings. Dennoch war es eines der ersten größeren Second-Screen Konzepte in Deutschland. Viele Fernsehsender sind in Sozialen Netzwerken nicht nur präsent, sondern reagieren auch auf Fragen und Belange der Zuschauer. Den Sendern gelang es in den vergangenen Jahren, solide Online-Präsenzen aufzubauen. ZDF, ARD, RTL, Sat 1 und ProSieben erreichen zusammen über 3,8 Millionen Facebook-Fans und etwa 2,7 Millionen Follower bei Twitter (Stand: 02.06.2015).

Revolution im Kino

Spezielle Apps sollen das Fernseherlebnis gepaart mit dem zweiten Bildschirm interaktiver und dadurch attraktiver machen. Allerdings ist das Angebot dieser Apps auf dem deutschen Markt noch sehr rar. Die sogenannten "Couchfunk-Apps" sind nicht besonders erfolgreich.

Der freie Journalist Puscher schiebt das auf die Sozialen Netzwerke, da dort bereits eine gewohnte Gemeinschaft zum Austausch bestünde. Jedoch gibt es nicht nur die Kombination von Fernseher und mobilem Gerät. Internationale Filmemacher sind entschlossen, den zweiten Bildschirm mit dem Kinoerlebnis zu verbinden.

2013 gab es den ersten Kinofilm, bei dem man mit einer App am Filmgeschehen teilhaben konnte. Im niederländischen Film "App" wurde es möglich gemacht, dass Zuschauer filminterne Nachrichten lesen oder Animationen auf ihrem Gerät betrachten konnten.

Kann Second Screen den Fernseher retten?

"Es sieht aus als wäre Second-Screen ein Übergangsphänomen, aufgrund der Tatsache, dass junge Leute dem Fernseher weniger Aufmerksamkeit widmen, weil sie ihren Content auf dem mobilen Gerät ansehen", erklärt Puscher.

Und wer sagt, wie lange es den gewohnten Fernseher noch gibt? Vielleicht sitzen Familien bald nicht mehr vor einem Apparat, sondern jeder hat sein eigenes Gerät, worauf unterschiedliche Inhalte abgespielt werden und an der Wand hängt nur noch eine Folie, auf die bei Bedarf übertragen werden kann. TV-Vermarkter müssen sich auf die veränderte Nutzung einstellen.

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