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Die Autorin

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Laura Heyer (25)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

Sprachtrends
"Azzlack versteht nicht jeder"

13.01.2017 |

Sprache verändert sich. Ob das gut oder schlecht ist, sei subjektiv, urteilt der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Peter Schlobinski. Er weiß, welches Wort es aus dem Klassenzimmer in den Duden geschafft hat.

Ein älterer Mann mit grauem Haar, Glatze und Brille steht hinter Leinen, an denen Zettel mit Abkürzungen hängen.

Verfall oder Erweiterung unserer Schriftsprache? Mit Abkürzungen und Smileys kennt sich Prof. Dr. Schlobinski aus. – © privat

Cüs, Herr Prof. Schlobinski – was geht denn heute so mit der Jugendsprache?

LOL – nein, im Ernst: Es gibt so viele Jugendsprachen oder Slangs, wie es jugendliche Gruppen und Szenen gibt. Wie junge Leute konkret sprechen, hängt von vielem ab: vom Alter und der Entwicklung, von sozialen und kulturellen Faktoren. Wir sprechen also eher von "Sprechweisen von Jugendlichen".

Haben Sie ein Beispiel?

Ja. Azzlack ist ein in der Hip-Hop-Szene etabliertes Schimpfwort. Es hat Bezug auf den Namen einer kurdisch-arabischen Einwandererfamilie und wird möglicherweise gebildet aus asozialer Kanacke und assoziierend ass = 'Arsch', 'Arschlecker'. Als dessen Wortschöpfer gilt der Rapper Haftbefehl (bürgerlich: Aykut Anhan), der sich selbst als 'asozialer Kanacke' bezeichnet. Dieses Wort ist dann quasi kultur- und gruppenspezifisch, das versteht nicht jeder.

Wie wichtig ist es für Jugendliche, ihre "eigene" Sprache zu haben?

In der Jugendphase entwickelt sich die eigene Identität. Das zeigt sich an der Kleidung, an Hobbys, am Musikgeschmack – und eben auch an der Sprache. Hierbei ist wichtig, welche Menschen im gleichen Alter, die sogenannte Peergroup, einen umgeben. Jugendliche wollen sich selbst finden, sich abgrenzen gegenüber den eigenen Eltern, der Umwelt. Und dies zeigt sich auch durch die eigene Sprache.

Ist das, was die Jugendlichen sprechen, überhaupt "Deutsch"?

Die Sprache von Jugendlichen liegt natürlich im Spektrum der deutschen Sprache. Sie beeinflusst zwar die allgemeine Alltagssprache, aber weniger stark, als man oft annimmt. Ein Großteil der Wörter, die in kleinen Gruppen wie Schulklassen oder Cliquen auftauchen, verschwindet in der Versenkung, ohne, dass sie jemand je erfasst hat.

Manche Worte wie cool haben es jedoch mittlerweile sogar in den Duden geschafft. Warum?

Das englische Wort cool gibt es mittlerweile sogar als Entlehnung im Chinesischen (kù) und Japanischen (kūruna). Es hat sich also sogar in unterschiedlichen Sprachräumen etabliert.

Ein Wort hat nur dann eine Chance, in den Duden aufgenommen zu werden, wenn es tatsächlich den Sprung in die Alltagssprache schafft. Hierbei spielen Medien eine wichtige Rolle. Oder es passiert, dass ein Wort von einer Jugendkultur in eine andere übernommen wird.

Wie funktioniert das?

Das kann man sich so vorstellen: In einer Klasse gibt es ein ganz neues Wort. Irgendwann gebraucht es auch die Nachbarklasse, dann alle Schüler der Schule. Hierbei ist das Konzept von Netzwerken ganz wichtig, also jemand benutzt das Wort im Umgang mit anderen und es verbreitet sich. Dabei spielen aktuell natürlich die neuen Medien wie Facebook eine große Rolle, weil die Wörter dort öffentlicher verwendet und wahrgenommen werden.

Verändern soziale Medien die Sprache auch, weil dort anders geschrieben wird?

Die Rolle der Medien ist grundsätzlich nicht zu unterschätzen. Fernsehserien, Blogs und Werbung spielen schon immer eine Rolle, auch die Musikszene. In den sozialen Medien weichen die User oft von orthografischen Normen ab. Das heißt, sie schreiben nur Kleinbuchstaben oder ohne Satzzeichen. Gerade in schnell geschriebenen Postings wird zunehmend geschrieben wie gesprochen, Wörter aus dem Dialekt und der Umgangssprache werden verwendet. Das geht einfach schneller. Hinzu kommen auch Smileys und Emojis. Der eine würde nun sagen, es sei ein Verfall der geschriebenen Sprache. Man kann es aber auch als Erweiterung verstehen.

Hat die Verkürzung der Schriftsprache dann Einfluss auf die gesprochene Sprache?

Das lässt sich kaum beurteilen. Klar ist jedoch: Wenn Jugendliche regelkonformes Schreiben nicht lernen oder sich unterschiedlichen Schreib- und Sprechsituationen nicht anpassen können, dann kann es später zu Problemen kommen. Wir sollten das beobachten, aber ich denke, dass wir erst in zehn Jahren mehr dazu sagen können.

Oft hört man, Jugendliche könnten sich nicht richtig ausdrücken oder hätten keinen guten Wortschatz. Stimmt das?

Der Verfall der Sprache wurde schon öfter heraufbeschworen. Schauen wir zum Beispiel auf die Zeit nach 1945 und den enormen Boom der Comics. Da wurden 'Lautwörter' wie gähn, seufz und stöhn in den Sprechblasen für den Sprachverfall verantwortlich gemacht. Und was ist passiert? Nichts.

Woher kommt die Sorge, die Sprache könnte verkommen?

Das hat viel mit Vorurteilen, Ängsten und Generationenkonflikten zu tun. Sprache unterliegt Veränderungsprozessen, die immer nur subjektiv als gut oder schlecht wahrgenommen werden. Jugendliche sind besonders experimentierfreudig, wollen sich von der Sprache der Elterngeneration absetzen.

Das Jugendwort des Jahres 2016 ist "fly sein". Kann man diese Wahl des Verlages Langenscheidt wirklich ernst nehmen?

Fly sein im Sinne von 'etwas oder jemand geht besonders ab', Hopfensmoothie für 'Bier', isso für 'ist so' – all das sollen originelle, sprachlich kreative Jugendwörter sein. Dass kaum ein Jugendlicher die Ausdrücke fly sein oder Hopfensmoothie gebraucht, spielt da kaum eine Rolle. Unter wissenschaftlichen Kriterien kann man die Wahl und das jedes Jahr neu aufgelegte 'Jugendsprache-Wörterbuch' nicht ernst nehmen, aber als Marketingaktion: absolut gelungen!

Über Prof. Dr. Schlobinski

Prof. Dr. Peter Schlobinski (62) ist Sprachwissenschaftler und lehrt an der Leibniz Universität Hannover. Er hat Germanistik, Sportwissenschaften und Geschichte studiert und zum Thema Jugendsprache geforscht. Seit 2015 ist er Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache.

Weitere Beiträge zu: Jugendsprache, Jugend, Sprache, Generationen.

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