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Die Autorin

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Lou Antoinette Godvliet (18)
Psychologiestudentin aus Wuppertal

Projekt
"Kommen mit Drucken nicht nach"

24.05.2016 |

Die Bürgerstiftung Aachen hat die Grundrechte auf Arabisch, Französisch oder Dari übersetzen lassen – und liefert Erklärungen gleich mit. Interessierte reißen ihnen die gedruckten Ausgaben förmlich aus den Händen.

Vier Personen, die sich am Handgelenk aneinander festhalten.

Die Bürgerstiftung bringt Flüchtlinge und Aachener zusammen. – © Bürgerstiftung Lebensraum Aachen

Aachen liegt ganz am westlichen Rand von Deutschland nahe der Grenzen zu Holland und Belgien. Wie in fast jeder anderen Stadt Deutschlands leben auch hier inzwischen viele Flüchtlinge. Um den Migranten deutsche Werte und Rechte näher zu bringen, hat die "Bürgerstiftung Aachen" die ersten 20 Grundgesetzartikel in sieben weitere Sprachen übersetzt. "Das Papier wird uns überall aus den Händen gerissen, wir kommen kaum nach mit dem Druck", berichtet Norbert Greuel, Leiter des Flüchtlingsprojekts.

Unsere Werte, unsere Basis

Das Grundgesetz sei keine Hausordnung für Deutschland, aus der genau hervorgehe, was man darf und was nicht. "Es ist eine Wertebasis, auf der jeder die Verantwortung für sein Verhalten übernehmen muss", stellt Greuel fest. "Das Projekt ist nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für uns selbst relevant."

Wie die Flüchtlinge auf unser Grundgesetz reagieren, sei sehr unterschiedlich. "Sie sind häufig verwundert darüber, was man hier alles darf und verwechseln manchmal diese Freiheit mit Beliebigkeit", sagt Greuel. Mit diesen Freiheiten muss man umgehen lernen, deshalb werden die Paragraphen nicht einfach nur übersetzt, sondern zusätzlich erläutert.

Ein Beispiel:

Artikel 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Das übersetzte Recht: "Ich habe das Recht, dass jeder andere Mensch und der Staat meine Würde achtet und schützt."

Die übersetzte Pflicht: "Ich muss jeden anderen Menschen, Frau, Mann, Kind mit Respekt und Wertschätzung behandeln, einfach deshalb, weil der andere ein Mensch ist."

17 Projekte

Gegründet wurde die Bürgerstiftung "Lebensraum Aachen" 2005 mit dem Ziel, bürgerschaftliches Engagement zu wecken und zu stärken. Die Gründer der Bürgerstiftung waren im Laufe ihres Lebens in Aachen zu Wohlstand gekommen und wollten durch die Gründung der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben. Mittlerweile arbeiten etwa 200 Menschen ehrenamtlich in der Bürgerstiftung und gestalten die derzeit 17 laufenden Projekte.

Ein bedeutsames Projekt der Stiftung ist das vor anderthalb Jahren entstandene Flüchtlingsprojekt, an dem etwa 180 Ehrenamtliche mitwirken. 50 von ihnen besuchen regelmäßig die internationalen Förderklassen in Schulen, um dort die Lehrer beim Unterrichten der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zu unterstützen. Die Klassen setzen sich aus jeweils 18 Flüchtlingen zusammen. "Vom Analphabeten bis zum Gymnasiasten ist alles vertreten", erklärt Norbert Greuel.

Fahrräder reparieren

Die Stiftung setzt sich dafür ein, dass auch Flüchtlinge willkommen geheißen und akzeptiert werden – entsprechend Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes: "Niemand darf wegen (…) seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens (…) benachteiligt oder bevorzugt werden."

Die Bürgerstiftung ist auch in Jugendeinrichtungen aktiv. So haben einige Rentner gemeinsam mit geflüchteten Jugendlichen gespendete Fahrräder repariert. Die Jugendlichen haben ein Fahrtraining absolviert und durften die Räder behalten.

Lücke schließen

Im Sommer wird ein Sprachkurs starten, für den 15 Lehrer im Fach "Deutsch als Fremdsprache" ausgebildet werden. "Wir haben festgestellt, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Sprachkurse nur für Menschen aus bestimmten Herkunftsländern anbietet. Wir wollen das erweitern und diese Lücke schließen", erklärt der Leiter des Flüchtlingsprojekts, Norbert Greuel. Die Menschen sollen Deutsch so erlernen, dass sie einen Schulabschlusskurs an der Volkshochschule besuchen können. Greuel findet: "Das ist ein wichtiger Beitrag zur Integration. Wir helfen da, wo der Staat nicht oder zu langsam ist."

"Wir haben gemeinsam mit anderen Flüchtlingsinitiativen erreicht, dass es in Aachen so gut wie keinen Rechtsradikalismus gibt", sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Hans-Joachim Geupel. Die Bürgerstiftung habe bereits sehr viele unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge dabei unterstützt, in die Aachener Gesellschaft aufgenommen zu werden.

Pro Baby ein Baum

Neben der Flüchtlingsarbeit hat die Stiftung auch einige andere originelle Projekte. Das älteste richtet sich an Neugeborene und heißt "Lebensbaum-Projekt". Ein Obstbaum wird bei der Geburt gepflanzt. Pflanze und Kind begründen ein Patenschaftsverhältnis. Über das Jahr gibt es viele Möglichkeiten, diese Patenschaft zu gestalten. Blütenfeste, Ernetfeste Geburtstagsfeste sind dafür einige Beispiele.

Ein weiteres Projekt: Senioren treffen sich einmal in der Woche zur "Gripsgymnastik" und lösen gemeinsam Rätsel und mathematische Denksportaufgaben. Das stärkt das Gedächtnis der Teilnehmer. Außerdem gibt es ein Projekt, für das sich Senioren zum Theaterspielen gefunden haben ("Theater für Senioren").

Das Leben angenehm gestalten

Die Bürgerstiftung versucht, "die Dinge durch eigene Aktivitäten vorwärts zu bringen, zu entwickeln und das Leben angenehmer zu gestalten", sagt Stiftungsgründer Geupel. Das Geld für die Projekte wird über Spenden gesammelt. Die Stiftung hat viele Kontakte zu Aachener Unternehmen und Institutionen, die aufgrund der Qualität der Projekte finanzielle Unterstützung leisten.

Weitere Beiträge zu: Grundgesetz, Grundrechte, Aachen, Engagement.

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