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Die Autorin

Alina Frechen 68x68

Alina Frechen (22)
studiert Sprache, Kommunikation und Geschichte

Porträt
Der Gerichtszeichner

07.02.2017 |

Nervöse Finger, rote Wangen, hängende Schultern: Auf solche Details achtet Martin Burkhardt, wenn er Angeklagte vor Gericht zeichnet. Sobald Kameras rausmüssen, legt er los. Alina hat er von Panzerglas, strengen Richtern und Zeugenschutzprogrammen berichtet.

Gerichtszeichnung

Zeichnung vom sogenannten Mannheimer Mammut-Prozess. Das Verfahren gegen eine Drogenbande hat sich zweieinhalb Jahre lang hingezogen. – © Martin Burkhardt

"Ich saß als Student oft mit meinen Kommilitonen im Cafés und habe versucht, das Typische von Menschen und Situationen zu zeichnen", erinnert sich Martin Burkhardt. Der 35-Jährige hat sich nach seinem Design-Studium selbstständig gemacht und arbeitet als sogenannter Gerichtszeichner.

Fotos verboten

Während Gerichtsverhandlungen sind in Deutschland Foto- und Filmkameras sowie Tonaufzeichnungen verboten. Gezeichnete Bilder dagegen sind erlaubt. Geregelt ist dies in Paragraph 169 des Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG). Deshalb beauftragen Medienanstalten oft Zeichner mit der Illustration einer Gerichtsverhandlung, über die sie berichten wollen. Mit den Skizzen werden dann die Filmbeiträge zum Teil bebildert.

Rockerbanden und Zeugenschutz

Besonders in Erinnerung geblieben ist Burkhardt ein Prozess in Kaiserslautern, bei dem es um zwei verfeindete Rockergruppen ging. Im Saal war extra Panzerglas zwischen Gericht und Zuschauern eingebaut worden. Beamte schützten diejenigen, die im Zeugenschutzprogramm waren. "Diese Situation war sehr eindrucksvoll für mich. Links von mir die eine Rockergruppe, rechts die andere, und ich mittendrin. Die Stimmung im Saal war seltsam", erinnert er sich. Bei diesem Prozess gab es auch Regeln für den Zeichner: Auf den Bildern durfte keine Person aus dem Zeugenschutzprogramm identifizierbar sein und nach dem Prozess mussten dem Richter alle Bilder zur Kontrolle vorgelegt werden.

Nebenjob im Studium

Allein von Gerichtszeichnungen kann Burkhardt allerdings nicht leben. Er fertigt auch Infografiken für Unternehmen, Illustrationen für Magazine oder Erklärfilme. Ursprünglich war Gerichtszeichner ein Nebenjob während des Studiums in Mannheim. An der Hochschule gab es eine Anfrage über den Studenten-Email-Verteiler. Er meldete sich und nach einem Probezeichnen kamen regelmäßig Aufträge. Eine Ausbildung zum Gerichtszeichner gibt es übrigens nicht.

Erst Bleistift, dann Tusche

Doch Burkhardt hat inzwischen Routine. "Bei Gericht beginne ich meistens mit einer Bleistiftvorzeichnung und skizziere grob die Personen, teilweise auch schon den Hintergrund", beschreibt Burkhardt seine ersten Schritte. Wenn er ein Bild vom ganzen Gerichtssaal mache, dann würde er mit dem Raum anfangen – bereits bevor der Angeklagte hineinkommt. Wenn die Menschen dann anders sitzen als gedacht, könne er das schnell korrigieren. Burkhardt weiter: "Wenn die ersten Striche sitzen und ich mit der Skizze zufrieden bin, nehme ich die Aquarellfarben, um das Ganze zu kolorieren. Zum Schluss ziehe ich die sogenannten Outlines, also die Umrisse von Personen und Objekten, mit einem Tuschestift nach, damit die Kontraste härter sind."

Der Angeklagte

Das Hauptaugenmerk Burkhardts liegt bei den Gerichtszeichnungen auf dem Angeklagten, weil es von diesem meistens keine Fotografien ohne verdecktes Gesicht gibt. Welche Personen auf den Zeichnungen zu sehen sein sollen, erklärt der Redakteur ihm vor der Verhandlung. "Der Auftraggeber hat meistens eine genaue Vorstellung von dem, was er benötigt. Ich versuche die Angaben bestmöglich umzusetzen und auf Papier zu bringen", sagt Burkhardt.

Viele Details in kurzer Zeit

Wie viel Zeit er für eine Zeichnung haben wird, erfährt Martin Burkhardt meistens vor Sitzungsbeginn. Die Redakteure können oft einschätzen, ob der Prozess schnell unterbrochen wird oder ob er einen Vormittag Zeit für die Zeichnung hat. Je mehr Zeit er hat, desto länger schaut er sich die Situation an, um anschließend mehr Details auf seinen Zeichnungen ausarbeiten zu können. Details sind zum Beispiel nervöse Spiele mit den Fingern, rote Wangen oder der Blick und die Haltung des Angeklagten. Diese Dinge versucht Martin Burkhardt in seinen Zeichnungen hervorzuheben.

Wenn er aber nur ein paar Minuten Zeit bis zum Ausschluss der Öffentlichkeit hat, macht Martin Burkhardt eine schnelle Vorzeichnung von der wichtigsten Person. Die Farbe von Pullover oder Haaren prägt er sich dabei ein und vollendet die Zeichnung vor dem Gerichtssaal.

Keine Schummeleien

"Ich bin immer realistisch und denke mir niemals etwas aus", erklärt der Zeichner. Manchmal lasse er jedoch ein Detail, wie beispielsweise eine Tür im Hintergrund, weg – wenn er zum Beispiel den Fokus auf etwas anderes lenken möchte. Er könne außerdem etwas mit den Perspektiven spielen, die Räume zwischen den gezeichneten Personen verringern und somit dem Bild mehr Dramaturgie verschaffen. Burkhardt bereitet seine Zeichnungen oft am Computer nach oder zeichnet teilweise ausschließlich am Bildschirm.

Seit mehr als zwölf Jahren ist Burkhardt jetzt als Gerichtszeichner unterwegs. Die meisten Aufträge bekommt er im Umkreis von 100 Kilometern um seinen Wohnort Mannheim: "Ich schätze, ich habe 150 bis 250 Gerichtszeichnungen gemacht, gezählt habe ich das aber nie."

Einer von wenigen

Es gibt nicht viele Gerichtszeichner, er selber kennt nur fünf Kollegen: "Ich glaube nicht, dass jemand in Deutschland hauptberuflich bei Prozessen zeichnet." Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht. Gerade weil seine Berufsgruppe so selten sei, habe er auch schon Aufträge für Prozesse in Hannover und Leipzig bekommen.

Die Auftragslage sei sehr unterschiedlich. Es habe schon Phasen gegeben, in denen er über mehrere Monate hinweg keinen einzigen Job bekam. Aber manchmal sei er sogar mehrmals pro Woche im Gericht gewesen. Beim Kachelmann-Prozess in Mannheim zum Beispiel war das Interesse der Bevölkerung sehr groß. Jörg Kachelmann, als Wetterexperte bekannt, wurde 2010 wegen Vergewaltigung angeklagt, 2011 aber von allen Vorwürfen freigesprochen – Burkhardt zeichnete den Promi während des Prozesses.

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