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OP für den Bund mit Gott

27.11.2012 |

Das Thema Beschneidung ist kompliziert. Welche Gründe stecken hinter dem Ritual und was genau passiert eigentlich bei dem Eingriff? mitmischen-Autorin Juliane ist diesen Fragen auf den Grund gegangen. Dabei kam sie  mit einer muslimischen Ärztin ins Gespräch, die selbst Beschneidungen bei Jungen durchführt.

Ein Skalpell auf einem OP-Tisch

Mit so einem Skalpell werden Beschneidungen durchgeführt. – © dpa


Der Fachbegriff für die Beschneidung an Jungen lautet "Zirkumzision", kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie "ringsherum abschneiden". Abgeschnitten wird dabei die Vorhaut, sodass die Eichel des Penis frei liegt. Es ist eine ganz normale Operation: Der Patient bekommt eine Narkose oder eine örtliche Betäubung, damit die Schmerzen am Penis direkt nach dem Eingriff nicht zu stark sind. Mit einem Skalpell oder einem elektrischen Messer wird die Vorhaut dann abgeschnitten. Anschließend werden die Vorhautblätter mit selbstauflösenden Fäden vernäht.

Heutzutage wird die Beschneidung hauptsächlich aus kulturellen und religiösen Gründen praktiziert. Für religiöse Juden, Muslime und einige orthodoxe Christen die Beschneidung eine lange Tradition. Muslime sind die größte Einzelgruppe, die Beschneidungen durchführt. Sowohl im Islam als auch im Judentum und für einige wenige Christen ist die Beschneidung eine jahrhundertalte Tradition, die auf den gemeinsamen Stammvater Abraham zurückgeführt wird. Dieser soll sich mit einer Axt selbst beschnitten haben. Die Beschneidung symbolisiert den Bund mit Gott.

"Jungs wollen dazugehören"

Frau Dr. med. Mahnaz Shirazi, Unfallärztin und Fachärztin für Kinderchirurgie, gehört selbst dem Islam an und führt in ihrer Praxis auf Wunsch Beschneidungen durch. Muslimische Jungen werden traditionell im Alter zwischen sieben und zehn Jahren beschnitten. Meistens wird der Eingriff von Ärzten vorgenommen. Oft kämen auch ältere Jungen zu ihr, die bisher nicht beschnitten wurden, sich dies nun aber wünschten, erzählt die Medizinerin. All ihre Freunde seien beschnitten und sie wollten einfach dazugehören, erklären die Schüler.

Doch nicht nur Muslime kommen in ihre Praxis. Bei den Juden sei während des Eingriffs meistens ein sogenannter Mohel dabei, der jüdische Fachmann für die Beschneidung. Sobald bei dem Eingriff das Blut fließe, sei es jüdische Sitte, dass der Mohel betet, erklärt Dr. Shirazi.

Anders als bei den Muslimen soll das Ritual bei gläubigen Juden bereits am achten Tag nach der Geburt stattfinden. Oft führen medizinisch ausgebildete Mohels die Beschneidung sogar selbst durch, da ein Krankenhaus-Arzt in Deutschland meist nicht alle religiösen Kriterien erfüllt, wie beispielsweise gläubiger Jude zu sein.

Ungewohnte Situation

An den ersten zwei Tagen nach der Beschneidung sind Schmerzen wie bei einer anderen Wunde ganz natürlich. Manche Jungen empfinden es zunächst noch als unangenehm, dass die Eichel direkt mit der Unterwäsche in Kontakt kommt. Andere haben häufig eine Erektion. Beides wird nach einiger Zeit der Gewöhnung seltener.

Die Funktion der Vorhaut ist umstritten: Vor Beginn der Zivilisation, als der Mensch noch keine Kleidung trug, schützte sie das Geschlechtsteil vor Schmutz. Heutzutage ist das nicht mehr in dem Maße notwendig, sie muss im Gegenteil regelmäßig zurückgezogen werden, um Unreinheiten darunter abzuwaschen. Beschnittene Jungen und Männer haben es also beim Waschen leichter. Die Beschneidung aus gesundheitlichen Gründen wird bei einer Vorhautverengung empfohlen: Wer darunter leidet, kommt oft mit Entzündungen zum Arzt.

Pure Körperverletzung bei Mädchen

Laut der jüngsten Statistik sind deutschlandweit knapp elf Prozent der bis 17-jährigen Jungen beschnitten. Aus gesundheitlichen Gründen wäre dies allerdings nur bei etwa zwei Prozent nötig gewesen. Mit 80 Prozent beschnittenen Männern ist die Beschneidung in den USA mit am weitesten verbreitet. Dänemark hingegen hat mit 1,6 Prozent eine der niedrigsten Beschneidungsraten der Welt. 

Nicht zu vergleichen ist übrigens die Beschneidung an Jungen mit der an Mädchen, bei der ihre äußeren Geschlechtsteile teilweise oder ganz entfernt werden. Die Beschneidung von Mädchen ist pure Körperverletzung, meint auch Dr. Shirazi. Ziel dabei sei, dass die Frau sexuell nichts mehr spürt und somit nicht in Versuchung gerät, ihren Mann zu betrügen.


Kommentare

 

mitmischen.de schrieb am 10.05.2013 09:02

Lieber Peter18, Anlass für diesen Beitrag und das gesamte Topthema, in das der Beitrag eingebettet ist, war die Debatte im Deutschen Bundestag über die Beschneidung an jungen Männern und Jungen. Deshalb liegt der Schwerpunkt hier auch ganz eindeutig auf der männlichen Beschneidung. Du kannst aber schon mal gespannt sein: Sehr bald gibt es hier auf mitmischen.de nämlich ein ganzes Topthema zur Genitalverstümmelung an Mädchen und jungen Frauen. Bis dahin weiterhin viel Spaß beim Lesen und Kommentieren der Beiträge auf mitmischen.de!

 

 

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