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DDR-Sportlerin
Den eigenen Körper verlieren

19.04.2016 |

Jeden Tag vor dem Training musste die DDR-Eiskunstläuferin Marie-Katrin Kanitz vor den Augen ihrer Trainerin angebliche Vitamine schlucken. Erst fast zehn Jahre später erfuhr sie, dass sie Opfer von Zwangsdoping ist.

Eislauf-Karriere

Marie-Katrin Kanitz beim Eiskunstlauf mit Tobias Schröter 1985 in der Halle des SC Dynamo Berlin.

Marie-Katrin Kanitz und Tobias Schröter beim Eiskunstlaufen – © Privatarchiv

Marie-Katrin Kanitz und Tobias Schröter (rechts) bei den DDR-Meisterschaften 1985.

Marie-Katrin Kanitz und Tobias Schröter (rechts) bei den DDR-Meisterschaften 1985 zusammen mit Katarina Witt und Falko Kirsten. – © picture alliance/ dpa

Eines Abends nach dem Training sollen Marie-Katrin Kanitz und ihr Eiskunstlaufpartner Tobias Schröter noch bleiben. Sie ist damals 16 Jahre alt. Die Eishalle des SC Dynamo in Ost-Berlin leert sich, bald ist niemand mehr da. Das Paar soll seine Kür noch einmal laufen. Bevor sie beginnen, ruft die Trainerin Heidemarie Walther-Steiner sie zu sich. Beide schlucken eine Pille, dann soll es losgehen. Aber Kanitz kann nicht. Ihr Körper, den sie sonst so sehr beherrscht, ist nicht mehr ihr eigener. Sie hat das Gefühl zu viel Kraft zu haben und gleichzeitig ohne Kontrolle zu sein. Die Kür wird abgebrochen.

Dieser Trainingsabend ist jetzt 29 Jahre her. Kanitz weiß mittlerweile, dass sie ein Opfer des DDR-Zwangsdopingsystems ist. Heute arbeitet die 45-Jährige bei der Doping-Opfer-Hilfe in Berlin Prenzlauer Berg. Dort berät sie Sportler, Eltern und Trainer, die durch Doping in Not geraten sind. Aber vor allem kommen ehemalige Sportler aus der DDR, berichtet Kanitz.

Mit vier Jahren auf dem Eis

Sie hört ihnen zu, hilft ihnen den Antrag auf Entschädigung auszufüllen und vermittelt sie weiter an Juristen, Psychologen und Behörden. "Viele trauen sich nicht, über ihre Dopingerfahrung zu sprechen. Sie schämen sich, weil sie gedopt wurden", sagt Kanitz. Wenn ihnen jemand zuhört, der selbst betroffen ist, dann sind sie oft erleichtert, erzählt sie.

Mit vier Jahren stand sie zum ersten Mal auf dem Eis. Sie wuchs in Berlin-Friedrichshain in der DDR auf. Ihre Mutter wäre selber gern Eiskunstläuferin geworden und ihr Vater war Sportlehrer. Beide spornten ihre einzige Tochter an, einen sechswöchigen Sichtungskurs durchzustehen, obwohl sie beim ersten Mal sehr viel Angst hatte. Doch schnell fing Kanitz Feuer und die Trainer entdeckten ihr Talent. Wer gut war, wurde in der DDR schnell staatlich gefördert. Sportliche Erfolge wurden auch als ein Verdienst des politischen Systems gesehen und sollten zu internationaler Anerkennung verhelfen.

Bronze bei der EM in Sarajewo

Schon im Kindergarten trainierte Marie-Katrin Kanitz vor dem Mittagessen zwei Stunden, zur Grundschule ging sie dann auf eine Sportschule. Das bedeutete schon in der ersten Klasse vier bis fünf Stunden Training pro Tag. Gespielt hat sie kaum, dafür musste sie sich jeden Tag vor den Augen ihrer Trainer wiegen. Ballett und Athletiktraining gehörten genauso dazu wie das Eiskunstlaufen selbst.

"Ich kannte einfach nichts anderes", sagt Kanitz. Ihr sei schon damals bewusst gewesen, dass es Kinder gab, die ein anderes Leben führten. "Aber ich war ja auch ehrgeizig. Und meine Eltern waren stolz". Mit zwölf Jahren holte man Kanitz zum Paarlaufen zum SC Dynamo Berlin in Hohenschönhausen. Dort begann ihre Erfolgskarriere. Ihr Partner wurde der sechs Jahre ältere Tobias Schröter, ihre Trainerin Heidemarie Walther-Steiner. Auf dem Sportcampus ging sie zur Schule, aß sie zu Mittag und trainierte sie bis zum Abend. Sie wurde zweifache DDR-Meisterin, vierte bei den Europameisterschaften 1986 in Kopenhagen und dritte bei den Europameisterschaften 1987 in Sarajewo.

Trainerin war einerseits wie eine Mutter

"Frau Walther-Steiner war einerseits wie eine Mutter zu mir. Ich verbrachte sehr viel Zeit mit ihr", erinnert Kanitz sich. Umso schmerzhafter war es für sie, wenn die Trainerin sie mit Liebesentzug bestrafte, wenn sie nicht die gewünschte Leistung erbrachte. "Wenn ich ein halbes Kilo zu viel gewogen habe, dann hat sie mich nicht mehr beachtet. Das hat mir sehr wehgetan."

Was für eine Substanz ihr die Trainerin an jenem Abend gegeben hat, als sie die Kontrolle über ihren Körper verlor, weiß Kanitz bis heute nicht. Ab dann ließ sie die Pille, die sie vor jeder Kür schlucken sollte, jedes mal heimlich in ihrer Hand verschwinden oder spuckte sie in den Mülleimer. Zuviel Angst hatte sie davor, ihren Körper noch mal zu verlieren.

Jeden Tag Pillen schlucken

Aber auch vor dem Training wurde die damals noch minderjährige Kanitz von ihrer Trainerin täglich an die Bande der Eishalle geholt und musste Pillen schlucken – angeblich Vitamine. Die Trainerin sah ihr dabei zu, wie sie die Pillen schluckte. Jeden Tag.

Ihr größter Erfolg war die Europameisterschaft 1987 in Sarajewo. Dort gewann sie mit ihrer Kür zu spanischen Klängen Bronze. "Das war schon ein irres Gefühl", sagt sie. Als sie 18 Jahre alt war, bereitete sich das Paar auf Olympia vor. Doch da geschah Kanitz ein Unheil - oder ein großes Glück. Sie lief Zuhause in ihr schmales Bad, verfing sich in einem Kabel der Waschmaschine und stürzte und verletzte sich am Kreuzband. Ihr Knie wurde zwei Mal operiert, ihre Karriere als Eiskunstläuferin war damit beendet. Trainerin Walther-Steiner lenkte ihren Blick sofort auf ein anderes vielversprechendes Paar. "Ich wurde weggeschmissen wie eine heiße Kartoffel, war aber auch erleichtert", sagt Kanitz. "Ich wollte meine Schule beenden und endlich auch andere Dinge als Eislaufen tun."

"Ich war schockiert"

In den Jahren nach der Wende las Kanitz in den Medien vom Zwangsdopingsystem für Sportler in der DDR. Sie dachte an die Kugelstoßer und Schwimmer, aber nie kam ihr der Gedanke, dass sie als Eiskunstläuferin gedopt worden sein könnte. 1997 bekam sie dann einen Brief vom Landeskriminalamt Thüringen, die sie als Zeugin bei der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierung- und Vereinigungskriminalität (ZERV) vorluden.

Erst wollte sie nicht gehen, doch dann ging sie hin. Ihr Name tauchte in Unterlagen auf, aus denen hervorging, dass sie 1986 mit Oral-Turinabol, dem männlichen Sexualhormon gedopt wurde. "Ich war unheimlich schockiert". Sie wurde gefragt, ob sie einen Strafantrag gegen ihre Trainerin stellen wollte. Sie wollte. Verurteilt wurde die Trainerin nicht.

Psychische Erkrankungen als Spätfolgen

Mit 10.500 Euro wurde Kanitz später von der Bundesregierung dafür entschädigt, dass ihr Oral Turinabol verabreicht wurde. Kanitz weiß aber längst, dass dies nicht die einzige Substanz war, die ihr verabreicht wurde. "Eiskunstläufer bekamen auch Psychopharmaka, um weniger Angst vor den Sprüngen zu haben."

2001 beginnt für Kanitz eine schwere Zeit. Sie leidet unter Psychosen und Depressionen, einer anerkannten Spätfolge von der Einnahme von männlichen Sexualhormonen. "Etwa 70 Prozent der Dopingopfer leiden an psychischen Erkrankungen", weiß Kanitz aus einer statistischen Erhebung des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins. Es folgen drei Klinikaufenthalte. Seit langem ist Kanitz wieder stabil.

Schlittschulaufen auf dem See

Heute fragt sich öfter, wie es gewesen wäre, wenn sie eine Eiskunstlaufkarriere in der Bundesrepublik Deutschland durchlaufen hätt. Traumatisiert hat sie nicht nur die Dopingerfahrung, sondern auch der politische Drill in der DDR. "Uns Sportlern wurde jeden Tag eingebläut, dass wir nicht nur für uns selbst beim Wettkampf starten, sondern für den Staat."

Was die damalige Trainingshärte im DDR-Eiskunstlaufen betrifft, erklärte Heidemarie Walther-Steiner gegenüber der Berliner Zeitung im April 2011: "Von nichts wird nichts. Es gab damals einen Spruch: Erlaubt ist, was gelingt."

Wie sie fürs Eislaufen ihre Kindheit und Jugend hingab, beschäftigt sie noch heute. Das Gefühl, wenn ihre Schlittschuhkufen über eine gefrorene Fläche gleiten, allerdings, genießt sie noch immer: "Ich wünsche mir, dass im nächsten Winter die Seen zufrieren. Dann gehe ich mit meinem Freund oder meiner Mutter aufs Eis, genieße die Landschaft und laufe Schlittschuh. Das hat mir keiner genommen."

Mehr Infos zur Doping-Opfer-Hilfe.

(ab)

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Kommentare

 

carl schrieb am 01.02.2017 16:17

krass

 

 

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