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Die Autorin

Ein braunhaariges Mädchen hält die Hände am Kopf und lächelt

Anne Juliane Wirth (25)
studiert Politikwissenschaft

Virtuelle Meinungsmacher
Bot or not?

14.02.2017 |

Sie werden mit echten Menschen verwechselt und beeinflussen Netzdebatten: Sogenannte Social Bots führen derzeit viele Internetnutzer hinters Licht und waren auch Thema im Bundestag. Wie sie funktionieren, hat Anne Juliane recherchiert.

Zwei Roboter

Sieht "Ashley XO" in Wirklichkeit so aus? Wohl kaum – virtuelle Roboter brauchen keine aufwendige physische Hülle. – © dpa

Schon wieder eine neue Freundschaftsanfrage auf dem Smartphone. Schon wieder passt sie in ein ganz bestimmtes Schema: junge Dame mit auffälligem Zahnpasta-Lächeln, tausende Kontakte, vom anderen Ende der Welt – und dir völlig unbekannt. Dir schwant: Du hast es hier mit einem Fake zu tun. Accounts wie diesen gibt es zu Tausenden. Die Userin, die da angeblich "Ashley XO" heißt, ist in Wahrheit ein Bot, eine virtuelle Fake-Identität. Fast jeder, der regelmäßig bei Facebook, Twitter oder Instagram unterwegs ist, ist einem solchen Bot schon einmal begegnet.

Dein Chat-Partner, der Roboter

Aber wozu sind solche virtuellen Gestalten da und wie funktionieren sie? Bots sind von Menschen programmierte Software-Roboter, die selbständig handeln. Im Grunde genommen kann man darunter kleine Software-Programme verstehen, die sich annähernd wie reale menschliche Nutzer verhalten. Zwei Arten von Bots sind im Netz zu unterscheiden: Chatbots kommunizieren mit den Nutzern, indem sie Fragen und Reaktionen analysieren und mehr oder weniger passende Antworten schreiben. Soll heißen: Sie übernehmen – mit Hilfe von künstlicher Intelligenz – einfache Routineaufgaben.

Die "großen Brüder" der Chatbots sind Social Bots. Ihr bevorzugter Wirkungsraum sind die sozialen Netzwerke – und da tummeln sie sich vor allem auf Twitter, teilweise aber auch auf Facebook oder YouTube sowie in Leserkommentaren von Onlinemedien. Social Bots sammeln Informationen und Daten. Diese Eigenständigkeit geht sogar so weit, dass sie voreingestellte Botschaften lancieren, auf bestimmte Schlagworte antworten oder automatisch auf Tweets zu einem bestimmten Thema reagieren und diese weiterverbreiten.

Sie kommen zu Millionen

Da große Brüder oft besonders stark und clever sind, schaffen es auch Social Bots, einige Verwirrung anzurichten. Problematisch ist, dass sie auf den ersten Blick nicht als Roboter erkennbar sind. Vielmehr gaukeln sie uns Nutzern vor, sie wären echte Menschen. Das ist nicht weiter schwer, Profilbilder, ob "echte" Porträtfotos oder belanglose Comiczeichnungen, reichen dafür erst mal. Die Zahlen sprechen für sich: Schätzungen gehen von 100 Millionen Fake-Accounts auf allen großen Plattformen aus. Beim weltweit größten Netzwerk Facebook sind es wohl circa 15 Millionen betroffene Accounts, bei Twitter wahrscheinlich ähnlich viele.

Eigentlich sind sie doof

Hinter Bots steckt keine ausgefeilte künstliche Intelligenz und auch kein komplexer Algorithmus. Einen Social Bot zu programmieren, ist recht leicht. Es gibt kostenlose Software im Netz, die sich mit wenigen Änderungen in Codes von sozialen Kanälen einsetzen lässt. Sie suchen nach Keywords, durchforsten Twitter-Timelines oder Facebook-Posts nach bestimmten Wörtern und Hashtags. Hat ein Bot die richtigen Wörter gefunden, legt er los. Mit vorgefertigten Antworten kommentiert er Beiträge und versucht so, andere Nutzer in ein "Gespräch" zu verwickeln. Das kann er dann natürlich nicht lange durchhalten, dazu ist er zu doof.

Es gibt aber auch ausgefeiltere Bots. Sie können eigenen Antworten schreiben, die sie meist aus Texten zusammenbauen, die sie auf bestimmten Internetseiten finden. Wenn sie gut programmiert sind, ergeben ihre Beiträge dann mehr oder weniger Sinn.

So entlarvt ihr sie

Bots sind in den sozialen Medien also mitunter schwer zu erkennen. Taucht ein einzelner Post eines Bots in der Timeline auf, ist er nicht immer von dem eines Menschen zu unterscheiden. Misstrauisch werden solltest du, wenn die Profilbeschreibung Unfug ist oder wenn dort so gut wie nichts steht. Zudem könnt ihr euch die im Profil angegebenen Links anschauen. So sind Rückschlüsse auf die Seriosität des Accounts möglich. Für die schnelle Überprüfung, ob ein Account ein Bot ist, kann auch Bot or Not nützlich sein. Der Dienst liefert aber keine hundertprozentige Sicherheit – genausowenig wie ein blaues Häkchen am Twitter-Account, das einen "verifizierten" User vorgaukeln soll. Aber unterm Strich ist das Enttarnen von Social Bots meist keine Raketenwissenschaft. Mit wenigen Mausklicks und gesundem Menschenverstand geht das sogar ziemlich fix.

Bots machen Meinung

Meinungsbildung findet immer stärker im Netz statt. Neben Telefonumfragen, Feedback auf dem Marktplatz oder im Bürgerbüro werden die Sozialen Medien immer öfter benutzt, um politischen Trends oder Stimmungen in der Bevölkerung zu analysieren. Werden Social Bots in den politischen Meinungskampf geschickt, können sie diesen manipulieren. Durch automatisch generierte Inhalte und Interaktionen können User beispielsweise gezielt beeinflusst werden. Bei Debatten um den Brexit, bei Ereignissen wie der russischen Annexion der Krim, während des Ukrainekonflikts und im US-Wahlkampf zwischen Trump und Clinton haben Social Bots nachweislich in den Meinungsbildungsprozess eingegriffen. Aber auch große Unternehmen setzen Bots ein, etwa um das Konsumverhalten der Menschen zu beeinflussen.

Social Bots als Wahlkämpfer?

Was kann man nun tun gegen diese Art von Manipulation? Auch der Bundestag beschäftigt sich mit dieser Frage. Experten halten Verbote und Ähnliches im Kampf gegen Social Bots für wenig sinnvoll – das wurde bei einem öffentlichen Fachgespräch des Ausschusses Digitale Agenda deutlich. Da es sich um ein relativ neues Phänomen handelt, fehlt fundiertes Hintergrundwissen wie wissenschaftliche Studien, ließen die Experten wissen.

Und so beruhen die bisherigen Annahmen über die Wirkungen und Effekte von Social Bots noch sehr auf Vermutungen, da es bisher kaum gesicherte Nachweise darüber gibt. Für den Bundestag sind Social Bots vor allem im Hinblick auf die bevorstehende Bundestagswahl am 24. September 2017 interessant. Wie groß das Phänomen wird, ist noch nicht abzusehen. Zumindest beteuern Vertreter von CDU/CSU, SPD, Bündnis90/Die Grünen und der Linken, dass sie keine Bots in den Wahlkampf schicken wollen.

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