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Der Autor

Noah Schöppl 68x68

Noah Schöppl (20)
studiert Politik, Psychologie, Recht und Wirtschaft

Meinungsforschung
"Können nicht vorhersagen"

04.01.2017 |

Was sind Wahl-Prognosen, wie entstehen Umfragen und wie aussagefähig sind sie? Das erklärt Michael Kunert, der Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap.

Michael Kunert, vom Meinungsforschunginstitut infratest dimap.

Seiner Meinung nach werden Umfragen zu oft falsch interpretiert, Michael Kunert, vom Meinungsforschunginstitut infratest dimap. – © Kunert/ David Ausserhofer

Herr Kunert, wie unterscheidet sich die junge Generation in ihrem Wahlverhalten von der älteren Bevölkerung?

Junge Menschen haben kein vorgefertigtes Meinungsbild und müssen sich erst noch für eine Partei entscheiden. Ältere Menschen wählen oft einfach die Partei, die sie das letzte Mal gewählt haben. Außerdem ist der Medienkonsum und damit die Meinungsbildung bei Jugendlichen ganz anders: Ältere rezipieren häufiger klassische Medien wie die Tagesschau, während jüngere Menschen sich eher über das Internet informieren.

Können Sie erklären, wie beim Meinungsforschungsinstitut infratest dimap eine Prognose zustande kommt?

Eine Prognose erstellen wir nur am Wahltag um 18 Uhr auf der Basis einer Erhebung nach der Stimmabgabe, aber vor der amtlichen Auszählung. Zwischen den Wahlen messen wir die aktuelle politische Stimmung anhand der Sonntagsfrage. Sie lautet:"Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?" Die Frage wird offen gestellt.

In der Regel befragen wir dazu 1000 Personen per Telefon. Das ist der Standard, der sich in Deutschland etabliert hat. Aber im Zusammenhang mit der Sonntagsfrage verwenden wir nie, nie, nie das Wort Prognose. Wir können ein Meinungsbild liefern, aber nie vorhersagen wie Menschen tatsächlich wählen.

In Deutschland gibt es etwa 62 Millionen wahlberechtigte Bürger. Warum gehen Sie davon aus, dass es aussagekräftig ist, weniger als ein Prozent der Bevölkerung zu befragen?

Wie groß die Grundgesamtheit ist, ist mathematisch fast egal. Die Zuverlässigkeit hängt im Wesentlichen davon ab, wie viele Personen am Interview teilnehmen und wie gut oder schlecht die Stichprobe ist. Am Telefon haben wir den großen Vorteil, dass wir die regionale Verteilung anhand der Vorwahlnummer sehr gut steuern können. In der Sonntagsfrage befragen wir aber auch 30 Prozent Mobilfunknummern, da inzwischen ja immer häufiger Personen nur über Mobilfunk erreicht werden können.

Wenn ich einen Anruf von infratest dimap bekomme und keine Zeit oder Lust habe teilzunehmen, verzerrt mein Verhalten dann das Ergebnis? Gibt es bestimmte Personengruppen, die in der Stichprobe unterrepräsentiert sind?

Es gibt Bevölkerungsgruppen, die nicht so gerne an Telefonumfragen teilnehmen wie andere. Menschen mit höherer Bildung nehmen mit größerer Wahrscheinlichkeit teil als solche ohne höhere Bildung. Um solche Effekte auszugleichen, verwenden wir Gewichtungen. Das heißt wir gewichten die Antworten von unterrepräsentierten Gruppen höher, sodass dann unterm Strich die Gewichtung der demographischen Gruppen der Gesamtbevölkerung entspricht.

Wer sind Ihre Kunden? Und wie viel Einfluss hat ein Kunde auf Ihre Fragen?

Die ARD ist unser Hauptkunde, aber es gibt auch andere Medien, Stiftungen, Wissenschaftsinstitutionen und manchmal auch Unternehmen. Wir sind Dienstleister und beraten die Kunden in den Fragen, die sie zu uns bringen. Aber es kommt schon mal vor, dass jemand mit einer Frage auf uns zukommt, bei der man schon merkt, dass es nur darum geht, eine bestimmte Ansicht in Umfragen zu bestätigen. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir Anfragen aus diesem Grund abgelehnt haben.

Im Brexit-Referendum und in der amerikanischen Präsidentschaftswahl haben Meinungsforscher das Gegenteil von dem vorausgesagt, was passiert ist. Dadurch haben Meinungsforscher viel Glaubwürdigkeit verloren. Wie können Sie sich sicher sein, dass Sie sich nicht irren?

Das stimmt nicht. Beim Brexit lagen in der Tat fast alle Umfragen auf der falschen Seite, haben aber alle gezeigt, dass es ganz knapp wird. Außerdem gibt eine Umfrage ja auch keine Wahrscheinlichkeiten für den Wahlausgang an, sondern den aktuellen Stand der Meinungen. Bei Umfragen mit 49 Prozent gegen 51 Prozent, kann man also kein sicheres Ergebnis vorhersagen.

Auch in der amerikanischen Meinungsforschung wurden zwar Fehler gemacht, aber vor allem wurden die Umfragen falsch gedeutet. Mein Hauptvorwurf ist, dass Umfragen falsch interpretiert und bewertet werden. Die Erwartungshaltung an Umfragen ist stark gestiegen und ist oft sehr überzogen.

Glauben sie, dass wir Journalisten Umfragewerten und Zahlen in der politischen Berichterstattung zu viel Gewicht geben und uns zu wenig mit Inhalten befassen?

Das ist, glaube ich, nicht das Problem. Umfragen sind einfach ein zusätzliches Informationsangebot für den Bürger. Was ich aber bedaure, ist die zunehmende Personalisierung in der Berichterstattung. Der Fokus auf die einzelnen Personen schwächt die Themen, die dann nicht mehr genug beleuchtet werden.

Sind Umfragen noch zeitgemäß? Für den amerikanischen Wahlkampf hat ein Wahlforschungsinstitut Persönlichkeitsprofile von mehr als 220 Millionen Amerikaner anhand von Facebook-Likes erstellt. Für Ihre Umfragen fragten Sie gerade mal 1000 Leute. Kann man heute durch die Analyse von Sozialen Medien nicht viel genauere Vorhersagen machen?

Da geht es ja nicht darum, zu messen, was die Leute wählen wollen, sondern um hochspezifische Werbung, darum, die Meinung zu beeinflussen. Für ein repräsentatives Meinungsbild ist die Größe der Stichproben nicht so relevant, sondern ob man eine systematische Verzerrung hat und die ist bei Facebook stärker, da das auch nur bestimmte Menschen nutzen.

Viele dieser Versprechen über den Erfolg solcher Methoden sind Marketingmaßnahmen von Wahlwerbe-Unternehmen, für die es keine Beweise gibt. Vorherzusagen, welche Parteien die Menschen jetzt tatsächlich wählen, ist heute sehr kompliziert. Neue Methode wie Wahlbörsen oder die Messung von Suchmaschinen-Anfragen sind außerdem nicht gegen Manipulation geschützt. Der direkte Weg, die Menschen zu fragen, wie sie wählen wollen, ist da immer noch einfacher, direkter und besser.

Über Michael Kunert:

Michael Kunert (57) ist Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstiuts infratest dimap in Berlin. Er hat in Berlin und Heidelberg Mathematik und Volkswirtschaft studiert. Er kennt infratest dimap bereits seit der Gründung, arbeitete in München und Hamburg. In seiner Funktion als Bereichsleiter Wahlen hat er Innovationen in der Wahlforschung vorangetrieben und maßgeblich begleitet.

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