Inhalt

 

Die Autorin

Beatrice Pieper 68x68

Beatrice Pieper (19)
macht eine Ausbildung zur Medienkauffrau Digital & Print

Recherche-Profi
"Googeln als Pflichtfach!"

07.02.2017 |

Henk van Ess unterrichtet in Journalistenschulen und an Universitäten etwas, das wir alle jeden Tag ständig tun: Web-Recherche. Beatrice hat ihn gefragt, welche Tipps er hat und was Suchmaschinen alles über uns wissen.

Henk van Ess

Henk van Ess: "Wenige Leute wissen, wozu Google fähig ist. " – © Bram Budel (NRC)

Sind Online-Portale wie Google mächtiger als Regierungen?

Wenn es bei Macht darum geht, was die Regierung über ihre eigenen Einwohner weiß, gewinnt Google definitiv.

Warum?

Ganz einfach, weil ich Google den ganzen Tag über zeige, wer ich bin. Wenn ich Hunger habe, frage ich, wo ich das nächste Restaurant finden kann. Wenn ich ins Kino will, brauche ich gar nicht den Ort einzutippen, denn den kennt Google schon. Google kann vorhersagen, wann ich eine Grippe bekommen werde. Die Suchmaschine guckt, wie viele Leute aus meinem Umkreis sich über Sachen informieren, die mit einer Grippe in Verbindung stehen. Wenn viele danach suchen, weiß Google, dass es gerade wahrscheinlich eine Grippewelle in meiner Umgebung gibt und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, auch zu erkranken. Das alles können Regierungen natürlich nicht über jeden Einzelnen wissen.

Was können Gesetze da bewirken?

Den größten Fehler, den die EU, aber auch der Bundestag macht, ist zu denken, dass man das sogenannte "World Wide Web" durch Gesetze einschränken kann. Es wird immer kleine Gruppen geben, die Schlupflöcher finden. Die Europäische Union zum Beispiel möchte verbieten, dass es im Internet Anleitungen zum Bau von Atomwaffen gibt. Natürlich ist das absolut nachvollziehbar. Aber es gibt einen Internetfriedhof, der zwanzigtausendmal größer als Google ist. Und da stehen natürlich noch Sachen drin, die eigentlich für normale Verbraucher schon längst wieder verschwunden sind. Das heißt, man kann die Veröffentlichung von bestimmten Informationen verbieten, aber wenn jemand wirklich will, kann er diese trotzdem wiederfinden.

Angenommen, deutsche Politiker können darlegen, dass Rechte von Personen verletzt werden und sie verabschieden ein neues Gesetz, das dies verhindern soll.

Dann gilt diese Einschränkung für Deutschland. Was machen die Leute, die trotzdem an diese verbotenen Inhalte kommen wollen? Sie benutzen einfach "google.com/ncr" – das heißt "no country restriction". Damit kommt man zu einem länderneutralen Google, bei dem die deutschen Gesetze nicht mehr gelten. Und wenn das nicht klappt, sind da noch virtuelle private Netzwerke, mit denen man seine Identität tarnen kann. Auch wenn es um Datenschutz geht, gibt es so viele Beispiele, wo empfindliche Daten von deutschen Bürgern in Deutschland nicht veröffentlich wurden, dafür aber in anderen Ländern, in denen diese Gesetze nicht gelten.

Die User "bezahlen" jede Suchanfrage mit ihren Daten, ist das ein faires Geschäft?

"Magic has its price" – Google ist ein Fluch und ein Segen zugleich. Es bringt dem Nutzer die gewünschten Daten, dafür bekommt Google einen Teil von dessen Identität. Warum haben Android-Nutzer jetzt die Möglichkeit, auf ihren Smartphones uneingeschränkt Fotos hochzuladen, ohne für den Speicherplatz zahlen zu müssen? Weil es wissenschaftlich eines der größten Experimente der Welt ist – von Google. Durch diese Vielzahl an Fotos können viele private Informationen gewonnen werden. Auf Basis dieser Erkenntnisse kann man neue Produkte entwickeln. Das alles ist sehr, sehr viel Geld wert.

Nutzen die User die Portale ihrer Meinung nach denn richtig?

Nein. Als Trainer sehe ich, wie wenig Leute wissen, wozu Google fähig ist. Die meisten Leute tippen einfach nur Wörter ein. Deshalb mein Rat an die Gesetzgeber: Bitte macht ein Pflichtfach für Schüler zur Recherche im Web und zur Validierung von Informationen. Es ist keine Kunst, in Google ganz viel zu finden. Die große Kunst ist, relevante Fakten zu erhalten. Denn genau diese Kompetenzen werden in Zeiten von sogenannten "Fake News" immer wichtiger!

Über Henk van Ess:

Henk van Ess (54) ist Research Dozent an der Axel Springer Akademie in Berlin, "datajournalist" für die Vereinten Nationen und Dozent an europäischen Universitäten. Nach dem er 25 Jahre für eine niederländische Zeitung als Reporter tätig war, entschied er sich, sein Recherche-Talent zum Beruf zu machen. Seitdem reist er als Trainer und Referent durch ganz Europa und coacht Firmen aber auch Journalistenschüler zum richtigen Umgang mit "Big Data" und effiziente Recherchemöglichkeiten.

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: