Etwa 360 deutsche Schüler und Auszubildende schickt der Bundestag jeden Sommer für ein Jahr in die USA. Genauso viele junge Amerikaner kommen mit dem Parlamentarischen Patenschafts-Programm (PPP) in deutsche Gastfamilien. Könnten Sie sich vorstellen in Ihrer Familie einen Stipendiaten aufzunehmen?
Grundsätzlich ja. Das Problem ist, dass es das klassische Familienleben bei uns zu Hause nicht gibt, weil ich sehr viel unterwegs bin. Die Auswahl der Gastfamilien übernehmen für uns Austauschorganisationen, die die Familien in Deutschland und den USA sehr gewissenhaft prüfen. Trotzdem gibt es da auch Problemfälle, das mussten wir bei unserer letzten USA-Reise wieder feststellen.
Welche Probleme bei der Betreuung der Stipendiaten sind das?
Wir stellen immer wieder fest, dass es in manchen Regionen der USA schwer ist, überhaupt Familien zu finden. Oft sind die Organisationen froh, wenn sie die Stipendiaten irgendwo unterbringen. Manchmal sind die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen einfach nicht gegeben: Der Jugendliche kommt an und steht vor einem Wohnwagen. Das sind Ausnahmen, aber wir müssen hier ganz klar darauf achten, dass die Qualität gewährt bleibt und die Stipendiaten nicht als Haushaltshilfen gesehen werden.
Mit einer Delegation des Ältestenrates für Innere Angelegenheiten des Bundestages haben Sie im April deutsche Stipendiaten in den USA besucht. Welche Stationen hatte Ihre Reise?
Wir waren in San Francisco, Nashville, Pittsburgh und Chicago und haben dort mit Vertretern der Austauschorganisationen, Gastfamilien und Stipendiaten gesprochen. Aber auch mit Unternehmen vor Ort, die als Praktikumsbetrieb für den Austausch in Frage kommen würden. Bei unseren Delegationsreisen geht es um die Qualitätssicherung – wir zeigen uns und nehmen uns Zeit für die Gesprächspartner. Bei Deutschlehrer-Verbänden haben wir beispielsweise auch für das PPP geworben.
Was haben Ihnen die Schüler und Auszubildenden von ihren Erfahrungen berichtet?
Die allermeisten erzählten, dass es für sie eine ganz außergewöhnliche Erfahrung ist, die sie für ihr Leben geprägt hat. Sie sehen Land und Leute danach anders. Der Blick auf die USA, aber auch auf Deutschland verändert sich. Sie lernen zu schätzen, was der deutsche Staat zum Beispiel an Sozialabsicherung oder für die Bildung leistet.
Seit 1983 existiert das PPP. Was sagen Sie zu Abgeordneten, warum es wichtig ist, Patenschaften für Stipendiaten zu übernehmen?
Es ist sehr erfreulich, dass wir seitens der Abgeordneten so viele Bewerber für Patenschaften hatten, dass wir teilweise sogar losen mussten. Die meisten zeigen sich dann auch sehr engagiert. Hintergrund für die Patenschaften ist die klare Zielsetzung, dass das PPP die Beziehung zwischen Deutschland und den USA festigen soll. Das erfordert auch den Einsatz der Abgeordneten.
Prof. Dr. Norbert Lammert, Schirmherr des PPP, sieht die Teilnehmer als Botschafter ihres Landes. Welche Erwartungen werden an die Kandidaten gestellt?
Soziales Engagement spielt da eine Rolle. Aber auch aufgeschlossen, flexibel und selbstständig sollten die Bewerber sein. So ein Jahr im Ausland birgt ja auch Widrigkeiten. Ich muss sagen, dass viele Jugendliche diese Aufgabe sehr ernst nehmen. Sie halten Referate in ihren Schulen und erzählen im Freundeskreis von ihrem Heimatland. Durch diesen Austausch entstehen über den Atlantik hinweg Freundschaften, die jahrelang halten. Ich war selbst schon Pate und weiß, dass die Stipendiaten mit ihren Gastfamilien immer noch in sehr engem Austausch stehen.
Nun können sich neben Schülern auch Auszubildende bewerben. Einzelne Berufe wie Heilberufe können in den USA nur mit Lizenz ausgeübt werden, deutsche Jugendliche mit einer solchen Ausbildung sind vom PPP ausgeschlossen. Sehen Sie dort Verbesserungsbedarf im Austausch mit den USA?
Wir nutzen natürlich die Möglichkeiten vor Ort, um mit der Wirtschaft und Verbänden ganz allgemein über diese Probleme zu sprechen. Wenn ein Stipendiat nicht in seinem erlernten Beruf unterkommt, kann man das bedauern. Es gibt aber durchaus Beispiele, wo ein Bankkaufmann sich als Eventmanager super geschlagen hat. Grundsätzlich ist es tatsächlich so, dass es für viele Berufe in den USA nicht die passende Entsprechung gibt. Aber da spielt Flexibilität eine Rolle.
Ihren persönlichen Erfahrungen nach: Was denken Sie, was Deutschland und die USA unterscheidet?
Die Weite des Landes vermittelt einem eine ganz andere Bedeutung von Mobilität. Religiosität spielt eine andere Rolle. Die Schule gestaltet das Freizeitprogramm stark mit. Die amerikanische Sicht- und Denkweise ist eher auf die eigene Nation gerichtet. Der Staat ist dort für sehr viel weniger zuständig, die Menschen stehen mehr auf eigenen Beinen. Das größte Aha-Erlebnis für mich in den USA ist aber, immer wieder festzustellen, was für tolle junge Leute am PPP teilnehmen. Ich bin jedes Mal erstaunt, welch enormes Wissen und Urteilsvermögen die Stipendiaten haben. Sowohl auf deutscher, als auch auf amerikanischer Seite.









